
Die geplante Verschärfung der Präsenzpflicht für Beschäftigte ist bei Airbus vorerst vom Tisch. Nach anhaltendem Unmut in der Belegschaft ist der europäische Flugzeughersteller zurückgerudert. Die Konzerngeschäftsführung in Toulouse erlaubt Beschäftigten nun weiterhin, zweimal in der Woche von zu Hause zu arbeiten. Geplant war, dies von September an nur noch an einem Tag zu gestatten.
„Wir streben eine verstärkte Präsenz vor Ort an, um eine bessere kollektive Effizienz, den Wissenstransfer und eine schnellere Entscheidungsfindung zu gewährleisten“, teilte ein Konzernsprecher am Freitag mit. Wirksame Veränderungen erforderten jedoch, dass man den Mitarbeitern zuhöre. Auf Grundlage des Feedbacks der Mitarbeiter habe man daher beschlossen, „diesen Übergang schrittweise umzusetzen“.
In einer Reihe von Unternehmen haben verschärfte Präsenzpflichten für innerbetriebliche Spannungen gesorgt. In Deutschland brodelte es unter anderem bei VW, der Deutschen Bank oder dem Werbekonzern Ströer. Während sich Arbeitgeber davon eine bessere Zusammenarbeit im Team, eine bessere Integration neuer Mitarbeiter und mitunter auch stärkere Kontrolle versprechen, pochen viele Arbeitnehmer auf die seit der Corona-Pandemie gewonnene Flexibilität – wenngleich es eine Minderheit der Berufe bleibt, in denen Homeoffice überhaupt praktikabel ist.
„Man muss zusammenkommen, um zusammenzuarbeiten“
Bei Airbus war der Widerstand besonders groß. Das galt sowohl für die Standorte in Frankreich und Deutschland als auch in Großbritannien. In Spanien kam es gar zu Streiks. „Der Brief aus Toulouse wendet sich gegen eine hochengagierte Belegschaft“, empörte sich im Juli der deutsche Betriebsratsvorsitzende Thomas Pretzl, nachdem der Vorstandsvorsitzende Guillaume Faury die Rückkehr ins Büro schriftlich angeordnet hatte. Man setze „auf Vertrauen statt Verbote“, so Pretzl, und die Infrastruktur und Parkplätze vor Ort reichten für eine plötzliche Rückkehrwelle überhaupt nicht aus.
Ein erfolgreiches Auflehnen gegen die Vorgaben der Geschäftsführung wie bei Airbus ist allerdings selten. In den allermeisten Unternehmen wurden beschlossene Verschärfungen zu Regeln, ins Büro zu kommen, auch umgesetzt. In Frankreich mit seiner traditionell besonders hierarchischen Arbeitswelt ist seit einiger Zeit von einer großen Rückkehr ins Büro die Rede. „Aufstieg und Untergang des Homeoffice“, titelte die Wirtschaftszeitung „Les Echos“ vergangenen Sommer in einem Meinungsartikel kritisch. Sowohl in der Gesetzgebung als auch in der Mentalität sei Frankreich oft zu unflexibel.
„Man muss zusammenkommen, um zusammenzuarbeiten“, sagte im Gespräch mit der F.A.Z. dagegen unlängst Slawomir Krupa, der Vorstandsvorsitzende der Pariser Großbank Société Générale. Die Präsenzpflicht verschärft er sukzessive. Von Oktober an sollen die Mitarbeiter in Frankreich nur noch einen Tag in der Woche von zu Hause arbeiten können. Auch andere Konzerne wie Versicherer Axa, Autohersteller Stellantis und Energieriese Engie haben das Homeoffice begrenzt, sodass man den Eindruck gewinnen konnte, ähnlich wie in den USA gebe es eine große Rückkehrwelle in die Büros.
