Jahrelang gehörte es zum guten Ton, die chilenische Schriftstellerin Isabel Allende gering zu schätzen. Roberto Bolaño etwa sagte: „Ich glaube nicht einmal, dass sie eine Schriftstellerin ist, eher eine Schreiberin.“ Und warf ihr vor, „die Hitparade mit Literatur“ zu verwechseln. Der amerikanische Literaturkritiker Harold Bloom schrieb, er erkenne „keine ästhetische Leistung“ in ihren Büchern. Und der chilenische Diplomat und Schriftsteller Jorge Edwards soll der Literaturagentin Carmen Balcells – die Autoren wie García Márquez und Vargas Llosa, aber auch Allende zu internationalen Größen machte – gesagt haben, Allendes Bücher seien „keine Literatur“. Auf Balcells’ Frage, ob er sie denn gelesen habe, antwortete er: „Nein – und ich habe es auch nicht vor.“
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Allende war sich stets bewusst, wie voreingenommen ihre Werke „rezipiert“ wurden. Wie sie in ihrem neuen Essayband „Unsere Geschichten“ schildert, habe man sie nach dem Erfolg ihres ersten Romans zunächst als „späte Autorin des Booms“ bezeichnet, ihr dies aber rasch wieder abgesprochen, weil ihr „als Frau kein Platz unter den heiligen Kühen, in diesem Fall Ochsen, zustand“. Der „Boom latinoamericano“, ein literarisches und verlegerisches Phänomen der 1960er- und 1970er-Jahre, das lateinamerikanische Autoren weltbekannt machte, García Márquez, Vargas Llosa, Cortázar oder Carlos Fuentes, sei „ein Macho-Phänomen“ gewesen. Frauen hätten immer schon geschrieben, seien aber überhört worden, ihre Bücher kaum besprochen, kaum aufgelegt, an Schulen ignoriert. „Ist das nicht“, fragt sie, „eine Form von Zensur?“
Isabel Allende wurde 1942 in Lima, Peru, geboren, wo ihr Vater Tomás als chilenischer Diplomat tätig war. 1945 verließ er die Familie; ihre Mutter Francisca kehrte mit den drei Kindern nach Santiago de Chile zurück und heiratete später erneut einen Diplomaten. Die Familie zog häufig um, unter anderem nach Bolivien und Libanon.
„Das Geisterhaus“ war ihr Debüt
In Chile war Allende als Journalistin tätig. 1973, nach dem Putsch von General Augusto Pinochet gegen Präsident Salvador Allende – Cousin ihres Vaters – und dem Beginn der brutalen, bis 1990 andauernden Militärdiktatur, wurde sie ins Exil nach Caracas gezwungen: Ihr Stiefvater war Botschafter der gestürzten Regierung, sie selbst in Untergrundorganisationen aktiv. 13 Jahre lebte sie in Venezuela. Dort zog sie ihre zwei Kinder groß, erlebte das Ende ihrer ersten Ehe, verfasste Fernsehdrehbücher, die nie realisiert wurden, und schrieb ihren Debütroman „Das Geisterhaus“.
„Unsere Geschichten“ ist eine Mischung aus Reflexionen übers Schreiben, literarischem Ratgeber und schriftstellerischer Autobiographie. Darin berichtet Allende, wie „Das Geisterhaus“ entstand. In Caracas fühlte sie sich lange als gescheitert: „Bald würde ich vierzig Jahre alt sein und hatte nichts vorzuweisen.“ Dann begann sie, Briefe an ihren sterbenden Großvater in Chile zu schreiben – sie wollte ihm sagen, dass all die Familiengeschichten, die er ihr erzählt hatte, „nach seinem Tod nicht vergessen sein würden“. Die Briefe wurden immer mehr, bis daraus ein Roman entstand: die turbulente Geschichte der Familie Trueba über vier Generationen, während im Hintergrund eine politische Revolution ein ungenanntes lateinamerikanisches Land durchrüttelt.
Nachdem das Buch von zahlreichen Verlagen abgelehnt worden war, erschien es 1982 in Barcelona – und wurde sofort zum internationalen Erfolg. „Das Geisterhaus“ wurde in mehr als 40 Sprachen übersetzt, zweimal verfilmt und ist bis heute einer der beliebtesten Romane der spanischen Sprache.

Dem enormen Ruhm folgte prompt eine Welle der Kritik: Man warf Allende vor, García Márquez’ „Hundert Jahre Einsamkeit“ imitiert zu haben. Ihre männlichen Kollegen, schreibt sie, „sahen immer auf mich herab – sie sagten, ich sei sentimental, weil ich über die Liebe schrieb“. Dementsprechend wurde ihr Werk abwertend als „Frauenliteratur“ abgestempelt.
