In die Vorderfront der Pariser Bibliothek Sainte-Geneviève wurden in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts die Namen der sechzehn berühmtesten zeitgenössischen Persönlichkeiten des Geisteslebens eingemeißelt. Neben Leibniz und Newton fand sich darauf auch der Name Dimitrie Cantemir.
1714 war Cantemir in die Berliner Akademie der Wissenschaften aufgenommen worden, nicht zuletzt wegen seiner Werke „Descriptio Moldaviae“ (1716) und der bislang umfangreichsten Monographie zum Osmanischen Reich „Incrementa atque decrementa aulae othomanicae“ (1714 bis 1716). Andere Werke schrieb Cantemir in osmanischem Türkisch. Seine satirische Fabel „Istoria ieroglifică“ und den „Divanul“, ein philosophisches Zwiegespräch mit seiner Seele, verfasste er auf Rumänisch, und das waren nur drei der bis zu vierzehn Sprachen, die er beherrscht haben soll.
Diesen wahren Kosmopoliten, eine der eigenwilligsten Persönlichkeiten Südosteuropas, bloß als Grenzgänger zwischen Okzident und Orient und Balkan und was auch immer zu bezeichnen, setzt Grenzen voraus, die ihm unbekannt waren. Wie viele kulturelle und historische Fäden sich in der Person des Dimitrie Cantemir verweben – Osmane im Herzen, politisch Parteigänger Zar Peters, geistig ein Trabant westlicher Frühaufklärung –, blamiert das postkoloniale Konzept des Orientalismus in seiner scherenschnitthaften Simplizität und lässt Westen, Norden, Süden, Osten wieder das sein, was sie ursprünglich waren: Himmelsrichtungen.
Westöstlicher Bildungsweg
Dimitrie Cantemir wurde 1663 als Sohn eines Bojaren geboren, der selbst von Freibauern abstammte und seine Karriere zunächst in der polnischen Armee startete und in der osmanischen fortsetzte. Die moldauischen Freibauern, die Râzeși, deren Gemeinwesen Cantemir in der „Descriptio Moldaviae“ als „Republik“ bezeichnete, konnten sich in den Sumpfwäldern von Tigheciu am Grenzfluss Pruth lange der feudalen Unterwerfung durch die Bojaren widersetzen. Seine Mutter Ana Bantăș war eine hochgebildete Adelige vermutlich tatarischer Abstammung. 1685 hievten die moldauischen Bojaren den unbekannten Constantin Cantemir auf den Fürstenthron der Moldau.
Moldau oder Moldawien war wie die Walachei ein den Osmanen tributpflichtiges Fürstentum. Beide „Donauprinzipalitäten“ sollten zweihundert Jahre später gemeinsam mit Siebenbürgen den rumänischen Nationalstaat konstituieren. Die Hohe Pforte, die den alten Cantemir als loyalen Militär schätzte, akzeptierte diese Wahl. Um Rebellionen der Peripherien abzuwenden, war die alte Tradition weitergeführt worden, einen Sohn des Fürsten als menschliches Pfand in der Hauptstadt zu halten.

Diese Geiselhaft war ein goldener Käfig, die Fürstensöhne genossen eine standesgemäße Erziehung und wurden institutionell und kulturell an den Sultanspalast gebunden. In Istanbul besuchte der junge Dimitrie die Akademie des Patriarchats, die für westliche Ideen weitaus aufgeschlossener war, als es das sinistre Image der griechisch-orthodoxen Kirche vermuten lässt, und – am Lehrplan der Universität zu Padua ausgerichtet und von der Kirchenführung beargwöhnt – Naturwissenschaften, Medizin und weltliche Philosophie im Lehrplan führte.
