Als sie Jason Arday, den in einer Sozialwohnung im Süden Londons aufgewachsenen Sohn einer Krankenschwester und eines Kochs, 2023 zum jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Cambridge University machten, stand in den Überschriften: „Eine Biographie wie ein Film.“
Dann fand man heraus, dass Arday Textstellen in seiner Doktorarbeit von einer anderen Doktorarbeit übernommen hatte, dass es weitere Ungereimtheiten in seiner Biographie gab. Arday, der filmreife Wissenschaftler, bei dem laut Simon Baron-Cohen, dem Leiter des Autismus-Forschungszentrums von Cambridge, schon als Kind Autismus diagnostiziert wurde, trat zurück. In den folgenden neun Tagen erschienen 188 Artikel über Arday allein in britischen Medien. „Der tiefe Fall des Jason Arday“ stand jetzt in den Überschriften. Und, als handle es sich um eine Parallelwelt: „Ein Phantast findet immer Menschen, die, aus welchen Gründen auch immer, an seine Phantasien glauben.“
Schließlich fand man ihn tot in seiner Wohnung. Man hatte ihn verunglimpft, bedroht, verhöhnt. Er hatte dem Druck, der gigantisch war, nicht standgehalten. Wer war der Phantast? Arday oder die, die ihn derart adelten?
Jeder Zeit ihren Hauptmann von Köpenick
Dazu ein paar strukturelle Überlegungen. Erstens: Die Nachfrage erzeugt das Angebot. Über den Hauptmann von Köpenick, der 1906 ins Rathaus der Stadt Cöpenick marschierte, den Bürgermeister verhaftete und die Stadtkasse stahl, soll der Kaiser lachend gesagt haben: „Da kann man sehen, was Disziplin heißt. Kein Volk der Erde macht uns das nach!“ Das mochte man damals.
Was man zum Zeitpunkt, als Arday Professor wurde, mochte, waren Leute, die über alle Grenzen hinaus etwas erreichten, die 30 Marathons in 35 Tagen liefen oder umgekehrt, obwohl man ihnen nie irgendetwas zugetraut hätte, die zeigten: Geht doch. Der Drehbuchautor Gareth Robertsen nennt es den „Zirkus progressiver Institutionen“.
Jeder erfolgreiche Hochstapler nutzt die zu seiner Zeit vorherrschenden Erzählungen. Wenn alle Militaristen sind, wird man zum Hauptmann, wenn alle Tech-Optimismus verbreiten, kann Elon Musk jahrelang Projekte ankündigen, die nie realisiert werden. Die Welt, in der Jason Arday zum Star wurde, wollte an einen Übermenschen-of-Colour glauben.

Die Realität ist diese: Die Vorwürfe gegen Arday drangen in einer Zeit ans Licht, als die amerikanische Regierung gerade ausgiebig mit dem Abbau von Inklusionsprogrammen befasst war. Auch in Cambridge ist bis heute nur ein Prozent aller Professuren mit schwarzen Akademikern besetzt. Spätestens seit der Berichterstattung über Meghan Markles Schwangerschaft gilt die Berichterstattung der britischen Tabloid-Presse als rassistisch codiert. 2021 protestierten 160 Journalisten, darunter einige „Guardian“-Mitarbeiter, gegen den Branchenverband Society of Editors, der Rassismus in der britischen Presse geleugnet hatte. „Telegraph“, „Mail“, „Sun“ gehören seit Jahrzehnten rechtskonservativen und einwanderungskritischen Verlegern.
Die Gründe für die Wut der Trauernden am Anfang dieser Woche, ihre Anschuldigung, nicht die Plagiatsvorwürfe, sondern die rassistisch motivierte Medienkampagne habe Arday in den Tod getrieben, sie sind nicht von der Hand zu weisen.
Die einen Medien – und die anderen
Aber, zweitens: Die Medien gibt es nicht. Beim Magazin „Times Higher Education“ lag schon seit 2025 eine Recherche mit den Plagiatswürfen gegen Arday, die aber von der auf Verleumdung spezialisierten, von Arday beauftragten Londoner Anwaltskanzlei Carter-Ruck verhindert wurde. Reporter Jack Grove wurde monatelang immer wieder von der Polizei befragt. Die Plagiatsanschuldigung war also dokumentiert, als der Kulturkampf kam.
Es waren aber nicht diese Berichte, auf die sich der mittlerweile von der Universität im belgischen Gent suspendierte Nathan Cofnas berief, als er im Juli in einem Substack-Beitrag die Anschuldigungen veröffentlichte. Und es waren nicht solche Recherchen, sondern missmutige, schadenfrohe Texte, die mit einem einzigen Beleg, Ardays Fall, behaupteten, die Diversitätsziele der Universitäten hätten grundsätzlich akademische Standards untergraben.
Die zentralen Anschuldigungen gegen Arday wurden von einem Mann veröffentlicht, der die Meinung vertritt, Schwarze seien wegen vererbter Rassenunterschiede weniger intelligent als Weiße, einem Mann, der die Begriffe „zurückgeblieben“, „ungebildet“ und „geistig behindert“ für Jason Arday verwendete. Der Amerikaner Nathan Cofnas war der Auslöser.

