
Ihre Pariser Wohnung mit Blick auf den Eiffelturm darf Xenia Fjordorowa nicht mehr betreten. Ein Pariser Gericht hat in den vergangenen Tagen zweimal Anträge ihres Anwalts abgelehnt, mit denen er das Aufenthaltsverbot für die frühere Direktorin von Russia Today in Frankreich aufheben lassen wollte. „Ich werde erst wiederkommen, wenn alle mich treffenden Maßnahmen aufgehoben oder annulliert sind“, schrieb die 45 Jahre alte Russin auf der Plattform X.
Frankreichs Außenminister Jean-Noël Barrot bezeichnete Fjordorowa in einem Beitrag als „eine professionelle Agentin, die vom Kreml gesteuerte Destabilisierungsaktionen leitete“. Sie sei ein Musterbeispiel dafür, wie Moskau versuche, die Politik zu unterwandern und den französischen Präsidentschaftswahlkampf zu beeinflussen.
Seit gegen Fjordorowa Ende Juli ein Ausreisebescheid verhängt wurde, dringen immer neue Details über das prorussische Netzwerk ans Licht, das die Frau aufgebaut hat. Eine wichtige Spur führt von Frankreich nach Deutschland.
Bewerbung am Russischen Haus in Berlin
Fjordorowa hat sich um die Nachfolge des bisherigen Direktors des Russischen Hauses für Wissenschaft und Kultur in Berlin, Pawel Iswolskij, beworben. Iswolskij ist im Frühjahr nach Russland zurückgekehrt. Der genaue Grund ist unklar; mutmaßlich wurde sein Diplomatenvisum nicht verlängert. Es wird vermutet, dass Fjordorowa den Posten in Berlin anstrebt, um diplomatische Immunität zu erhalten. Ihre Bewerbung liegt noch auf dem Tisch.
Fjordorowa spricht neben Französisch auch fließend Deutsch. Die deutschen Behörden haben jedoch bereits 2024 ein Einreiseverbot gegen sie verhängt, ohne großes Aufsehen zu erregen. Die Russin darf sich nicht auf deutschem Staatsgebiet aufhalten.
Zwischen Berlin und Paris fand ein reger Informationsaustausch über den Fall statt. In dem französischen Ausweisungsbescheid heißt es: Fjordorowa „trägt zur Verbreitung von Desinformation und Destabilisierung bei, mit dem Ziel, die öffentliche Meinung zu manipulieren, (…) das Vertrauen der europäischen Bürger in ihre Institutionen zu untergraben“. Zu diesem Schluss waren bereits die deutschen Sicherheitsbehörden gekommen.
In dem französischen Bescheid wird ausdrücklich Bezug auf das Russische Haus in Berlin genommen, das „als Tarnung für russische Geheimdienste“ benutzt werde.
Verbindung zu französischem Medienmogul
Fjordorowa beklagte in einem Interview, sie werde als „finsteres und teuflisches James-Bond-Girl dargestellt“. Das sei aber nur ein Klischee. Der Kreml bezeichnete ihre Ausweisung und das Einfrieren ihrer Vermögenswerte in Frankreich als „politische Verfolgung“.
Die am 26. Dezember 1980 als Ksenia Borchik geborene Tochter eines Luftfahrtingenieurs wuchs in Kazan in Tatarstan auf. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zog sie mit ihrer verwitweten Mutter und ihren sechs Geschwistern nach Wien. In der österreichischen Hauptstadt lernte sie Deutsch und Englisch, wie sie in ihrer Autobiographie mit dem Titel „Verbannt“ schreibt. Warum sie sich den Namen Xenia Fjordorowa zulegte, wird darin nicht erklärt.
Das Buch wurde in französischer Sprache beim Verlag Fayard ihres Mentors Vincent Bolloré veröffentlicht. Der bretonische Milliardär träumt von einer christlichen Restauration in seiner Heimat und sieht in Putins Russland einen Verbündeten im Kampf gegen die Islamisierung. Das Verhältnis des 74 Jahre alten Medienmoguls zu der 45 Jahre alten Fjodorowa soll über eine berufliche Förderung hinausgehen, schreibt die Zeitung „Le Monde“. Die Verbindung mit der Kremlpropagandistin soll die Söhne (und Erben) Bollorés beunruhigen und die französische Politik zum Handeln bewegt haben.
Es sei wie in einem Spionageroman aus dem Kalten Krieg, ließ sich ein Politiker von der Zeitung anonym zitieren. Einer der reichsten und einflussreichsten Männer Frankreichs sei vermeintlich einer jungen, vom Kreml gesteuerten Russin verfallen. Bolloré hat sein Medienimperium ausgebaut, das Zeitungen, Zeitschriften, Radio- und TV-Sender sowie Onlineportale umfasst.