In gleichem Maße hatte Cantemir, der insgesamt siebzehn Jahre in der Hauptstadt verbrachte, Zugang zur orthodox-byzantinischen, muslimisch-osmanischen und zur humanistischen Geistestradition der Reformation. In die aristotelische Denktradition wurde er vom Mathematiker, Astronomen und Philosophen Sadi Efendi eingeführt. Arabischunterricht nahm er beim Astrologen und Koranforscher Nefioğlu, der sich selbst Latein beigebracht hatte und Interesse am westlichen Humanismus bekundete. Cantemir schrieb im Laufe seines Lebens in Altgriechisch, osmanischem Türkisch, Walachisch (Rumänisch) und Latein, er sprach fließend Arabisch, Persisch, Romaika (Neugriechisch), Russisch, Kirchenslawisch und besaß Grundkenntnisse in Französisch, Italienisch und Armenisch.
Pionier der osmanischen Musikwissenschaft
Er knüpfte enge Kontakte zu osmanischen Würdenträgern, ging bei den diplomatischen Empfängen im internationalen Viertel Pera (heute Beyoğlu) ein und aus und verfasste belletristische und philosophische Werke in Latein und Walachisch. Seine größte Liebe aber galt der Musik. Auf Türkisch schrieb er die wohl erste Abhandlung über osmanische Musik, in der er die orientalischen Modi (Maqamat) systematisierte, das „Kitâbu ‘Ilmi’l-Mûsikí alâ Vechi’l-Hurûfât“ (Das Buch der schriftlichen Musikwissenschaft). Zeitgleich mit dem Leiter der Mevlevi-Sufi-Schule von Galata, Nayî Osman Dede, erfand er ein alphabetisches Notensystem. Cantemirs Notation berücksichtigte auch die spezifisch orientalischen Vierteltonschritte, wie die Mikrotonalität dieser Musik nur unzulänglich umschrieben wird, und ergänzte sein Werk durch kulturhistorisches Wissen und musiktheoretische Reflexionen. Beispiellos war seine Mehrfachbegabung als Interpret, Komponist, Theoretiker und „Ethnomusikologe“.
Die 24 erhaltenen Kompositionen von Dumitrașco Beizade (wie ihn die Rumänen nannten) oder Kücük Kantemiroğlu (wie ihn die Türken nannten) gehören jetzt noch zu den Klassikern der späteren osmanischen Musik. Der moldauische Chronist Nicolae Costin erinnerte sich: „Da er scharfsinnig war und auch Türkisch konnte, war sein Name in ganz Konstantinopel berühmt geworden, so dass ihn Würdenträger zur Bekundung ihrer Freundschaft zu ihren türkischen Gastmählern einluden. Andere sagen, weil er das Tamburin wohl zu schlagen wusste, hätten ihn Würdenträger zur Tafel geladen, damit er aufspiele.“ Hierbei handelt es sich natürlich um einen Übersetzungsfehler ins Deutsche, denn Cantemir schlug nicht, wie auch Costin wusste, die Trommel namens Tamburin, sondern die Saiten der Laute Tambur, der geläufigsten der vier Saz-Typen. Somit gab er diesem anatolischen Instrument gegenüber der Laute Oud den Vorzug, welche in der orientalischen Musik als kompositorisches Leitinstrument einen ähnlichen Stellenwert besitzt wie in der westlichen das Klavier.
Pakt mit dem Zaren
In einem Gemälde von Jean-Baptiste van Mour posiert der junge Fürstensohn bezeichnenderweise in westlichem Rock, dem Justaucorps (das freilich von iranischer und indischer Mode inspiriert war), Allongeperücke, einem Bärtchen à la mode de Louis Quatorze und einem adlerhorstgroßen Turban. Besser ließ sich sein Selbstverständnis wohl nicht illustrieren.
1710 vertraute ihm Sultan Ahmed III. die Herrschaft von Moldau an und erwartete sich von ihm eine schlagkräftige Absicherung der Nordgrenze gegen das Russische Reich. Doch Ahmed und sein Hofstaat sollten sich täuschen. Cantemir war zwar in Liebe der osmanischen Kultur ergeben, hasste aber die Politik des Reichs, das er als korrupt, überkommen und im Absterben begriffen sah. Sehr bezeichnend, dass das Osmanische Reich in der postkolonialen Metaphysik nie als Kolonialmacht figuriert, aber westliche Historikerinnen und Kulturwissenschaftler wahre Eiertänze vollführen, dieses sehr expansive Imperium im tapferen Kampf gegen eurozentrischen Chauvinismus stets von seiner besten Seite zu zeigen. In ihren Augen waren die Osmanen schließlich mindestens so sehr People of Colour wie Gastarbeiter in Berlin und somit potentielle Kolonialopfer, womit sich der eurozentrische Fokus gerade durch diese Schwundstufe des Antirassismus am Leben erhält. Dimitrie Cantemir hätte für solch pro-osmanische Awareness nur Spott übrig gehabt, und sosehr seine „Osmanische Geschichte“ überkommen sein mag, ließe sich daraus noch immer lernen, wie sich Respekt, Kritik und Analyse an ein und demselben Stoff bewähren können.
