
„Hi, ich habe hier jemanden von einer Uni, könntest du den jetzt sprechen? Ist für seine Masterarbeit.“ Nie fühlte sich meine Studienwahl richtiger an als in diesem Moment. Ich bin inmitten der Feldforschung für mein Masterprojekt. Kaum ist der überhitzte Akku gewechselt, das Mikrofon verstaut und der Wunsch, endlich mal was zu essen, unterdrückt, da wird ein kurzer Anruf schon zum nächsten Interview. Bloß schnell muss ich sein, man wartet auf mich in fünf Minuten am anderen Ende des Parks. Schneeballprinzip. Der Park ist ein besonderer: Ich bin im größten und einem der ältesten japanischen Gärten Europas und filme gerade Interviews mit dem Team zu kulturellen Aspekten japanischer Gartengestaltung im Westen – als multimedialer Teil meines Masterprojekts.
Es funktioniert also wirklich! Es, das heißt die wissenschaftliche Disziplin, in welcher ich die letzten Jahre ausgebildet wurde. Ihre Praktiken und Methodiken halten dem Realitätstest stand. Dieser Moment lässt je nach Studienfach unterschiedlich lange auf sich warten. Meine Bekannten in den exakteren Wissenschaften erlebten ihre ersten „Ich kann was“-Momente oft schon früh im Studium, und sei es nur die Freude über eine eigenhändig gezüchtete Hefekultur in der Petrischale.
Das klingt nicht nach viel Begeisterung
Von denen höre ich immer wieder: Meine Wissenschaft kann was. Wir haben den Menschen zum Mond geschickt, Krankheiten besiegt, Großes erreicht, die Welt verändert. Ob sich diese Mentalität so auch bei den Geisteswissenschaftlern wiederfindet? Natürlich auch. Sehr viele von uns haben echte Motivation und Begeisterung. Aber Hand aufs Herz, Funken in den Augen angesichts einer vierzigseitigen Kant-Lektüre sieht man seltener als angesichts einer Rakete zum Mond. Und das ist bei Weitem nicht alles.
Ich, ganz persönlich, vermisse oft das greifbare, anschauliche, haptische Resultat. Vielleicht bin ich nicht allein? In Verbindung mit der Praxis des ständigen akademischen Zweifelns – auch an unserer eigenen Wissenschaft – kann all das schließlich in ein Gefühl umschlagen, welches ein Freund aus der Philosophie kürzlich treffend beschrieb: „Ich demontiere mir ständig den Boden unter den Füßen.“ Man riskiert, die Praxis des Hinterfragens ins Persönliche zu transferieren und im Grübeln zu versinken. Dazu noch die allgegenwärtigen Kommentare zu Karrierechancen als Taxifahrer.
Ich beobachte oft die gleichen Symptome: Man liebt Sätze wie „irgendwas mit Medien“ und „irgendwas Soziales“, sollte mal die Zukunftsfrage im Raum stehen. Im Notfall wird es „schon irgendwie gehen“. Das klingt nicht gerade nach viel Begeisterung für sich selbst. Auch nicht nach viel Glaube an das eigene Studienfach. Vielleicht landen manche in einer Vertrauenskrise? Es geht nicht nur um den Zweifel, ob man nach der Uni eine Stelle finden kann. Vielmehr vermisse ich die leuchtenden Augen, das kompromisslose, stolze, passionierte Vertrauen in sich und das eigene Studienfach. Die Selbstverständlichkeit. Vermissen hilft aber nichts, es braucht Initiative und einen bewussten persönlichen Ausweg. Für mich lieferte diesen überraschenderweise mein Masterprojekt.
Der Weg war geebnet
Es kam so, dass ich an einem kalten Dezembertag nach zwölfstündiger Zugfahrt im ruralen Frankreich landete, in dem besagten japanischen Garten, welcher vielmehr eine riesige Parkanlage ist. „Japanisch“ erschien dort auf den ersten Blick nur das knallrote Torii – das symbolische Eingangstor – auf der künstlichen Insel, umringt von winterlich trockenem braunem Matsch statt des erwarteten Sees. Trotzdem: Vor mir war ein Zeugnis des europäischen Japonismus aus dem 19. Jahrhundert, der unser Bild Japans seit gut eineinhalb Jahrhunderten prägt. Heute noch denken wir an rote Brücken, rote Tore und Wolkenschnitt.
Mir reichten diese Stereotype nicht. Ich wollte verstehen, was hier überhaupt das Japanischsein ausmacht – und widmete der Frage eine Masterarbeit. Ich spürte, dass das Thema nicht nur rein akademisch produktiv sein könnte. Auch wenn ich damals, beim allerersten Feldbesuch, im Grunde nur ein einziges Interview durchführte, den leeren Garten auf der Suche nach Drehorten für einen kurzen Dokumentarfilm Meter für Meter ablief und wieder zurückfuhr. Doch der Weg war geebnet. Als ich im Frühling zurückkam, blühte die Sakura, der Park verzeichnete zeitweise fünftausend Besucher pro Tag, und: Man kannte mich. Ein Interview zu bekommen, wurde Sache eines kurzen Anrufs. Eine ganze Speicherkarte mit Filmmaterial zu füllen, dauerte eine Stunde. Es drehte sich alles schneller und schneller. Irgendwann fand ich mich inmitten eines gigantischen, pulsierenden Netzwerks an Menschen, Meinungen, Bildern, Ideen und Geschichten. Ein Flow, frei von den üblichen Zweifeln. Ich bin an meinem richtigen Platz.
Es ist völlig egal, ob man diesen Zustand durch das Studium japanischer Gärten oder durch Kant-Lektüre erreicht. Aber man muss ihn irgendwann spüren. Man muss erleben, wie das im Seminarraum Gelernte auch außerhalb wirkt. Wie es die Welt verändert, auch wenn man keine Menschen ins All schickt. Die Überzeugung, das Richtige zu tun, geht etwas zu oft in einer Kultur des Zweifelns unter. Wird das Zweifeln zum Selbstzweck, schlägt es in ein melancholisches Sinnieren und Grübeln in Zukunftsängsten um, als ob „Philosophie“, „Soziologie“ oder eben „Ethnologie“ bereits von Anfang an ein Todesurteil wären. Nächsten Monat ist wieder Semesterstart. Wieder Zeit für Zweifel, ob man das Richtige macht, ob man nicht doch noch das Fach wechseln soll. Es ist nützlich, sich auch in den letzten Studiensemestern daran zu erinnern, was einen bei der Studienwahl ursprünglich begeisterte. Die Zukunftsfrage löst das nicht. Aber plötzlich hat man ihr etwas entgegenzusetzen.
