„Biep. Biep. Biep“: Bei Sabine Adolphs piept es fast den ganzen Arbeitstag. Manch einen würde das Dauergeräusch verrückt machen. „Ich höre das gar nicht mehr. Wenn überhaupt, gibt es mir ein Sicherheitsgefühl“, sagt die 60 Jahre alte Adolphs. Sie sitzt an der Kasse, und zwar gern. „Sie dürfen auflegen.“ Gurke, Kekspackung, Fleischpaket und gefühlt zehn weitere Produkte zieht sie über den Scanner. „Mit Karte?“ – „Haben wir gleich.“ – „Schönen Tag noch.“ Und so geht es tatsächlich den Tag lang. „Ich finde das abwechslungsreich, weil man mit Menschen zu tun hat, und Menschen sind unterschiedlich“, sagt Adolphs.
In der Tat sind sie das. Da gibt es die Stammkunden, die es genießen, mit Namen angesprochen zu werden. Man grüßt sich, man kennt sich. Seit 18 Jahren, so lange besteht der Edeka-Markt in Würselen, einer Kleinstadt nördlich von Aachen. Es gibt die Eiligen, denen es nie schnell genug gehen kann, die Stoischen, die schicksalsergeben das Anstehen über sich ergehen lassen, die Vergesslichen, die versäumt haben, ihre drei Äpfel auszuwiegen. Dann springen Adolphs oder ihre Kollegen auf und gehen ein paar Meter zur Waage nahe den Kassen. Ärgerlich findet sie das nicht. Auch wenn es sich staut. „Es nützt nichts. Wir haben alle nur zwei Arme, zwei Beine, nur einen Kopf. Mehr geht nicht.“ Außerdem: „Es hält fit.“
Quereinsteigerin überzeugte mit Lebenslauf
Und fit muss sie sein für diese Arbeit. „Die ganze Zeit die Konzentration aufrechtzuerhalten, ist eine große Herausforderung“, sagt ihr Chef, Inhaber Ralf Bellefroid, während eines gemeinsamen Gesprächs im versteckt gelegenen Kassenraum. Seine Angestellte nickt. Sich zu konzentrieren, sei entscheidend. „Denn es ist nicht mein Geld“, sagt sie. Das Bewerbungsgespräch verlief denkbar unspektakulär. Man kannte einander. Adolphs war langjährige Kundin in einem früheren Geschäft. Das ist knapp zwei Jahrzehnte her.

Sabine Adolphs verkörperte das, was sich schlicht „gestandene Frau“ nennt. „Wunschberuf, Ehe, Kinder, das hatte ich alles.“ Die beiden Töchter waren groß, zurück in ihren Ausbildungsberuf zog es die gelernte Anwaltsgehilfin nicht. „Das wäre auch schwer gewesen, nach so langer Zeit da wieder reinzukommen.“ Ihr Mann war als Textilgroßhändler selbständig, sie hat da mitgearbeitet, trauert der zunehmend schwieriger werdenden Branche aber nicht hinterher. Ein Lebenslauf, den ihr Chef lobt: „Frau Adolphs denkt mit, hat ein bisschen mehr den Rundumblick und achtet auf die Kosten.“ Ohnehin gebe es – abgesehen von den klassischen Bedienungsabteilungen – viele Quereinsteiger. 14 Menschen arbeiten hier, davon neun Festangestellte in Vollzeit. Das Tarifgehalt für Kassierer beträgt monatlich rund 3200 Euro brutto. Bellefroid zahlt etwas mehr. Gute Mitarbeiter zu finden, sei nicht leicht.
Ihr Selbstverständnis jenseits des „Supergeil“-Songs
Trotz der Scannerkassen müssen diese zumindest noch die Artikelnummern für Obst und Gemüse parat haben. Kein Problem beim Kopfsalat, herausfordernder bei Papayas, die selten übers Band zuckeln. Ohne Flexibilität läuft nichts. Ist nur eine der fünf Kassen offen und droht ein kleiner Kundenstau, wird Unterstützung herbeigerufen. Vor allem an Freitagen und Samstagen, wenn hier 50 Prozent des Wochenumsatzes gemacht werden. Oder die speziellen Leute kommen, die stets kurz vor Feierabend eintreffen. Wenn die Kassierer genau dann Ware einräumen, müssen sie unterbrechen und zur Kasse. Adolphs „verräumt“ Obst und Kräuter und ist für Süßwaren und Zeitschriften zuständig. Sie nascht gern. Dass man ihr das nicht ansieht, liegt an ihren Hobbys, „wir fahren viel Fahrrad und wandern“.

