Es mag mit einem Gefühl des Abschieds zusammenhängen, dass die Atmosphäre mehr noch als sonst gespannt war, als Riccardo Muti die Bühne des Großen Festspielhauses betrat. Nach dieser Aufführung, hieß es in Salzburg, wolle er Giuseppe Verdis „Messa da Requiem“ nie mehr dirigieren. Fünfundachtzig Jahre alt ist Muti vor einigen Wochen geworden, aber ältlich wirkten weder er, der seit 55 Jahren bei den Festspielen auftritt, noch seine Interpretation dieser Totenmesse.
Muti leitete sie mit energischen, klaren Gesten, die ein überaus fein differenziertes dynamisches Spektrum anzeigten, große Steigerungsbögen und Ritardandi schufen oder Stille erzwangen – durchaus auch im Publikum: Ein strafender Seitenblick galt irgendeinem Dussel, der gedankenlos die vibrierende Stille nach dem „Offertorio“ zerhustete, dessen Ausklang die Wiener Philharmoniker mit unvergleichlicher Klangschönheit musiziert hatten. Kein anderer Dirigent, weder Böhm noch Karajan, hat mit diesem Orchester häufiger gearbeitet als Muti. Verdis „Requiem“ war sein 473. Orchesterkonzert mit den Philharmonikern und wohl eines seiner besten.
Langsamer als früher gestaltete er nun das Andante des Eingangs, das aus der Stille heraus abwärts fällt. Weich setzten dann die Herren des Wiener Staatsopernchors ein, wirklich sotto voce. Ihr „Requiem aeternam“ ist keine dringliche Bitte mehr, kein Appell, sondern eine schwach gewordene Hoffnung, und das von den Sopranstimmen mehrfach wiederholte „dona, dona eis“ klingt verhalten, beinahe so, als wisse dieser Wunsch schon um seine Unerfüllbarkeit. Nur der helle Geigenton, der Chor und Orchester in einer großen Linie zart überwölbt, erhellt den gedämpften Eingang ein wenig. Fast ist es, als werfe das „Libera me“ einen Schatten vom Ende zurück auf diesen Anfang.
Eine Stelle darin ist für Muti der „Schlüssel zum Verständnis“ des Werkes, wie es in seinem Buch „Mein Verdi“ (2013) heißt: Von Angst und Zittern spricht die Stimme des Soprans: „Tremens factus sum ego et timeo“. Doch der liebe Vater, der, wie Beethoven noch glauben wollte, „überm Sternenzelt“ wohnen muss, schweigt. Eine klaffende Generalpause ist in Verdis Partitur nach den angstvollen Rufen des Soprans notiert, die Iwona Sobotka in Salzburg mit bebender Emphase gestaltete. Wohl möglich, dass sich hier im „Requiem“, uraufgeführt 1874, schon andeutet, was dann im „Otello“ (1887) seinen harschesten Ausdruck fand: „Ich glaube an einen grausamen Gott“, heißt es darin und weiter: „Der Tod ist das Nichts, der Himmel ein altes Ammenmärchen.“
Keine „Oper im Kirchengewand“
Dabei ist es Muti wichtig, dass Verdis „Messa“ eben keine „Oper im Kirchengewand“ ist, wie Hans von Bülow abschätzig meinte, sondern ein „Gebet“. Freilich eines, bei dem der Text nicht bloß als überkommene rituelle Floskel dahergesagt wird, sondern Ausdruck einer sehr ernsten Beschäftigung des Menschen mit Gott ist. Eine solche Interpretation kann nur mit erstklassigen Sängern gelingen, die ihre stimmlichen Mittel ganz in den Dienst einer klugen Textgestaltung stellen.
So missbrauchte Michael Spyres das „Kyrie“ nicht dazu, sich als künftigen Heldentenor, als Otello oder Radames zu empfehlen. Mit Nachdruck, aber nicht auftrumpfend sang er es als innige Bitte um Erbarmen. Sein perfektes Legato vermittelte im „Offertorio“, von den Cellisten nuancenreich und „dolce“ eingeleitet, wie beglückend der Übergang vom Tod ins Leben gedacht werden kann: „Domine, de morte transire ad vitam.“
Dann jedoch wird ein geschriebenes Buch hervorgebracht werden („Liber scriptus“). Marianne Crebassa machte mit ihrem in der Tiefe klangsatten, in der Höhe kraftvoll leuchtenden Mezzosopran stockend, leiser werdend den Schauder darüber hörbar, dass vor Gott nichts verborgen bleiben wird. Das wirkte ebenso eindrücklich wie die bedrängende Frage der hervorragend harmonisierenden Solisten nach einem möglichen Fürsprecher.
Mit größter Dramatik formte Muti auch das „Rex tremendae“: Die mit wachsender Intensität vom Bassisten Maharram Huseynov vorgebrachte Bitte um Gnade („Salva me“) kollidierte grausam mit einer göttlichen Majestät, die sich im absteigenden Fortissimo der Bässe donnernd in Erinnerung brachte. Das „Libera me“ kam dann in seiner ungeheuren Dringlichkeit einem Aufschrei gleich. Eine gequälte Seele wendet sich an Gott, erzwingt seine Aufmerksamkeit, ringt mit ihm wie Jakob im Alten Testament: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! Bei Iwona Sobotka wurde der makellos geglückte, heikle Pianoaufstieg ins gefürchtete hohe B zum Ausdruck der Verzweiflung, die dann, wenn die Stimme den Chor überstrahlt, beinahe in Trotz umzuschlagen scheint: Libera me!
So ging Mutis Interpretation des „Requiems“ präzise vom Text aus, dessen Gehalt die Musik in ihrer Schönheit und ihrem Schrecken hörbar macht. Daher rührte die bezwingende, ja überwältigende Ausdrucksgewalt der Aufführung. Gott, wenn es ihn gibt und sein Herz nicht von Stein ist, wird sich diesem Eindruck nicht entziehen können.
