
Mitten in Berlin grenzt die Bundesrepublik an Russland. In der Friedrichstraße steht das Russische Haus, betrieben von einer Regierungsagentur des Außenministeriums in Moskau, die es als Kulturzentrum deklariert. In der Taubenstraße ganz in der Nähe ist vor einigen Wochen eine Außenstelle des Bundesministeriums für Digitales und Staatsmodernisierung eingezogen. Die Gebäude liegen nebeneinander, Wand an Wand. Politiker wie der CDU-Bundestagsabgeordnete Roderich Kiesewetter sehen darin ein Sicherheitsrisiko. Sie vermuten schon länger, dass das Russische Haus zur Spionage genutzt wird.
Klar ist: Geheimdienste könnten ein Interesse daran haben, Mitarbeiter des benachbarten Ministeriums auszuspähen. Dem „Tagesspiegel“ zufolge ist dort eine Abteilung untergebracht, in deren Zuständigkeit das Referat „Sicherheit und Resilienz öffentlicher Telekommunikationsnetze“ fällt – also die Frage, wie sich Deutschlands kritische Infrastruktur in diesem Bereich gegen Angriffe schützen lässt.
Ein Ministeriumssprecher erklärte der Zeitung, man habe sich für den Standort entschieden, „weil das Gebäude im Bundeseigentum steht und für die Nutzung durch ein Bundesministerium ausgelegt ist“. Es passe zu den Bedürfnissen des Ministeirums und habe eine geeignete Größe. „Von Anfang an wurden alle relevanten Sicherheitsbehörden intensiv eingebunden“, zitiert der „Tagesspiegel“ den Sprecher. „Alle empfohlenen Sicherheitsmaßnahmen werden konsequent umgesetzt.“
Nachbarschaft erleichtert Spionen grundsätzlich die Arbeit. Denkbar ist etwa, dass Gespräche belauscht werden. Der Informatiker Markus Kuhn von der Universität Cambridge verweist im Gespräch mit der F.A.Z. auf sogenannte Lasermikrofone. Diese können die Schwingung eines Fensterglases oder eines Kaffeebechers aufzeichnen, die entsteht, wenn jemand in einem Raum spricht.
Mithilfe eines Interferometers lässt sich die Schwingung in gesprochene Sprache übersetzen. Zumindest unter Laborbedingungen funktioniere das, sagt Kuhn. Wie es in der Praxis aussehe, sei schwer zu beurteilen, denn „Leute, die so etwas anwenden, veröffentlichen keine Studien über ihre Erfolgsquoten“. Schutz könne ein Rauschgenerator bieten, also ein kleiner Lautsprecher am Fenster, der ein Störsignal aussendet.
„Eine ganze Industrie, die an Maßnahmen dagegen arbeitet“
Abfangen lassen sich auch Funksignale, die über das WLAN oder über Bluetooth übertragen werden. Kabellose Tastaturen oder Kopfhörer böten eine Angriffsfläche, sagt Kuhn. Ein Videokabel zwischen Computer und Bildschirm könne ungewollt elektromagnetische Impulse abgeben, die sich mit speziellen Empfängern aufzeichnen ließen. Zumindest in manchen Fällen lasse sich auf diese Weise ein Bild rekonstruieren.
„Es gibt eine ganze Industrie, die an Maßnahmen dagegen arbeitet“, sagt Kuhn. „Die NATO hat Schutzstandards definiert, einzelne akkreditierte Hersteller bieten Computer mit zusätzlicher elektromagnetischer Abschirmung an. Da werden Gehäuse modifiziert, Videokabel stärker abgeschirmt, Bildschirme mit leitenden Folien ausgestattet.“ Für Behörden, die mit Verschlusssachen arbeiten, sei die Verwendung solcher Computer gesetzlich vorgeschrieben.
Gleichzeitig entwickele sich die Technologie rasant. „Nachrichtendienste haben mindestens seit den Fünfzigerjahren eigene Forschungsabteilungen, die sich mit all diesen Dingen befassen. Da arbeiten Leute, die Ihnen 20 Möglichkeiten nennen können, auf ein Telefon zuzugreifen, das in einem Gebäude in der Nähe steht.“ Kuhn hält es aber auch für möglich, dass die Nähe zu potentiellen Spionen einen positiven Effekt hat: „Wenn man den Gegner direkt vor der Haustür hat, ist das Sicherheitsbewusstsein erheblich geschärft. Diejenigen, die dort arbeiten, müssen sich ständig Gedanken darüber machen, welche Sicherheitsmaßnahmen praktikabel sind.“
Wie der „Spiegel“ berichtet, denkt die Bundesregierung mittlerweile über Sanktionen gegen das Russische Haus nach – als Reaktion auf den Drohnenvorfall am Leipziger Flughafen. Ein Abkommen mit Russland über „die Tätigkeit von Kultur- und Informationszentren“ könnte demnach zum Juni 2027 gekündigt werden. Ein anderes Abkommen hingegen, das 2013 unterzeichnet wurde, regelt die Nutzung von Grundstück und Gebäude an der Friedrichstraße. Es hat eine Laufzeit von 99 Jahren.
