
Csányi, der dem ungarischen Fußballverband vorsitzt und seit 2017 Mitglied des FIFA-Rats ist, kritisierte zudem das einstweilen gescheiterte Vorhaben Infantinos, Anteile an der Fußball-WM an Investoren zu veräußern („FIFA Forward Enterprise“, FFE) und die „übermäßig politische Weltmeisterschaft“ 2026. Lamour hatte sich gegen das FFE-Projekt ausgesprochen und dieses öffentlich kritisiert.
„Die Tatsache, dass sein Rauswurf (die Rede ist von Lamour; d. Red.) auf seine Kritik an der erwähnten Initiative – eine Initiative, die du selbst letztlich als fehlgeleitet bezeichnet hast – zurückzuführen ist, deutet auf ernsthafte Defizite der professionellen Urteilskraft, der ethischen Standards und der Führungsstärke hin“, zitiert Bloomberg aus dem Schreiben Csányis an Infantino. Der Ungar galt bislang als Unterstützer des FIFA-Präsidenten.
„Jetzt wird er rausgeworfen, und wir sollen weitermachen“
Während die FIFA mitgeteilt hatte, das Arbeitsverhältnis zwischen Verband und Lamour sei am 17. August beendet worden, also nicht explizit von einem Rauswurf die Rede ist, setzt sich diese Deutung offenbar unter Beobachtern durch. Lise Klaveness, die Präsidentin des norwegischen Fußball-Verbandes, warf Infantino „Management durch Angst“ vor: „Jetzt wird er rausgeworfen, und wir sollen weitermachen. Das ist inakzeptabel, das ist Management durch Angst“, sagte die Norwegerin der Nachrichtenagentur Associated Press.
Lamour, der mit Infantino schon bei der Union der Europäischen Fußball-Verbände UEFA zusammengearbeitet hatte, sei der „beste Fußball-Administrator, den ich je getroffen habe“. Sie forderte FIFA-Führung und Verwaltung auf, „Anweisungen nicht zu befolgen, von denen Sie wissen, dass sie nicht im Interesse des Fußballs sind“.
Klaveness bezog sich auf Mattias Grafström, den Generalsekretär der FIFA, der die Trennung von Lamour ausgesprochen hatte. „Das ist kein Rücktritt, das ist ein Rauswurf“, sagte Klaveness. Grafström sei durch Infantino „offensichtlich unter Druck gesetzt“ worden. Die FIFA hatte Lamour für „seine zwei Jahre Dienst“ gedankt und „viel Glück für die Zukunft“ gewünscht. Einen weiteren Kommentar zu der Angelegenheit werde es nicht geben.
Klaveness sieht auch in den Unterstützungserklärungen für Infantino, die dieser bei einem Treffen mit Grafström und weiteren Mitgliedern der FIFA-Geschäftsleitung am 5. August in Rabat erhalten hatte, einen Ausdruck des „Managements durch Angst“ bei der FIFA: „Wir wissen das, es geschieht nicht im Interesse des Fußballs.“ Lamour war übereinstimmenden Berichten zufolge nicht zu dem Treffen in Rabat eingeladen.
Nun hat sich der Franzose mit einer Nachricht an die FIFA-Belegschaft verabschiedet: „Vergesst bitte nicht, dass es im Leben nicht darum geht, das zu tun, was leicht ist, sondern darum, was richtig ist. Die überwiegende Mehrheit von Euch hat das verstanden und setzt das bei der Arbeit um. Jeden Tag. Vor Euch ziehe ich meinen Hut, mit größtem Respekt.“ In der Nachricht dankt Lamour dem Generalsekretär Mattias Grafström explizit für die Zusammenarbeit, Infantino dagegen erwähnt er mit keinem Wort.
