Deutschland sollte raus aus dem Euro – und was das Land in den letzten Wochen erlebt hat, „war ein ganz normaler Sommer“. Die Ko-Vorsitzenden der AfD, Alice Weidel und Tino Chrupalla, provozieren mit ihren Aussagen in ihren Sommerinterviews in ARD und ZDF Widerspruch von Fachleuten und politischen Gegnern. Der Währungsfachmann Volker Wieland sagte zu Weidels Euro-Aussagen: „Frau Weidel geht es um eine fundamentale Abkehr von Euro und EU. Beides würde Deutschland wirtschaftlich und politisch extrem schwächen.“
Die klima- und energiepolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Nina Scheer, widersprach ihrerseits Chrupalla mit scharfen Worten. „Wer die sich häufenden Extremwetter, Hitze und Dürre, als normal bezeichnet, erklärt auch gegenüber 12.000 Hitzetoten und ihren Angehörigen, keinen Handlungsbedarf zu erkennen“, sagte sie am Montag. „Das ist Politikverweigerung: Die AfD verschiebt Verantwortung, statt sich ihr zu stellen.“
AfD-Chefin Weidel hatte am Sonntag im ZDF die Forderung aus dem Bundestagswahlkampf 2025 nach einem deutschen Euro-Austritt untermauert. „Was wir sehen, ist, dass der Euro eine instabile Währung geworden ist“, sagte die studierte Volkswirtin und sprach von einer „Weichwährung“. Die „Aufblähung“ der Bilanz der Europäischen Zentralbank (EZB) „von rund sechs Billionen Euro“ habe nicht nur den Euro geschwächt, sondern zu einer riesigen Umverteilung von „der arbeitenden Bevölkerung hin zu den Vermögenden“ geführt. „Deutschland ging es deutlich besser vor der Euro-Einführung“, bilanzierte die Ko-Vorsitzende der AfD und verwies auf die Schweiz, die mit dem Franken besser dastehe als Deutschland mit dem Euro.
Der Frankfurter Finanzökonom Wieland, der während der Eurokrise selbst ein Kritiker der Rettungspolitik der EZB war, bezeichnete Weidels Aussagen als „völlig irreführende Kritik“. Die EZB verfolge das Ziel, die Kaufkraft innerhalb des Euroraums stabil zu halten, erfolgreich. Von einer Weichwährung könne keine Rede sein. Die wichtigste Kennzahl für die Preisstabilität ist die Inflation von durchschnittlich etwa zwei Prozent im Euroraum. Seit der Euro-Einführung schwanke die Inflation um diesen Wert. Dass die AfD trotz dieser insgesamt positiven Bilanz gegen den Euro wettert, wundert Wieland nicht. „Die Euro-Kritik gehört seit ihrer Gründung zur DNA der AfD“, sagte er der F.A.Z.
Weidels These, dass die EZB-Politik zu Umverteilung geführt habe, bestätigte der Ökonom dagegen. Infolge der Euroschuldenkrise hatte die Notenbank den Zins auf null gesetzt und im großen Stil Wertpapiere aufgekauft. „Davon haben vor allem die Menschen profitiert, die schon Immobilien und Wertpapiere besaßen, weil die Preise gestiegen sind“, sagt Wieland. Bei aller Kritik im Detail sei das aber ein legitimes Kriseninstrument gewesen, um die Wirtschaft anzukurbeln.
Dass es Deutschland heute schlechter gehe als vor dem Eurobeitritt, sei hingegen „grundfalsch“, so Wieland, der bis 2022 Mitglied des Sachverständigenrates war und heute Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) berät. Das Bruttoinlandsprodukt je Kopf, das den materiellen Wohlstand misst, sei der Jahrtausendwende hierzulande deutlich gestiegen.
„Auch politisch wäre der Austritt ein Desaster“
Der Austritt aus dem Euro sei zudem nur im Paket mit einem Austritt aus der Europäischen Union zu haben. „Vor so einem unilateralen Austritt kann ich nur warnen“, sagte Wieland. Der Handel würde dadurch erschwert, unter anderem, weil der Wechselkurs mit den wichtigsten Handelspartnern im Euroraum nicht mehr fixiert wäre. „Auch politisch wäre der Austritt ein Desaster“, warnte Wieland. Deutschland habe international nur im Verbund mit der EU eine nennenswerte Stimme. „Eine totale Abkehr würde Deutschland schwächen – wir müssten vor Trump und Putin kuschen“, sagte der Ökonom.
Der AfD-Mitvorsitzende Chrupalla hatte fast zeitgleich in der ARD gesagt, die Verantwortung der Menschen für den Klimawandel sei gering, die Wissenschaft zeige sich über die Erderwärmung uneins, und statt auf den Klimaschutz sollte sich die Politik auf die Anpassung konzentrieren. Er sprach von „Panikmache“ und davon, dass der Klimawandel bei den Bürgern kein prioritäres Thema sei: „Mit diesem Thema möchte man von dem wirklichen Problem in Deutschland ablenken.“

SPD-Politikerin Scheer erwiderte, Klimaanpassung und Klimaschutz seien wichtig „für die Lebensrettung“. Sie stellte sich hinter die Forderung von Umweltminister Carsten Schneider (SPD), „die verfassungsrechtlichen Voraussetzungen zu schaffen, um wirksam über alle staatlichen Ebenen hinweg den Hitzeschutz voranbringen zu können“.
Auch der Klimawissenschaftler Niklas Höhne, Gründer und Chef des New Climate Institute in Köln, kann über Chrupallas Aussagen nur den Kopf schütteln. „Die AfD hat eine lange Tradition, den menschengemachten Klimawandel zu leugnen, und benutzt dazu immer wieder dieselben Argumente“, sagte er. „Die Ballung von Falschaussagen in einem einzigen Interview ist haarsträubend, gefährlich und eine neue Dimension der Leugnung.“
Anders als Chrupalla behaupte, sei der Einfluss des Menschen auf das Klima „enorm, nachgewiesen und eindeutig der Stand der Wissenschaft seit mindestens 20 Jahren“, stellte der Physiker und Professor an der Universität Wageningen fest. „2026 ist kein ‚ganz normaler Sommer‘, wie Herr Chrupalla sagt, sondern wäre nachgewiesenermaßen ohne den menschengemachten Klimawandel so gar nicht möglich gewesen.“
Es sei nötig, sich an den Klimawandel anzupassen. „Aber die beste Anpassung nützt nichts, wenn wir nicht auch Treibhausgasemissionen auf null reduzieren, denn sonst läuft uns der Klimawandel davon.“ Höhne sieht in den Aussagen des AfD-Vorsitzenden eklatante Wahrheitsverdrehungen, etwa in dem Satz, Klimapolitik sei nur dazu da, den Bürgern Geld aus der Tasche zu ziehen.