Gern hat sie es mit älteren Kunden zu tun. Auch wenn die manchmal unter Stress geraten, weil sie ihre Karten-PIN nicht präsent haben. Manche schauen mehrmals am Tag vorbei, um zwei, drei Dinge zu kaufen. Manchmal haben sie vergessen, dass sie noch Butter brauchen, manchmal sind sie einfach nur froh, unter Menschen zu sein. „Wir werden alle älter“, sagt Adolphs. Sie hilft dann auch mit dem Herunterladen einer App oder beim Einpacken, gutmütig und gepaart mit einem Anflug von stolzem Selbstverständnis: „Wir versuchen schon, uns von den Discountern abzusetzen.“ Dafür gibt es oft ein Dankeschön und zu großen Festen hier und da eine Kleinigkeit: Pralinen, Blumen, eine Flasche Sekt.
Dass sie kritisch registriert, ob jemand nur Fast Food auflädt, üppig Alkohol oder Bioflocken einkauft – das komme nicht vor. „Darüber habe ich mir noch nie Gedanken gemacht. Das läuft an mir vorbei.“ Auch für den kultigen „Supergeil“-Supermarktsong des Künstlers Friedrich Liechtenstein oder den ikonischen Ritas-Welt-„Was kosten die Kondome?“-Gag hat sie nur ein müdes Lächeln. Klar kennt sie die. Werbung und Comedy halt. Der Nächste bitte.
Im Lockdown ein „Freizeitpark“
Obgleich die Routinen eingeschliffen sind, werde es nie langweilig. Das ging schon zur Eröffnung des Geschäfts los. Die verzögerte sich im Dezember 2007, sodass die ein halbes Jahr vorab bestellte Weihnachtsware nicht mehr verkauft wurde. Viel wurde reduziert oder der „Tafel“ geschenkt, die regelmäßig Ware erhält. Bellefroid arbeitet auch mit Foodsharing zusammen, zweimal in der Woche wird Ware gespendet. „Wir versuchen, möglichst keine Lebensmittel zu vernichten.“
Turbulent wurde es auch zu Corona-Zeiten. „Zu den Lockdownzeiten waren wir der Freizeitpark“, sagt Ralf Bellefroid. Er zimmerte eigenhändig aus Dachlatten Trennwände an der Kasse und setzte mit seinem Team um, was das Ordnungsamt forderte. „Die ersten zehn Kunden morgens kauften Toilettenpapier“, erinnert sich Adolphs leicht amüsiert.
Für Abwechslung sorgt auch die dunkle Seite des Handels: Ladendiebstahl. Bizarr sei das bei langjährigen Kunden, die es als Kavaliersdelikt empfinden, weil ja vieles so teuer geworden sei. Krasser sind die Vorfälle von Bandenkriminalität: Der Einkaufswagen wird vollgeladen und über den Eingang wieder rausgefahren, wo einer dafür sorgt, dass sich die Schranken öffnen. Das läuft so schnell und mit hoher krimineller Energie ab, dass die Täter meist mit der Beute entkommen. Auch Diebe, die für 250 Euro Parmesan aus der Käsetheke entwenden, gab es schon. Ist jemand mit großer Sporttasche unterwegs, bittet Adolphs, diese zu öffnen. Der Großteil der Kunden mache das anstandslos mit. Leider gebe es auch andere. „Die denken, ich sei unkonzentriert, mich könne man betuppen.“ Aber die hätten die Rechnung ohne sie gemacht.
Die Kasse, das sei „für uns die wichtigste Position“, sagt Supermarktinhaber Bellefroid. „Das ist die letzte Station, die der Kunde hoffentlich mit einem guten Gefühl verlässt, auch wenn er sich an der Fleischtheke vielleicht geärgert hat.“ Im Falle von Sabine Adolphs, so scheint es, muss er sich keine großen Sorgen machen, dass genau das geschieht.
