
Zunächst einmal darf man die Hemingway Conference auf keinen Fall verwechseln mit dem Hemingway-Lookalike-Contest. Letzterer ist ein jährlich in „Sloppy Joe’s Bar“ in Key West stattfindender Ähnlichkeitswettbewerb, bei dem meist beleibte, ältere, weißbärtige Herren in einer tropisch schwülen Atmosphäre aus Alkohol, Hochseeangeln, Stierkampfparodie und sehr viel Testosteron den gelungensten Hemingway-Klon küren, wobei dieses Jahr erstmals kein Mr. Papa, sondern ein Ebenbild des jungen Hemingway mit dunklem Haar und Schnurrbart gewonnen hat.
Die Hemingway Conference dagegen ist ein hochseriöses, alle zwei Jahre stattfindendes Treffen von Literaturwissenschaftlern, Professoren, Dozenten, Journalisten, Postdocs und einigen Schriftstellern, und Überschneidungen mit dem Contest gibt es eigentlich so gut wie keine. Bemerkenswert bleibt aber, dass mit Hemingway beides möglich ist.
Weder kann man sich einen Robert-Musil-Ähnlichkeitswettbewerb vorstellen, noch, fürchte ich, würden seines hochbedeutenden Werks wegen alle zwei Jahre mehr als 200 gut gelaunte Wissenschaftler aus drei Kontinenten zusammenkommen, um sich über die neuesten Erkenntnisse zu Leben und Arbeit auszutauschen.
230 Hemingway-Verrückte aus aller Welt reisten an
Das taten sie in diesem Jahr in Toronto. Die Hemingway Society wählt immer einen Ort aus, der mit dem Leben oder dem Werk ihres Namensgebers in Verbindung steht. Toronto war die Stadt, wo der zwanzigjährige Schriftsteller sich (nach den kurzen Monaten 1918 für den „Kansas City Star“) seine ersten Sporen als Lokalreporter verdiente, bevor John Bone vom „Toronto Star“ den unerfahrenen jungen Mann kurzerhand zum Europakorrespondenten beförderte, als Hemingway und seine Frau im Dezember 1921 nach Paris aufbrachen.
Meistens tagt man natürlich in den USA. So wird das nächste Symposium 2028 in Memphis, Tennessee, stattfinden. Zwar hat diese Stadt nichts mit dem Autor zu tun, aber der nächstgelegene Flughafen ist der von Piggott, Arkansas, und dort liegt der zur Gedenkstätte umgebaute Familienbesitz von Pauline Pfeiffer, Hemingways zweiter Frau.
Aber man traf sich auch bereits im selbsterklärenden Pamplona und sogar in Schruns in Vorarlberg, wo Hemingway in den Zwanzigern zwei Winter verbracht hat und um ein Haar Ernst Udet begegnet wäre, bei dessen Flugdienst er bereits einen Flug auf die Silvretta gebucht hatte, den er aber dann nicht wahrnehmen konnte, weil er nach New York reisen musste, wo der Verlag Scribner’s soeben das Manuskript von „Fiesta“ zur Publikation angenommen hatte. Wobei man sich angesichts des Trubels von 230 Teilnehmern, die in diesem Jahr vier Tagungsräume und einen Festsaal des Chelsea Hotels in Anspruch nahmen, fragen darf, wie das Hotel Taube, Hemingways damaliger Aufenthaltsort, und die umliegenden Gasthöfe von Schruns einen solchen Ansturm bewältigt haben.
Der unbekannte Sohn eines auch nicht sehr berühmten Vaters
230 Teilnehmer also und 63 Programmpunkte. Ein Teil davon widmete sich naturgemäß der kurzen Zeit in Toronto, für den jungen Hemingway wenig mehr als eine Startrampe, auch wenn die jeweiligen Redner das verständlicherweise anders sahen, so in einem Panel mit dem Titel „Toronto to Hemingway: Boxing, Belonging, Ambivalence“ oder einem Roundtable-Gespräch, das als „Tracing Hemingway: Great Lakes Adventures and Toronto Beginnings“ angekündigt war.
Höhepunkt der Toronto-Beschäftigung war ein „Kamingespräch“ mit Barry Callaghan, obwohl das 1400-Zimmer-Hotel keinen einzigen Kamin hat, sondern sein Ambiente ausschließlich aus dem Summen und Rauschen der Klimaanlagen zieht. Dies war eine tragikomische und zugleich lehrreiche Veranstaltung.