In diesem Zusammenhang wird immer wieder vergessen, dass die John Moores University Liverpool, an der Arday promoviert hat, die zentralen Vorwürfe gegen ihn schon 2025 geprüft hatte, nachdem ihr 2023 die ersten Einwände von zwei Fachkollegen vorgelegt wurden. Bemängelt wurden Zitierfehler, nicht aber Plagiate, die sich, so die Prüfer, auf „ehrlichen und nachvollziehbaren Irrtum“ zurückführen ließen, der durch eine fehlende Betreuung im Hinblick auf Ardays Lernbehinderungen als Autist verstärkt wurde.
Hätte nicht Cofnas, der an der Universität Gent arbeitet und jetzt überall zum Philosophen geadelt wird, auf Substack die Vorwürfe gegen Arday veröffentlicht, sondern eine Zeitung wie die „Times“, hätte es einen faktenbasierten Zeitungsbericht gegeben, die öffentliche Berichterstattung hätte womöglich einen anderen Weg genommen, es hätte weniger Spekulationen und weniger Schmähungen gegeben.
Denn es gab noch ein anderes Problem: Die neuen Vorwürfe von erfundenen Büchern über Marathonläufe bis zu sich widersprechenden Aussagen über den Zeitpunkt, wann Arday schreiben und lesen gelernt hatte, wurden allesamt als Fakten behandelt, die seinen Betrug beweisen sollten. Verwundert hatte Arday noch zu Beginn reagiert, dass jedes Wort, das er einmal gesagt habe, nun gegen ihn verwendet würde.
Das Zirkuszelt der Universitäten
Drittens: An Elitehochschulen werden die Zirkusdirektoren gemacht. Im Mai erschien das Buch von Theo Baker, der mit 17 zum Studieren ins amerikanische Stanford kam. „How to Rule The World“ handelt von einer Subkultur im Universitätssystem. Baker, Sohn eines Journalisten bei der „New York Times“ und einer Journalistin des „New Yorker“, sorgte in seinem ersten Jahr mit seinen Recherchen bei der Studentenzeitung für den Sturz des Neurowissenschaftlers und Stanford-Präsidenten Marc Tessier-Lavigne. In Publikationen, an denen Tessier-Lavigne beteiligt war, hatte Baker veränderte Bilder gefunden, auch hatte der Präsident falsche Aussagen über seine Forschungsschwerpunkte gemacht.
Baker beschreibt die Universitätswelt, die ihn umgibt, als prädestiniert für allerlei Betrug und Hochstapelei. Seine Kommilitonen seien mit so viel Chancen und so wenig Sorgfaltsprüfung ausgestattet, dass sie Tag für Tag lernten, nach dem Prinzip „Fake it till you make it“ überall durchzukommen. „Erst eine kleine Ausschmückung, dann eine glatte Lüge.“ Unendlicher Exzess und unbegrenzter Zugang seien der Lohn für jene, die aus der Masse herausstachen. Erfolgreich sein und Erfolg lieben lernen, das sei das große Lernprojekt, um Teil der Elite zu werden.
Nun ist Stanford nicht Cambridge und Cambridge nicht die John Moores University. Und doch wurde in den letzten Wochen immer wieder an die Vermarktlichung britischer Hochschulen erinnert, die, wie etwa Steve Hall im „New Statesman“ schreibt, schon seit den 1990ern unter steigendem Publikationsdruck stehen. Arday, so der Schriftsteller und „Guardian“-Journalist Jason Okundaye, sei in diesem Kontext investmentartiger Universitätsgefüge eher als Maskottchen denn als Wissenschaftler behandelt worden.

Der Philosoph Olúfẹ́mi O. Táíwò hat den Begriff „elite capture“ geprägt. Eine politische Bewegung fordert mehr Gleichheit oder Macht. Institutionen nehmen die Forderungen auf und nehmen Aspekte von ihnen in die bestehenden Hierarchien auf. Statt der geforderten Umverteilung bekommen die Leute Repräsentation: Eine Universität kann also mehr Professoren of Color einstellen, ohne die finanzielle Situation oder das Ansehen von schwarzen Mitarbeitern zu verbessern. Sie kann mit progressiver Sprache moralische Legitimation schaffen, ohne Machtverhältnisse zu verändern.
Noch einmal zurück zum Wissenschaftsrassisten Nathan Cofnas, der inzwischen vorläufig von der Universität Gent suspendiert wurde, wo seine Äußerungen zu Arday geprüft werden. Die Plattform Byline, bei der frühere BBC-Reporter, Investigativjournalisten und Medienprofessoren arbeiten, hat Anfang der Woche eine Recherche über ein „explizit antischwarzes Rassenwissenschaftsnetzwerk“ veröffentlicht, das, wie der Autor argumentiert, unterstützt vom Silicon-Valley-Milliardär Peter Thiel schon eine ganze Weile damit beschäftigt sein soll, britische Universitäten und die europäische extreme Rechte zu durchdringen. Thiel soll etwa mithilfe des Cambridge-Professors James Orr Spenden an die Universität, Orrs Umfeld, Nathan Cofnas und das Onlinemagazin „Quillette“ veranlasst haben, das wiederum Attacken auf Arday veröffentlichte.
Adrays Fall sei das Ergebnis einer koordinierten Kampagne dieses Netzwerks. Nathan Cofnas bestreitet jede Verbindung. Die Universität Cambridge selbst hat die Recherche als haltlose Anschuldigung und vorsätzliche Falschdarstellung zurückgewiesen. Aber man muss kein Phantast sein, um (viertens) festzustellen: Vielleicht war der Fall Jason Arday noch viel größer, als er jetzt erscheint.
Was Jason Arday trotz aller persönlicher Tragik ganz gewiss nicht war: ein einzelner Hochstapler. Der junge Theo Baker, der an seiner Universität von Hochstaplern umgeben ist, die damit durchkommen, plädiert in seinem Buch für die Rückkehr zur Meritokratie. Wer mehr leistet, bekommt mehr zurück.
Dass der Sohn zweier Journalisten üblicherweise mehr bekommt als der Sohn eines Kochs und einer Krankenschwester, ist kein Thema in „How to Rule The World“. Aber die Erkenntnis, dass Übermenschen nicht existieren, könnte sich durchsetzen.