Vor zwei Jahren war die Homeoffice-Quote niedriger als heute
Dabei geben die Zahlen das nur bedingt her. In Deutschland ist die Homeoffice-Quote zuletzt recht stabil geblieben. Nach Angaben des Münchner Ifo-Instituts arbeiteten Anfang des Jahres rund 24 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland zumindest teilweise von zu Hause. Im März 2021, während der Pandemie, lag die Quote demnach deutlich über 30 Prozent, vor zwei Jahren lag sie aber auch schon niedriger als heute.
Auch eine Auswertung zum Homeoffice bei französischen Führungskräften widerspricht dem Bild der großen Rückkehrwelle in die Büros. Im Jahr 2025 haben neun von zehn französischen Unternehmen ihre Homeoffice-Richtlinien nicht geändert, ergab eine im März veröffentlichte Studie der Führungskräfteorganisation Apec. In diesem Jahr dürften es sogar noch weniger sein. Die Ankündigungen einzelner Konzerne seien nicht repräsentativ für die Gesamtwirtschaft.
Folgt man der Studie, schätzt man das Homeoffice auch in den Führungsetagen viel stärker, als man meinen könnte. 67 Prozent der Unternehmen, die das Arbeiten von zu Hause erlauben, sind demnach der Meinung, dass sich dies positiv auf die Lebensqualität am Arbeitsplatz auswirke. Nur neun Prozent sprechen von einem negativen Einfluss. 45 Prozent sehen im Homeoffice auch einen positiven Einfluss auf die Produktivität der Beschäftigten. Auch hier ist es mit zwölf Prozent nur eine deutliche Minderheit, die einen negativen Einfluss konstatiert. „Im Falle einer Reduzierung der Anzahl der Homeoffice-Tage rechnen viele Unternehmen mit Auswirkungen auf die Attraktivität, die Motivation und die Bindung von Führungskräften“, resümiert Apec.
„Kein individuelles Recht“
Das im Vergleich zu Deutschland deutlich bessere Kinderbetreuungsangebot in Frankreich kann es erleichtern, wieder häufiger ins Büro zu kommen. Ein Problem bleibt allerdings überall die ungleiche Verteilung der Präsenztage im Wochenverlauf. Wo nach der Pandemie Büroflächen reduziert wurden, knubbelt es sich heute oft von Dienstag bis Donnerstag – während man freitags gerne direkt vom heimischen Schreibtisch aus ins Wochenende startet. Viele Unternehmen in Deutschland wie in Frankreich haben deshalb zwar den Homeoffice-Anspruch nur leicht eingeschränkt, dafür aber Präsenzpflichten an Freitagen eingeführt.
Der Engie-Konzern etwa erlaubt gemäß der im vergangenen Jahr festgelegten Betriebsvereinbarung zwei Tage Homeoffice in der Woche, aber nur maximal an einem Freitag im Monat. „In unserem ehemaligen Hauptsitz in La Défense waren an manchen Freitagen nur 20 Prozent der Belegschaft anwesend“, sagte Personalvorstand Jean-Sébastien Blanc der Zeitung „Les Echos“. Aus menschlicher und wirtschaftlicher Sicht sei das „nicht akzeptabel“. Man habe zudem in einigen Ländern Missbräuche festgestellt, bei denen Homeoffice, Arbeitszeitausgleich und Urlaub vermengt worden seien.
Blanc betont, dass Homeoffice eine „organisatorische Flexibilität“ sei, „kein individuelles Recht“. Die Mitarbeiter müssten vor Ort sein können, wenn das Unternehmen sie brauche. „Wenn ein Großprojekt drei Monate lang tägliche Präsenz erfordert, sollte dies kein Problem darstellen, sofern wir frühzeitig planen, damit sich die Teams entsprechend organisieren können“, sagte er. Wie andere Unternehmen bemüht sich Engie zugleich, die verstärkte Rückkehr ins Büro mit einem angenehmeren Arbeitsumfeld zu erleichtern. In den USA bietet der Konzern freitags ein kostenloses Frühstück an. Der Spirituosenhersteller Pernod Ricard und der Pharmahersteller Sanofi haben das an ihren Pariser Standorten schon vor längerer Zeit eingeführt.
