Die Klasse 4a sitzt im Stuhlkreis und trennt Müll. Auf dem Boden liegen Dosen, Windeln, ein Stück Gurke, eine alte Kamera. Die meisten Dinge sind schnell sortiert. Aber wohin mit den gebrauchten Servietten und dem Küchenkrepp? In die Restmülltonne. Und was ist mit dem armdicken Stück Holz? Das ist Biomüll. Und die blaue Glasflasche? Zum grünen Altglas, denn aus blau und gelb wird grün. Und was geschieht mit dem Deckel am Joghurtbecher? Abreißen und dann beides in die Gelbe Tonne, denn es sind getrennte Wertstoffe.
Kirsten Allendorf ist zufrieden. „Ihr seid richtige Experten. Aber viele Leute wissen nicht, wie man den Müll richtig trennt“, sagt die Projektleiterin des Vereins Umweltlernen. Deshalb fängt man am besten schon früh damit an: Allendorf und ihre Kollegen gehen in Frankfurt in die Schulen und zeigen den Kindern, was im Müll alles steckt, wie man ihn vermeidet und reduziert. Unterstützt und finanziert wird das Angebot von der FES, den Frankfurter Entsorgungsbetrieben. Sechs Schulklassen pro Halbjahr kann der Verein so erreichen. „Die Nachfrage ist viel höher. Wir könnten doppelt so viele Schulen besuchen“, sagt Allendorf.
Heute ist die Liesel-Oestreicher-Schule an der Reihe. Weil der Verein Umweltlernen ein neues Modul zum Thema Mikroplastik erprobt, findet die Lernwerkstatt ausnahmsweise nicht in der Schule statt, sondern in einem städtischen Schulungszentrum im Gallus. Rund 15 Stationen sind im Raum verteilt, an denen die Kinder in Kleingruppen etwas Neues erfahren, Experimente machen und Aufgaben lösen können. Sie schöpfen Papier, schnuppern an Biomüll, vergleichen Recyclinghefte aus Altpapier mit solchen aus frischen Fasern. Beim Abfall-Spar-Memory werden Einwegprodukte ihrem Mehrweg-Pendant zugeordnet: Trinkhalme aus Plastik und Metall bilden ein Paar, Wegwerfbecher und Plastikgefäße, die wieder verwendbar sind, gehören bei diesem Spiel ebenfalls zusammen.

Begleitet wird die 4a von ihrer Klassenlehrerin Olivia Neumann und ihrem Sachkundelehrer Thilo Schulz, der die Grundschule im Stadtteil Preungesheim auch leitet. Er glaubt: „Das Angebot hat auch einen Effekt für die Familien. Die Kinder bringen diese Themen mit nach Hause.“
Besser als Müll zu verbrennen ist es, ihn zu vermeiden
Valentina, Niklas und Clara bilden eine Kleingruppe. Wer die drei an den Stationen beobachtet, der kann sich gut vorstellen, dass sie zu Hause keine Fehlwürfe in die falschen Mülltonnen akzeptieren. Sie sind mit viel Schwung bei der Sache. „Ich mag Tiere und Natur. Wenn Müll im Meer schwimmt, sterben Fische und Schildkröten“, sagt Clara.
An einer Weltkarte grübeln die drei, wie lange die Schlange der mit der deutschen Jahresmenge an Restmüll befüllten Müllwagen reichen würde, wenn man die Lastwagen hintereinander stellen würde. Mit einem Lineal messen sie nach. Von Deutschland reicht die Kolonne bis nach Argentinien, Alaska oder Australien.
„Das Restmüllaufkommen in Frankfurt ist immer noch zu hoch“, sagt die Kursleiterin Allendorf. Am besten sei es, den Restmüll weitgehend zu vermeiden, denn dieser Abfall werde in der Müllverbrennungsanlage in Heddernheim verbrannt. Dabei werde viel CO₂ freigesetzt. Das Ziel der „Zero-Waste-Kampagne“ der Stadt sei es, die Jahresmenge an Restmüll von 205 auf 120 Kilo pro Kopf zu reduzieren.

Wer akribisch trennt, vermeidet am besten Restmüll
Wie das geht, erfahren die Schüler an anderen Stationen. Am besten lässt sich der Restmüll vermeiden, wenn der Müll möglichst akribisch getrennt wird. Aus Joghurtbechern, Käsepackungen und anderen Wertstoffen, die in der Gelben Tonne landen, werden zum Beispiel Blumentöpfe, stabile Tragetaschen, Kugelschreiber, Nägel oder Klebeband. Mit solchen Beispielen will der Verein Umweltlernen zeigen, dass Mülltrennen durchaus funktioniert und etwas bringt: „Viele Bürger denken, es wird sowieso wieder alles zusammengeworfen“, sagt Allendorf. Aber das stimme nicht. „Es ist immens wichtig, den Abfall richtig zu trennen, um Ressourcen zu sparen. Wir sind auf einem guten Weg.“
An einer anderen Station können die Kinder Komposterde unter die Lupe nehmen und entdecken Asseln, Schnecken, Käfer und andere Lebewesen, die den Biomüll zersetzen. In der Kompostanlage lässt sich dieser Prozess beschleunigen: Innerhalb von nur drei Wochen werde dort aus Biomüll Komposterde, sagt Allendorf. „Das ist Turbo-Kompost.“
Besonders beliebt bei den Kindern sind die „stinkenden Tönnchen“. An dieser Station schnuppern die Schüler mit verbundenen Augen an kleinen Biotonnen, die mit Resten befüllt sind: Knoblauch, Orange, Minze, Stinkekäse. Finn, neun Jahre alt, schnuppert an einer Mini-Tonne mit einem Stück Zwiebel drin. „Den Geruch kenne ich aus Portugal!“, ruft er. Da war er im Urlaub auf einem Zwiebelfeld.
Klassenlehrerin Neumann gefällt das Angebot auch aus pädagogischer Sicht: „Es ist handlungsorientiert und praxisnah“, sagt sie. In der Schule fehlten die Ressourcen, um das Thema in dieser Form anzubieten.
Besonders beeindruckend finden Clara, Niklas und Valentina den Umwelt-Rucksack. Sie befüllen zwei Stoffbeutel mit den Zutaten, die zur Herstellung herkömmlicher Schulhefte aus frischen Papierfasern nötig sind und, andererseits, von Heften aus Altpapier. Der erste Beutel ist viel schwerer. „Wir schaffen es kaum, den Arm auszustrecken“, sagt Niklas. Und Valentina meint: „Wir kaufen besser solche Hefte als solche.“