Barry Callaghan ist der Sohn von Morley Callaghan und genau wie sein Vater Schriftsteller. Es wurde ein klein wenig zu lange die Liste seiner Preise und Auszeichnungen verlesen, um seine Bedeutung, die sich weder aus seinem Namen noch irgendeinem Buchtitel erschloss, ganz glaubhaft zu machen. Er gestand auch durchaus zu, vor allem als „Sohn von“ eingeladen zu sein. Das Problem daran ist, dass auch Morley Callaghan selbst, der Hemingway 1921 in Toronto kennenlernte, als beide Männer blutjung waren, so gut wie vergessen ist. Daran ändert auch nichts, dass einer der Diskussionsteilnehmer sich zur Aussage verstieg, Callaghan hätte den Nobelpreis bekommen, wäre er nicht Kanadier gewesen. Die Wahrheit ist, dass man sich an ihn hauptsächlich des berühmten Boxkampfs wegen erinnert, bei dem er 1929 in Paris Hemingway niederschlug und bei dem Scott Fitzgerald als Zeitnehmer fungierte. Hemingway, der Callaghan zum Schreiben ermutigt und ihn bei seinem eigenen Verlag untergebracht hatte, ließ danach zeitlebens nichts mehr von sich hören.
Von der Gefahr, in Hemingways Dunstkreis zu geraten
Selbst Barry Callaghan verlor in seiner Plauderstunde kein Wort über die Literatur des Vaters, sondern erklärte hauptsächlich, wie es möglich gewesen sei, dass der kanadische Mittelgewichtler das amerikanische Schwergewicht hatte k. o. schlagen können (weil er regelmäßig mit einem Profiboxer gesparrt und trotz Bauchansatz eine gute Technik gehabt habe, wogegen der kurzsichtige Hemingway eigentlich miserabel, nämlich wie ein Dreschflegel, boxte).
Das einzige Buch Morley Callaghans, das die Anwesenden kannten, war denn auch sein später autobiographischer Erinnerungsband „That Summer in Paris“, in dem merkwürdigerweise auch wieder alles auf jenen Boxkampf hinausläuft, der letztlich Callaghans gesamte Existenz bis zum heutigen Tag überschattet. Erwähnt sei diese Episode vor allem deswegen, weil sie deutlich macht:
Es war gefährlich, in den Dunstkreis Hemingways zu geraten. Er konnte ganze Existenzen auslöschen, in Vergessenheit geraten oder zumindest nur noch als anekdotische Nebenschauplätze in seiner Legende weiterexistieren lassen. Seine geliebt-gehasste dritte Ehefrau, die große Journalistin und Kriegsreporterin Martha Gellhorn, kämpfte ihr ganzes langes Leben dagegen an, immer nur zu ihm befragt zu werden. „I’m Martha Gellhorn“, schnauzte sie neugierige Reporter an, „not Martha Fucking Hemingway.“ Morley Callaghan, durchaus ein sehr bemerkenswerter Autor von Kurzgeschichten und langjähriger Mitarbeiter des „New Yorker“, hat es nicht überlebt. Den Boxkampf gewann er zwar, aber auf lange Sicht brachte er ihn um.
Das Lebens-Charisma dieses Schriftstellers
Noch etwas Zweites war aus der Stunde mit seinem Sohn Barry zu ziehen: Keiner der Teilnehmer an diesem Hemingway-Kongress, keiner seiner Biographen, Exegeten, Analysten, kein noch so seriöser Literaturwissenschaftler, der sich mit Hemingway beschäftigt, vermag die Bereiche Schreiben und Leben, die Felder Autor und Legende reinlich zu trennen. Die Faszination für das Lebens-Charisma ist das Wasserzeichen, das noch die seriöseste akademische Studie unterlegt.
Und mitzuerleben, wie begeistert all diese Wissenschaftler Barrys Schilderung des Boxkampfs (obwohl er damals noch lange nicht geboren war) und dessen Konsequenzen lauschten, wie angeregt sie hinterher Hemingways vermeintliche boxerische Fähigkeiten diskutierten und wie sehr die Befriedigung darüber, dass ihr prahlerisches Studienobjekt einmal verdienterweise ein paar aufs Maul bekommen hatte, ihre Gesichter zum Strahlen brachte, das machte deutlich, was einen Kongress zu Hemingway von einem zu den meisten anderen Schriftstellern unterscheidet.
