Ein Körper, der in einer unmöglich scheinenden Position schwebt, sich kurz bewegt, um sofort eine andere, ebenso unmöglich scheinende Position einzunehmen und dort zu verharren. Und all das, ohne zu schaukeln. So sieht Turnen an den Ringen aus, wenn es gelingt. So sah es bei Artur Sahakyan am Mittwoch aus, als er sich für das Finale der besten acht Ringeturner Europas qualifizierte. „Es hat funktioniert“, sagte der Siebenundzwanzigjährige danach in Zagreb sichtlich zufrieden.
Die Anforderungen an den Ringen sind speziell. Es geht um Formen menschlicher Kraft, die an den anderen fünf Turngeräten nicht besonders gefragt sind. Deshalb tummeln sich hier viele Spezialisten. Als solcher ist Artur Sahakyan nach Kroatien gereist, für genau diese eine Übung. Der europäische Verband hatte zuletzt Spezialisten eigens Startplätze eingeräumt: Einer pro Team ist erlaubt, sein Ergebnis geht nicht in die Teamwertung ein. So war Sahakyan den Wettkampf hindurch mit seinen Kameraden, die sich als Sechste für das Teamfinale qualifizierten, von Gerät zu Gerät gezogen.
„Kraft hat er wie die Besten der Welt“
Bis sein Einsatz am vorletzten Gerät endlich kam, schaute er zu und fieberte mit. Die Ringeübungen der Konkurrenz verfolgte er nebenbei, obwohl er weiß, dass das nicht ideal ist: „Es macht schon ein bisschen mehr Druck, aber ich konnte es einfach nicht sein lassen.“
Artur Sahakyan ist Ringespezialist wider Willen. Ein komplizierter Bruch im Sprunggelenk vor einigen Jahren machte seine Ambitionen als Mehrkämpfer zunichte. „Ich werde kein Bodenturner und kein Springer mehr“, sagte er im vergangenen Oktober bei der WM in Jakarta. Auch dort startete er nur an den Ringen, stürzte aber beim Abgang. „Kraft hat er wie die besten der Welt“, sagt Jens Milbradt über Sahakyan. Man habe zuletzt versucht, „mehr in die Genauigkeit zu kommen“, erklärt der Cheftrainer. „Kleinigkeiten wie Handstände, Schwünge auf den Punkt und zum Schluss den Abgang sicher in den Stand.“ In Zagreb gelang all das.
„Mach dir keen Kopp wegen Finale, schaffste sowieso nicht“, habe er dem ehrgeizigen Artur zuletzt bei Lehrgängen scherzhaft gesagt, so der Berliner Milbradt: „Um ihn ein bisschen lockerer zu machen.“ Dass es nun für das Finale gereicht habe, sei „ein sehr sympathischer Sieg für ihn“. Ein Sieg, mit dem auch die Chancen steigen, in den Bundeskader aufgenommen zu werden. Das ist für Spezialisten wie ihn nämlich gar nicht so einfach.
Artur Sahakyans turnerische Vita ist bemerkenswert: In Eriwan hatte er spät mit dem Turnen begonnen: „Ich hab da als Neunjähriger oder so die armenischen Meisterschaften gewonnen, ich glaube am Reck“, erinnert er sich vage. Als Zwölfjähriger floh er mit seinem Vater nach Deutschland und wusste eines ganz sicher: Das geliebte Turnen soll weitergehen.
„Ich habe sogar meine Urkunden mitgenommen“, erzählte er vergangenen Oktober über seine Flucht. Noch in Armenien hatte er sich deutsche Turner angeguckt und gedacht: „Die sind schon noch mal auf einem anderen Level, und in Deutschland zu trainieren, wird mir bestimmt guttun.“ Der Anfang 2011 sei „schon schwer gewesen“, aber in der Turnhalle der KTV Ruhr-West im nordrhein-westfälischen Mülheim an der Ruhr habe man ihn „super aufgenommen“.
Der dortige Cheftrainer Jozsef Kakuk führte Sahakyan 2024 zum ersten deutschen Meistertitel an den Ringen. Da hatte der in Mülheim bereits begonnen, Nachwuchstalente zu trainieren, vier-, fünfmal die Woche neben dem eigenen Training und dem Studium der Finanzwirtschaft an der Fachhochschule Ruhr-West. Seinen Trainerjob hängte Artur Sahakyan erst mal wieder an den Nagel, nachdem er im vergangenen Jahr ins Landesleistungszentrum Bochum-Witten gewechselt war.
In seinem ersten EM-Ringefinale steht Artur mit vertrauten Gesichtern: Seine armenischen Konkurrenten Artur Avetisyan und Vahagn Davtyan kennt er noch von seinen Anfängen in Eriwan. Auch sie sind Ringespezialisten, man schätzt sich. In Sahakyans Übung trägt die Bewegung, die seinen Körper in eine dieser unmöglich scheinenden Positionen bringt, den schönen Namen Balandin. In zwei Varianten zeigt er diese Höchstschwierigkeit zu Beginn seiner Übung. Das Wichtigste sei, so Sahakyan mit Blick auf das Finale, wieder „das zu zeigen, was ich kann, und der Rest ist eigentlich noch egal.“ Noch.
