
Insgesamt elfmal stach Thomas H. auf seine Frau ein: sechsmal in die rechte Halsseite, viermal in die linke Halsseite, und einmal in den Brustkorb. „Ich machte weiter, bis sie zusammensackte, bis sie auf dem Boden lag“, zitiert die Verteidigerin den Angeklagten, als sie dessen Einlassung verliest. Am Freitagmorgen ist der gut besuchte Saal A223 im Landgericht Osnabrück eigentlich still. Bis zu diesem Moment.
Mehr als drei Dutzend Frauen sind gekommen, junge und alte, vereinzelt sind auch Männer zu sehen. Eine Dame in der vorderen Reihe fängt an zu schluchzen, viele schütteln den Kopf, schauen betreten zu Boden, halten ihre Hände vor den Mund. Sie schauen auf den 46 Jahre alten Mann aus Wallenhorst. Thomas H. sitzt leicht gebeugt da, seine Hände sind auf dem Tisch zusammengefaltet. Grauer Bart, Brille, kreisrunder Haarausfall. Er trägt ein rosa-blaues T-Shirt, eine dunkle Jeans und Sportschuhe.
Er soll sie in eine Falle gelockt haben
Die Staatsanwaltschaft wirft Thomas H. Mord vor. Er soll seiner Ehefrau Victoria H., Mutter von drei Kindern, eine Falle auf dem gemeinsam bewohnten Grundstück in Wallenhorst im Landkreis Osnabrück gestellt haben. Unter dem Vorwand, ihr ein Geschenk für den baldigen Valentinstag überreichen zu wollen, soll er die 39 Jahre alte Frau in einen Abstellraum der Garage gelockt und dort unvermittelt mit einem Messer angegriffen haben.
Thomas H. stellt es anders dar, er lässt seine Verteidigerin mitteilen, was aus seiner Sicht am 12. Februar vorgefallen sein soll: Am frühen Morgen habe er Victoria H. geweckt. Die drei Kinder sollen auch wach gewesen sein. Victoria H. habe ihm einen Kaffee gekocht und Brote geschmiert. Thomas H. sollte gemeinsam mit seinem Sohn zu einer Rehaklinik fahren. Die Mutter habe das Kind zum Auto gebracht und es angeschnallt.
Das Ehepaar sei dann gemeinsam in den Gewerberaum gegangen, dort wo ihre Waschmaschine und Schränke mit Kleidung stehen. Dort habe H. ihr das Geschenk für den Valentinstag präsentiert. Sie hätten sich umarmt, einen Kuss habe es aber nicht gegeben. Daraufhin habe Victoria H. klargemacht, dass sie später alles über das Gespräch mit den Ärzten in der Rehaklinik wissen wolle. Er solle „jedes Wort wiedergeben“, und das Gespräch aufnehmen, weil er es ja sowieso nicht „raffe“. Ein Wort, das er an diesem Verhandlungstag mehrmals wiederholt.
„Ich wollte nur, dass sie endlich Ruhe gibt“
Schließlich habe er ein Messer auf dem Küchentisch gesehen, so groß wie eines, das man zum „Brotschneiden“ benutze, und auf sie eingestochen. „Ich wollte nur, dass es aufhört. Ich wollte nur, dass sie endlich Ruhe gibt.“ Irgendwie, sagt er, „wollte sie an mir vorbei in Richtung Vordertür“. Er habe weiter zugestochen.
Der Anklageschrift zufolge erlitt die Verstorbene „tiefe Schnittwunden“, als sie versucht habe, sich zu wehren. „Es lag sehr viel Blut auf dem Boden“, bekräftigt ein Arzt, der als Zeuge geladen ist. Er habe Stichverletzungen festgestellt und die Blutspritzer gesehen.
Als sie am Boden lag, habe er nicht mehr weitergemacht, versichert H., als der Vorsitzende Richter ihn dazu befragt. Danach habe er das Messer mit dem schwarzen Griff in eine Tüte eingepackt, sei zu einer Restmülltonne in der Nähe eines Kindergartens gefahren und habe die Tatwaffe dort entsorgt.
Laut Angaben der Staatsanwaltschaft hörte ein Jogger schließlich die zwei Kinder, die noch im Haus waren, schreien und informierte die Nachbarn. Eine davon ist Barbara R., die als Zeugin aussagt. Die 56 Jahre alte Bürokauffrau berichtet, dass es zwischen 6.10 Uhr und 6.15 Uhr bei ihr geklingelt habe. Der Jogger sagte ihr, dass die Kinder „bitterlichst“ weinen, „weil Mama nicht da gewesen ist“.
Später soll H. bei ihr „Sturm geklingelt haben“ und zu ihr gesagt haben: „Kannst du schnell rüberkommen? Ich habe meine Frau im Gewerberaum gefunden.“ Sie habe die verwundete Frau auf dem Boden liegen sehen, erzählt Barbara R. „Ach, du Scheiße“, habe sie bei dem Anblick gedacht. „Ich kann das gar nicht richtig beschreiben. Ich war in dem Moment geschockt.“ Sie habe zu dem Zeitpunkt nicht geahnt, was dahinterstecke.