Der erste Vorwurf ist nicht ganz abwegig: Zwischen „Das Geisterhaus“ und dem Roman des kolumbianischen Nobelpreisträgers bestehen deutliche Ähnlichkeiten. Beide erzählen vom Aufstieg und Fall einer mächtigen Familie über Jahrzehnte und zeigen Übernatürliches als alltäglich, das Hauptmerkmal des sogenannten „magischen Realismus“. Beide arbeiten mit archetypischen Figuren – autoritäre Patriarchen, freisinnige Frauen mit spirituellen Kräften – und sind von einem allwissenden Erzähler in mythisch-epischem Ton erzählt.
Sie hat sich mit jedem Buch neu erfunden
Und doch unterscheiden sich die Bücher grundlegend. Allendes Roman ist zutiefst feministisch: Ihre Protagonistinnen stellen sich aktiv gegen Patriarchat und politische Gewalt. Während bei García Márquez die Zeit zyklisch verläuft, ist sie bei Allende linear: Die Erzählung selbst wird als heilendes Zeugnis präsentiert. So lässt ihr Ende, anders als García Márquez’ apokalyptischer Schluss, Raum für Hoffnung: Alba, eine der Protagonistinnen, verzichtet auf Rache an ihren Folterern und durchbricht damit den Kreislauf aus familiärem und politischem Hass.
In den mehr als 40 Jahren seit „Das Geisterhaus“ hat sich Allende mit jedem Buch neu erfunden und ein beachtliches, vielfältiges Werk geschaffen; etwas, das jene, die ihr bis heute Plagiat an García Márquez vorwerfen, gerne übersehen. Wie sie in „Unsere Geschichten“ betont, hat sie „literarische und historische Romane, Jugend- und Kinderbücher, einen Krimi, Erzählungen und mehrere autobiografische und essayistische Bücher“ geschrieben „und sogar ein Buch mit Kochrezepten“.
Zu den bekanntesten ihrer 20 Romane zählen „Eva Luna“, der von einer Frau handelt, die nur dank ihrem erzählerischen Talent überlebt, und „Inés meines Herzens“, das Porträt einer Frau, die den spanischen Eroberer Chiles im 16. Jahrhundert begleitete. Ihr eindrücklichstes autobiographisches Werk ist „Paula“, ein erschütterndes, genreübergreifendes Buch über den Tod ihrer Tochter 1992. Der Essay „Was wir Frauen wollen“ (2020) verbindet persönliche Erinnerungen mit feministischen Reflexionen über Patriarchat, Altern und weibliche Solidarität.
„Lass dich nicht aufhalten!“
Zum Vorwurf der „Sentimentalität“ schreibt Allende, sie setze in ihren Büchern anders als die meisten Schriftsteller des Booms „auf Solidarität und Liebe“. Doch sie übersieht auch nicht, dass dieser Vorwurf im Kern frauenfeindlich ist. Hätte statt García Márquez eine Frau „Die Liebe in den Zeiten der Cholera“ geschrieben, wie sie einmal sagte, man „hätte sie vernichtet“.
Im Jahr 1988 zog Isabel Allende nach Kalifornien, wo sie bis heute lebt. Nach dem Tod ihrer Tochter gründete sie eine Stiftung, die sich für die reproduktiven Rechte und die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Frauen einsetzt. Sie hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den chilenischen Nationalen Literaturpreis 2010 und vier Jahre später die Freiheitsmedaille des US-Präsidenten. Heute gilt sie als die meistgelesene lebende spanischsprachige Schriftstellerin weltweit.
Zu Beginn von „Unsere Geschichten“ sagt die heute vierundachtzigjährige Allende: „Da ich dem Ende meines Lebens entgegengehe, scheint es mir wichtig, einmal über das Schreiben zu schreiben.“ Das Buch ist aber vor allem die Bilanz einer ebenso begabten wie willensstarken Frau, die stets nach der Maxime gehandelt hat: „Lass dich nicht aufhalten! … Das gilt vor allem für Frauen. Andere dürfen an deinem Talent zweifeln, du selbst nicht. Du musst kühn sein, laut.“
Über den Begriff „Frauenliteratur“ sagt sie, ganz unsentimental, dass sie ihn ablehnt, denn er lege nahe, „Literatur werde von Männern – in der Regel weißen Männern – geschrieben“, was schlicht nicht stimmt. „Ich möchte einfach als ‚Schriftstellerin‘ bezeichnet werden“, sagt sie und fügt als subtile, gelassene, endgültige Replik auf Roberto Bolaños Grobheit hinzu: „Oder, wenn einem das lieber ist, als ‚Schreiberin‘.“ Isabel Allende muss nichts mehr beweisen.
Isabel Allende, „Unsere Geschichten. Über das Schreiben“. Aus dem Spanischen von Svenja Becker, Suhrkamp Verlag, 194 Seiten, 22 Euro.