Der hundertste Geburtstag von Hemingways erstem (richtigen) Roman „The Sun Also Rises“, zu Deutsch „Fiesta“, wurde mit einem Get-together in einem Jazzclub gefeiert, samt Torte für alle, und da die Hemingway Society zwar bedeutend, aber mittellos ist, bezahlte eine der Professorinnen die Sause aus eigener Tasche. Zu dem Roman gab es jedoch auch Seminare mit echtem Erkenntnisgewinn wie den über T. S. Eliots Einfluss auf den Stil des jungen Hemingway. Der hat Eliot bespöttelt und bei jeder Gelegenheit schlechtgeredet und verstieg sich beim Tod von Joseph Conrad sogar zu dem Satz, er werde, wenn er den Verblichenen auferwecken könnte, indem er Eliot zu einem feinen Pulver zermahle und es über Conrads Grab ausstreue, sofort mit einem Fleischwolf gen London aufbrechen. Was ihn nicht daran hinderte, „The Waste Land“ sehr genau zu studieren, Eliots Theorien vom „objektiven Korrelat“ anzuwenden und sehr viel von den Themen und Figuren des Großpoems in verwandelter Form in „Fiesta“ unterzubringen.
Auch andere Amerikaner leiden nicht an Minderwertigkeitskomplexen
Bei den Vorträgen zu diesem Buch (der tatsächliche erste Roman Hemingways, die schwerfällige Satire „Die Sturmfluten des Frühlings“, ein halbes Jahr vor „Fiesta“ erschienen, um den Vertrag mit seinem ersten Verlag brechen zu können, wurde mit allumfassendem Schweigen in den Bereich der Nichtexistenz gestoßen) und in den Gesprächen darüber fiel sehr häufig die Einschätzung „one of the greatest novels of the twentieth century“. Ich selbst war, als ich „Fiesta“ siebzehnjährig erstmals las, hin und weg von der Modernität des Stils und fand mehrere Jahre lang, dass alles andere dagegen verstaubt und antiquiert klang, aber irgendwann bekommt man einen gewissen Überblick, und die Augen gehen einem langsam auf. Will sagen, der Roman behält seine Meriten als Buch, das die amerikanische Prosa ins zwanzigste Jahrhundert katapultierte, aber vom Gehalt her ist es dann doch das Werk eines jungen Puritaners aus dem Mittleren Westen und meilenweit entfernt von der Menschenkenntnis, der psychologischen Einsicht und dem sprachlichen Wagemut, die die größten Romane des Jahrhunderts auszeichnen. (Ein Vortrag, der den flagranten Antisemitismus von „Fiesta“ als Figurenrede hinweginterpretieren wollte, konnte nicht wirklich überzeugen.)
Aber die Amerikaner leiden nun mal nicht an Minderwertigkeitskomplexen. Und was wir vielleicht zu wenig aufbringen an heller, in Superlativen sich überschlagender Begeisterung für unser literarisches Erbe, das haben sie dort im Übermaß. Wir sehen es ja an unserem Buchmarkt, auf dem im Schnitt dreimal pro Jahr ein neuer amerikanischer Messias angekündigt wird, der angeblich die Welt der Literatur rettet und sich dann bei Lektüre meist doch als bestenfalls solider Brot-und-Butter-Romancier herausstellt, der das Rad der Prosa keineswegs neu erfindet.
Jedenfalls hätte man leise Zweifel anmelden wollen, ob Vorträge wie „Oceanic (Im)mortality – Hemingway’s Cuban Pantheism“ oder „Castral Anxiety and Bovine Taxonomy in Hemingway’s The Sun Also Rises“ tatsächlich unentbehrlich sind, doch man hätte verständnislose Blicke geerntet. Alles, was irgendwie mit einem der größten, wenn nicht dem größten Autor des zwanzigsten Jahrhunderts zu tun habe, sei unentbehrlich.
Ein Fan, dessen Leben dem seines Idols an Abenteuerlichkeit kaum nachsteht
Was alle einte, vom renommiertesten Universitätsprofessor bis zum anonymen Studenten, war die barrierefreie Zugänglichkeit und Offenheit, als säßen wir alle bei einem Daiquiri in der „Floridita“ und nichts wäre normaler, als einen Fremden auf Anhieb mit dem Vornamen anzureden.
Da war Joey, ein Masterstudent aus Arizona, der den teuren Trip nach Toronto dank eines Reisestipendiums finanziert hatte. Er schreibt Kurzgeschichten „im Stile von“ und will sein Brot als Lehrer für Creative Writing verdienen. Wann immer man ihm begegnete, lächelte er selig, als wäre er ins Schlaraffenland teleportiert worden. Dann war da Wallace H. John, der durchaus Chancen beim Lookalike-Contest in Florida gehabt hätte und im Selbstverlag drei autofiktionale Romane über sein Aufwachsen mit und dank Hemingway herausgebracht hat.
