Der Wettbewerb unter den KI-Anbietern verschärft sich. Nun versucht Harvey, eine in San Francisco ansässige Plattform, die speziell auf die Bedürfnisse von Anwaltskanzleien und Konzernrechtsabteilungen ausgerichtet ist, Kunden mit neuen KI-Funktionen, einem eigenen Sprachmodell sowie einer engen Partnerschaft mit dem deutschen „Einhorn“ DeepL an sich zu binden.
Seit dieser Woche bietet Harvey Juristen mit „Memory“ ein KI-Instrument an, mit dem sich individuelle Präferenzen wie Schreibstil, Textstruktur und die Zitierweise von Quellen wie Gerichtsentscheidungen, Kommentaren oder Fachaufsätzen dauerhaft festlegen lassen. Zugleich lernt das System fortlaufend aus der Nutzung. Mit Memory können Anwälte auf ihre vertrauten Arbeitsweisen aufbauen, statt diese in jedem Prompt oder bei jedem KI-Output aufs Neue erklären und nachjustieren zu müssen. Das teilte das Unternehmen am Mittwoch bei der Vorstellung von „Harvey II“ mit.
Funktionalität und Integration stehen weiter im Fokus
Wie schon in der ursprünglichen Version der Plattform stehen bei „Harvey II“ die Funktionalität und die Integration in die Software im Vordergrund, die in vielen Wirtschaftskanzleien, Rechtsabteilungen und Verbänden zum Einsatz kommt. Das neue KI-Tool kann auf Microsoft Word und Outlook zugreifen. Darüber hinaus kann Harvey für juristische Anwender Tagesabläufe erstellen und mithilfe von Agenten einzelne Arbeitsschritte vorbereiten.
Das KI-Unternehmen nimmt damit mögliche Bedenken von Anwälten vorweg. Diese müssen neben den berufsrechtlichen Vorgaben auch ihre Geheimhaltungspflichten gegenüber den Mandanten einhalten. Die Nutzer von Harvey können transparent einsehen, an welche Informationen sich das jeweilige Sprachmodell erinnert. Sie können diese Inhalte ändern oder die Funktion abstellen, versichert das Unternehmen in seiner Mitteilung. „Die Inhalte von Memory werden jedoch niemals für das Training von Modellen genutzt“, betont Harvey.
Anfang dieses Jahres war erstmals über die Entwicklung von Memory berichtet worden. Mehr als sechs Monate lang tauschten sich die Harvey-Entwickler intensiv mit einer ausgewählten Gruppe internationaler Anwaltskanzleien und Rechtsabteilungen aus. Anwälte und Unternehmensjuristen wirkten maßgeblich als Designpartner an der Entwicklung der neuen Funktionen für „Harvey II“ mit.
„Einer der größten Vorteile liegt in der Fähigkeit des Systems, zu verstehen, wie jeder Einzelne von uns arbeitet, und nicht nur auf unsere Aufgabenstellungen zu reagieren“, sagte Michelle Mahoney, Chief Innovation Officer von Mallesons, einer der größten Wirtschaftskanzleien Australiens: „Durch eine solche Personalisierung wirkt die KI wie eine echte Erweiterung unserer Anwälte und nicht nur wie ein weiteres Werkzeug.“

Reaktion auf Pläne von Open AI, Anthropic und Co.
Am Dienstag stellte Harvey in den Vereinigten Staaten außerdem sein erstes selbst entwickeltes KI-Sprachmodell für juristische Aufgaben vor. „Tenet“ soll Anwälte in der Erstellung komplexer Vertragsentwürfe und der umfangreichen Durchsicht von Dokumenten unterstützen – Aufgaben, für die sie sonst mehrere Stunden benötigen.
Nach Angaben von Harvey soll sich der Einsatz von Tenet zu geringeren Kosten anbieten lassen als der Einsatz der Modelle von Anbietern wie Open AI oder Anthropic, auf deren Modelle die Plattform bislang zurückgreift. Dieser Schritt kommt nicht überraschend. Spezialisierte KI-Anbieter wie Harvey reagieren damit auf die Vorstöße großer Technologieunternehmen wie Open AI, Anthropic und Meta, die in den vergangenen Monaten ihrerseits Angebote für den lukrativen Rechtsmarkt in Nordamerika angekündigt oder gestartet haben.
Hilfreich für Expansion von DeepL in Amerika
Für europäische und insbesondere deutsche Nutzer von Harvey dürfte die am Mittwoch verkündete Nachricht besonders interessant sein. Das Unternehmen aus San Francisco intensiviert seine Zusammenarbeit mit DeepL, dem in Köln ansässigen Anbieter von KI-Sprachlösungen. Nach Angaben von Harvey wird schon knapp ein Drittel des gesamten Übersetzungsvolumens auf der Plattform mit DeepL abgewickelt.
„Durch die Zusammenarbeit mit Harvey können wir unsere spezialisierten KI-Sprachlösungen noch mehr Kanzleien und Rechtsabteilungen weltweit zur Verfügung stellen, die täglich über Sprachgrenzen hinweg arbeiten“, sagte Jarek Kutylowski, Chef von DeepL.
Juristische Arbeit sei in der Regel mit umfangreicher Dokumentation verbunden, erklärte Kutylowski. Verträge, Eingaben oder Fallakten könnten Hunderte von Seiten umfassen, in Dutzenden von Formaten vorliegen und jeweils eigene Kontexte haben. „Genau für diesen Grad an Komplexität ist unsere Plattform gebaut, und dass Harvey dafür auf DeepL setzt, ist eine klare Bestätigung unserer Führungsrolle im Markt für KI-Sprachtechnologie.“
Für das Kölner Unternehmen ist die Partnerschaft mit Harvey wiederum ein wichtiger Faktor für die Expansion in die Vereinigten Staaten. Laut DeepL nutzt mittlerweile gut die Hälfte der Fortune-500-Unternehmen die Übersetzungs- und Sprachwerkzeuge aus der Domstadt.
„Plattform von Anwälten für Anwälte“
Harvey wurde im Jahr 2022 von dem ehemaligen Großkanzleianwalt Winston Weinberg gegründet. Mit einer Bewertung von mehr als elf Milliarden US-Dollar gehört das Unternehmen zu den höchstbewerteten Enterprise-Softwareunternehmen im Rechtsbereich. In 70 Ländern nutzen mittlerweile mehr als 200.000 Juristen in gut 2400 Kanzleien, Unternehmen und Organisationen die Harvey-Plattform.
Erst vor wenigen Monaten eröffnete Harvey in München ein Büro für die Wirtschaftsregion Deutschland, Österreich und Schweiz. „Es ist eine Plattform, die von Anwälten für Anwälte entwickelt wurde“, sagte Deutschlandchef Mihály Gündisch vor wenigen Wochen im Gespräch mit der F.A.Z. (F.A.Z. vom 22. Juli).
Zu den Kunden hierzulande zählen die amerikanisch-britische Sozietät A&O Shearman, die deutschen Großkanzleien Gleiss Lutz und Heuking sowie die Rechtsabteilung der Deutschen Telekom. Laut Gündisch kamen allein im ersten Halbjahr 2026 mehr als 60 neue Kunden hinzu.