Welches Motiv steckt dahinter?
Zu den Motiven für den laut Staatsanwaltschaft „heimtückischen Mord“ an seiner Ehefrau äußert sich H. über seine Verteidigerin. Demnach hätten sich Victoria und Thomas H. 2013 ineinander verliebt. Am 11. September 2015 hätten sie geheiratet. Jedoch, so H., sei seine neue Ehefrau früh „unfassbar eifersüchtig“ gewesen. Sie habe versucht, den Kontakt zwischen ihm und seiner besten Freundin zu unterbinden. Sie habe mehrmals in seinem Handy „gestöbert“. Das sei „unerträglich“ gewesen, so H.
Victoria H. habe unter Depressionen, Angststörungen und Panikattacken gelitten. Die Ehe habe sich zunehmend verschlechtert. Die Drillinge, die 2019 zur Welt kamen, hätten mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Seit 2022 habe das Ehepaar in getrennten Betten geschlafen. „Ein Liebesleben fand nicht mehr statt.“ Das sei von „ihr ausgegangen“. Er habe sich „körperliche Nähe und Zärtlichkeit“ gewünscht.
Doch auch im Haushalt sei es immer chaotischer geworden. „Ich hatte das Gefühl, keine Atempause zu bekommen“, sagt er. Deshalb habe er mit Sportwetten begonnen: „Ich wollte auf andere Gedanken kommen.“ Zudem habe er auf einer Kontaktbörse nach „Frauen und Männern“ gesucht. Es habe nur einmal funktioniert, als er sich mit einem jungen Mann „traf“.
Zudem habe Victoria H. ihn vor Familienmitgliedern „runtergeputzt“, ihn „mehrmals angeschrien“: „Ich würde überhaupt nichts hinbekommen. Ich würde überhaupt nichts raffen.“ Das habe ihn alles „sehr verletzt“. Hinzu komme, dass die Familie „knapp bei Kasse“ gewesen sei. H. spricht von Schulden in Höhe von 310.000 Euro. Für den Hauskauf, die Reparatur, für Renovierungen. Deshalb habe er ab 2015 mehrere Nebenjobs ausgeübt. Außerdem habe er drei Briefe von Banken an seine Nachbarin weiterleiten lassen, um Victoria H. „nicht zu beunruhigen“.
Thomas H. lieh sich Geld und verbarg Briefe vor seiner Frau
Nun sitzt die Nachbarin wenige Meter entfernt und bestätigt das. Sie ist an diesem Tag als eine von vier Zeuginnen und Zeugen geladen. Sie trägt einen pinken Pullover und ist mit „Herrn H.“, wie sie ihn nennt, befreundet gewesen. Die 43 Jahre alte Justizangestellte wohnt in Wallenhorst. Sie kannte die Familie, weil ihre Kinder mit den Kindern von H. in den Kindergarten gingen. Sie sagt, dass sich H. Geld bei ihr geliehen habe. 400 Euro sollen es gewesen sein. „Das war ihm unangenehm“, sagt sie. Er habe einige offene Rechnungen gehabt. Zudem soll er den Kindern drei neue Elektroroller gekauft haben.
Sie beschreibt ihn als „ganz netten, freundlichen Nachbarn“, als „liebevoll, sympathisch“, und „jemanden, der seine Kinder über alles liebt“. „Ich kenne ihn nur ruhig“, sagt sie. Mit H. habe sie viel auf Whatsapp geschrieben. Nachrichten wie „Wie geht es dir? Wie war dein Tag?“. Einmal wöchentlich sollen sie sich getroffen haben: im Kindergarten oder beim Vorbeifahren des Autos. H. habe viel gearbeitet, drei Jobs, sich um den Haushalt gekümmert und die Gartenarbeit übernommen.
Gleichwohl erzählt sie, dass er mit den drei Kindern überfordert gewesen sei. Auch sie habe von den „Sticheleien“ seiner Ehefrau gehört, die sie mit den Worten zitiert: „Das dauert viel zu lange. Boah, ich habe keine Lust mehr auf den Scheiß.“ Victoria H., behauptet die Zeugin, sei „ein bisschen herrisch“ gewesen.
H. wirkt angespannt, er nimmt die Brille ab, reibt sich immer wieder die Augen. Er spricht leise und nuschelt zuweilen. Er habe sich „wie in einem Film gefühlt“, sagt er. Er habe sogar versucht, seine am Boden liegende Frau zu reanimieren.
„Es tut mir so unendlich leid, was ich getan habe“, sagt er. Auch was er damit Victoria H.s Familie angetan habe. Er habe sich nach der Anerkennung und Liebe von Victoria H. gesehnt. Zehn Jahre waren sie verheiratet. „Ich allein trage die Verantwortung“, sagt H. zum Abschluss noch. Der Anfang August begonnene Prozess wird am 27. August fortgesetzt.