Schon 2017 geriet sie mit Macron aneinander
Fjordorowa hat es stets verstanden, willige Förderer zu finden. Die Chefredakteurin von Russia Today (RT), Margarita Simonowna Simonjan, entdeckte sie und nahm sie unter ihre Fittiche. RT finanzierte ihr einen Master an der Berlin School of Creative Leadership. An der Spree war Fjodorowa für die 2013 gegründete russische Medienagentur Ruptly tätig und bereitete sich auf ihre zukünftige Aufgabe als Frankreich-Chefin von RT vor.
Eine journalistische Ausbildung absolvierte Fjordorowa nie. Kurz vor ihrem Umzug von Berlin nach Paris im Jahr 2017 ermunterte ihre Mutter Natalia in den sozialen Netzwerken mit den Worten: „Man muss Russland von ganzem Herzen lieben, blitzschnell auf Nachrichten reagieren und ihnen eine Bedeutung geben, sodass selbst in den entlegensten Winkeln der Welt die Zahl der Freunde Russlands weiterwächst. Du schaffst das!“
Schon damals hatten die deutschen Behörden Erkenntnisse zusammengetragen, wie Fjodorowa über ihre Tätigkeit bei Ruptly versucht hatte, Kremlpropaganda in Deutschland zu verbreiten. Als der frisch gewählte französische Präsident Emmanuel Macron den russischen Präsidenten Wladimir Putin am 29. Mai 2017 im Schloss von Versailles zum ersten Mal empfing, durfte Fjodorowa bei der Pressekonferenz in der Schlachtengalerie eine Frage stellen.
Die schmale junge Frau mit blassem Teint und feinem dunklen Haar beschwerte sich, dass Macrons Wahlkampfteam ihre Redaktion nicht für Wahlkampftermine akkreditiert hatte. Wann er denn ausländische Journalisten ernst zu nehmen gedenke, fragte sie. „Ich hatte schon immer ein vorbildliches Verhältnis zu ausländischen Journalisten – vorausgesetzt natürlich, es handelt sich um echte Journalisten“, erwiderte Macron. Russia Today und Sputnik hätten sich aber „wie Instrumente der Einflussnahme und der Lügenpropaganda verhalten“, sagte er, während Putin an seiner Seite erstarrte.
Auf diesen Vorfall nimmt Fjodorowa in einem jüngsten Beitrag im „Journal du Dimanche“ Bezug, um ihre Ausweisung als Folge einer persönlichen Feindschaft Macrons darzustellen. Die Sonntagszeitung gehört Bolloré. Die europäischen Sanktionen gegen RT infolge des russischen Angriffskriegs erwähnt sie in dem Beitrag mit keiner Silbe. „Die Fedorova“, wie sie in Frankreich genannt wird, hatte sich nach der Schließung des Senders im Januar 2023 schnell berappelt und sich im Medienimperiums Bollorés einen Namen gemacht.
Nah an den offiziellen Kremlverlautbarungen
Im französischen Fernsehsender CNews und im französischen Radiosender Europe 1 verdrehte sie mit warmer Stimme die Tatsachen. Moskau habe ukrainische Kinder vor dem Krieg gerettet, von Entführung könne keine Rede sein. Der zerstörerische Angriff auf das Kiewer Höhlenkloster sei das Ergebnis einer fehlgeleiteten amerikanischen Patriot-Rakete der ukrainischen Abwehr, sagte sie.
Als der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj am 14. Juli mit den Staats- und Regierungschefs der sogenannten Koalition der Willigen in Paris empfangen wurde, entrüstete sie sich über eine „Verwechselung“ von Nationalfeiertag und Unterstützung der Ukraine. In Paris kursiert eine kalenderartige Auflistung mit den Medienaussagen Fjodorowas und den offiziellen Kremlverlautbarungen, die sich nur in der Wortwahl unterscheiden.
Fjodorowa aber versuchte nicht nur, das Russlandbild in ihrer Wahlheimat zu prägen. Im Mai nahm sie an der ersten Sitzung des neuen „Institut de l’Espérance“ (Institut der Hoffnung) in Paris teil, dessen ausdrückliches Ziel es ist, den Ausgang der Präsidentenwahlen im nächsten Frühjahr „im christlichen Sinne“ zu beeinflussen. Unter dem Vorsitz Bollorés versammelten sich Kader des Rassemblement National, eine Ministerin der Republikaner, der Erzbischof von Nanterre, Intellektuelle und – Fjodorowa.
Medienmogul Bolloré hält weiterhin schützend seine Hand über sie. Nach Angaben ihres Anwalts hält sich die Russin derzeit im Ausland auf und sieht sich als Opfer von Zensur. Bislang jedoch hält der parteiübergreifende Konsens, sich gegen ausländische Einflussnahme zu verwahren. Sogar Präsidentschaftskandidatin Marine Le Pen hat auf Solidaritätsbekundungen für Fjodorowa verzichtet.
