
Gespräche mit Klaus-Michael Kühne hatten stets den gleichen Zuschnitt – vor allem im Nachgang. Nachdem er seine Sätze zur Freigabe daheim in der Schweiz gelesen hatte, rief er an und formulierte neu. Die Kritik an den Verantwortlichen des Hamburger SV wurde ordentlich nachgeschärft.
Kühne nahm kein Blatt vor den Mund. Gab er eines seiner seltenen Interviews zur Lage beim HSV, bestimmte das tags drauf die Schlagzeilen in Hamburg. Häufig sogar in ganz Deutschland: Kühne betonte stets, wie schwach das jeweilige Management seines Lieblingsvereins sei.
Besonders Bernd Hoffmann und Dietmar Beiersdorfer durften sich angesprochen fühlen – die Vorstände waren in Kühnes besonders aktiven Jahren zwischen 2010 und 2018 meist Verhandlungspersonen und Zielscheibe seiner Kritik gleichermaßen.
Zahllose Male reisten die beiden nach Mallorca auf Kühnes Anwesen und kamen meist mit vollen Taschen zurück, denn Kühne war so vermögend wie gutgläubig. Beinahe jedes Konzept der beiden ließ ihn das Portemonnaie zücken, wenn die Versprechen nur glaubhaft genug waren, den HSV zurück zu alter Größe zu führen.
„Ich selbst verstehe ja nichts vom Fußball“
Er selbst hat dabei immer versucht, Felix Magath in eine führende Rolle zu bringen. Einzig „Quälix“, wie Magath ob seiner Trainingsmethoden genannt wurde, schien der fleißige Milliardär geeignet zu finden, den Hamburgern Beine zu machen: „Ich selbst verstehe ja nichts von Fußball.“ Doch sein Wunschkandidat scheiterte Mal um Mal an den Widerständen aus den Gremien und manchmal auch an sich selbst.
1937 in Hamburg geboren und seiner Heimatstadt über Spenden, Mäzenatentum und Stiftungsgründungen eng verbunden, verkündete Klaus-Michael Kühne im Juni 2018, den HSV nicht mehr unterstützen zu wollen. Vier Jahre später jedoch unternahm er den größten Vorstoß: für 120 Millionen Euro wollte er mit seiner Kühne Holding AG die Anteile an der HSV Fußball AG von 15,21 auf 39,9 Prozent erhöhen.
Dafür verlangte er Mitsprache bei der Besetzung der Führungsgremien als Gegenleistung. Dieser Versuch scheiterte an der Satzung des HSV und am Widerstand der Vereinsmitglieder gegen eine Machtverschiebung zugunsten eines Investors. Die Satzung begrenzt den Einfluss eines externen Investors auf 24,9 Prozent.
Sein kühner Deal platzte. Doch auch ohne dieses Millionen-Investment wird die Höhe seines finanziellen Einsatzes für den HSV in Form von Darlehen, Wandelanleihen, Anteilskäufen und dem Erwerb des Stadionnamens auf deutlich mehr als 500 Millionen Euro geschätzt.
Kurios, aber auch vielsagend, dass Kühne selbst nach dem verlorenen Duell mit den Mitgliedern nicht vom HSV lassen konnte und zwei Jahre später ein 30-Millionen-Euro-Darlehen in Anteile umwandelte.
Zu Geld gekommen war Kühne als langjähriger Vorstandsvorsitzender des Logistik-Dienstleisters Kühne + Nagel AG. Sein Großvater hatte das Unternehmen gegründet. Über all die Jahre blieb sein Engagement zum Wohle der Stadt und ihres wichtigsten Klubs umstritten. Das hat er häufig beklagt.
Sein Lieblingsspieler war Rafael van der Vaart
Was im Sommer 2010 damit begonnen hatte, dass Klaus-Michael Kühne für 12,5 Millionen Euro 33 Prozent der Transferrechte an sechs Spielern bekam, unter anderen Heiko Westermann und Dennis Aogo, steigerte sich dank seiner Millionen zwei Jahre später zum zweiten Kauf seines Lieblingsspielers Rafael van der Vaart.
2017 „überlebte“ der HSV nur dank weiterer Kühne-Millionen für Einkäufe und Gehälter. Den Abstieg 2018 verkraftete er mit der Hoffnung, dass der HSV „nun mal wieder öfter gewinnen“ würde. Entgegen der Ankündigung blieb er am Ball und war weiterhin gerngesehener Geldgeber.
Erst mit den weiteren Zweitligajahren und der neuen Führung um Vorstand Eric Huwer wurde es ruhiger um die turbulente Verbindung zwischen dem Milliardär und seinem Spielzeug. Gab es Bewegungen in den Finanzen, wurde hinter verschlossenen Türen verhandelt. Kühne äußerte sich seltener zum HSV, war auch seit 2015 bei keinem Spiel mehr im Volkspark. Zuletzt klagte er über Lähmungserscheinungen in den Füßen, was seine Bewegungsfähigkeit zu seinem Leidwesen minderte.
Seit Januar machte die Kunde die Runde, dass es ihm zunehmend schlechter gehen würde. In der Nacht zu Montag ist Klaus-Michael Kühne im Alter von 89 Jahren im schweizerischen Ort Schindellegi gestorben. Die Ehe des zweitreichsten Deutschen blieb kinderlos. „Der HSV verliert einen treuen Gesellschafter, Unterstützer und leidenschaftlichen Anhänger“, schrieb der Fußball-Bundesligaklub auf seiner Website: „,KMKʻ“ war für den HSV stets da, wenn dieser ihn brauchte.“
Noch ist der Nachlass nicht eröffnet. Die Anteile an der HSV AG lagen bei der Kühne Holding und gehen wie sein gesamtes Erbe in den Besitz der gemeinnützigen Kühne-Stiftung über. Das hatte er noch zu Lebzeiten verfügt.