Einer der beeindruckendsten Teilnehmer war der renommierte Science-Fiction-Autor Joe Haldeman, der mit seiner Frau Gay und deren Schwester Wendy aus Florida angereist war. Der Dreiundachtzigjährige hat ein abenteuerliches Leben geführt, das dem Hemingways kaum nachsteht. Geheiratet mit neunzehn, Abschluss eines Astrophysikstudiums mit 21, nach Vietnam eingezogen mit 22. Dort wurde Haldeman schwer verwundet, aber (weil seine Papiere verloren gingen) nach der Rekonvaleszenz nicht nach Hause geschickt, sondern dabehalten, wenn auch nicht mehr an der Front. Dafür dürfte er als Einziger seiner Kompanie, der korrekt lesen und schreiben konnte, zwei Soldatenbibliotheken aufbauen. Zwei, weil die erste nach fünf Tagen von einer Bombe getroffen wurde. Seine Kriegserfahrungen baute er dann für seinen ersten Roman in dessen Geschichte eines unendlichen Kriegs gegen eine andere Galaxie ein (große Leseempfehlung!).
Klischeekompatibel hatte Hemingway lange genug zu sein
Joe konnte sich königlich über die Legende amüsieren, Hemingway hätte nach seiner Verwundung im Ersten Weltkrieg mit durchschossenem Knie noch einen verletzten italienischen Soldaten hundert Meter weit bis zum Verbandsplatz huckepack getragen. „Ich bin ins Knie geschossen worden. Da setzt du dich hin wie ein nasser Sack und stehst frühestens drei Wochen später wieder auf. Huckepack! Typisches Hemingway-Bullshitting!“
Die interessantesten Veranstaltungen der gesamten Woche drehten sich um die monumentale, bei der Cambridge University Press erscheinende und von Sandra Spanier herausgegebene, auf 29 Jahre und siebzehn Bände angelegte Edition der (fast) kompletten 7000 Briefe Hemingways. Wer einige davon gelesen hat, weiß, dass sie interessanter sind als viele seiner Romane. Es ist ja noch nicht so lange her, dass Hemingway in den USA mit historisch-kritischen Ausgaben seines Werks gewürdigt wird, die wissenschaftlichen Standards genügen. Bis vor Kurzem zog man es vor, seine postumen Werke in stark bearbeiteten, stark gekürzten und klischeekompatiblen Ausgaben zu vermarkten.
Dementsprechend bis auf den letzten Platz voll war der große Festsaal, als ein Ausblick auf den Abschlussband mit den Briefen von 1957 bis 1961 gegeben wurde, den ein Gutteil der Anwesenden wohl nicht mehr erleben wird. An diesem Band wird bereits jetzt gearbeitet, weil die Chance besteht, die seit dem Tod Patrick Hemingways im Jahr 2025 letzte Augenzeugin als Beraterin zu konsultieren: Valerie Hemingway, eine quicklebendige Sechsundachtzigjährige, die als knapp neunzehnjährige Valerie Danby-Smith dem Autor 1959 in Spanien über den Weg gelaufen war und mir nichts, dir nichts in seine riesige Reisegruppe aufgenommen wurde.
Valerie wurde so zur letzten Muse des alternden und kranken Hemingway, seine letzte Tochter-Inkarnation und einseitige Liebe, und um ihr das notwendige Reisegeld nicht als Almosen zu geben, engagierte Hemingway sie als Sekretärin, der er die Briefe der letzten beiden Jahre diktierte. Nach seinem Tod half sie Hemingways Witwe Mary bei Sichtung und Ordnung des Nachlasses und heiratete irgendwann Gregory Hemingway, den jüngsten Sohn und das Sorgenkind der Familie.
Sie zu erleben, ihr zu lauschen, die SEINE Stimme vernommen, SEINE Briefe getippt, SEINE Lippen auf ihren Wangen gespürt hatte, die Hemingways Abstieg, Paranoia, Depression und Verzweiflung hautnah miterlebt hatte, war ein unvergesslicher Moment. Entsprechend lang war hinterher die Schlange, um IHRE Hand zu schütteln.
Und es war wohl auch die Essenz dieser wie vermutlich jeder Hemingway Conference: Jenseits der Beschäftigung mit seinen Texten träumten alle davon, dabei gewesen zu sein in seinem Leben und es einmal berühren zu können.
Michael Kleeberg ist Schriftsteller. Zuletzt erschien sein Hemingway-Roman „Achilles in Taormina“ (Penguin).