Unmittelbar nach seiner Inthronisation schloss er einen Geheimvertrag mit Peter dem Großen. Als dessen Armee 1711 den Pruth überschritt, lief er mit dem gesamten moldauischen Heer zu diesem über. Nach dem Friedensschluss forderten die Osmanen die Auslieferung des Verräters, doch war dieser bereits in einem Trosswagen der Zarin durch die türkischen Linien geschmuggelt worden. Cantemir wurde in den Rang eines russischen Fürsten erhoben und diente dem Zaren bis zu dessen Lebensende als politischer Berater.
Ansonsten widmete er sich voll und ganz seinen literarischen Werken und wissenschaftlichen Studien. Zar Peter verliebte sich in Cantemirs Tochter Maria und hätte ihretwegen beinahe seine Frau Katerina verlassen. Cantemirs Sohn Antioch Dmitrijewitsch machte sich einen Namen als scharfzüngiger Satiriker, früher Vertreter der russischen Aufklärung und Mitbegründer der klassischen russischen Literatur. Als Botschafter in Paris freundete er sich mit Voltaire und Montesquieu an, und während seines diplomatischen Dienstes in London kümmerte er sich um die englische Publikation des Opus magnum seines Vaters, „Aufstieg und Niedergang des Osmanischen Reiches“, welches nun auch ins Französische und Deutsche übersetzt wurde und bis Mitte des 19. Jahrhunderts das Standardwerk zum Thema blieb. Einzigartig daran war Cantemirs ausschließliche Verwendung osmanischer Quellen.
Vielseitiger Wortschöpfer
Cantemir, der fest davon überzeugt war, dass die Walachen von den Römern abstammten, leitete seine eigene Herkunft vom nogai-tatarischen Heerführer Khan Temir her, weil ihm diese weitschichtige Verwandtschaft ranghöher erschien als die seines Vaters. Dieser an den polnischen Sarmatismus oder an die ungarische Hunnen-Deszendenz erinnernde Ostbezug zeigt ihn als selbstbewussten Kosmopoliten, der sich seiner Position im westlichen Geistesleben wie im osmanischen Way of life so sicher ist, dass er auch seine Nähe zum ruthenisch-russisch-tatarischen Kulturkontinuum als persönliche Bereicherung empfindet. Und ebenso liebte er die walachische Volkssprache, deren stärkste Gewürze er ohne Scheu in seine eigene neowalachische Bildungssprache einfließen ließ. Cantemir führte unzählige lateinische und griechische Neologismen ins rumänische Idiom ein – aber im Gegensatz zu den Siebenbürger Latinisten des späten 18. Jahrhunderts und den nationalistischen Sprachsäuberern der bürgerlichen Periode verzichtete er nicht auf die slawischen, türkischen und magyarischen Einflüsse, die er in seinen eigenen linguistischen Studien explizit einbekannte.

Cantemir war kein Republikaner, sondern bestenfalls ein aufgeklärter Monarchist. Als scharfsinniger Geist machte er sich jedoch keine Illusionen über die Verkommenheit der aristokratischen Ordnung. Beredt gibt er davon in seiner Romanstudie „Istoria ieroglifică“ Zeugnis ab, wo er die gesellschaftliche Schichtung mit kraftvollen Tiermetaphern belegt. Die Großbojaren werden dort als Raubtiere dargestellt, die „vom Fleische anderer leben und das Blut Unschuldiger vergießen“, und wenn sie kein frisches Opfer finden, „ihren Hunger mit Aas und faulem Fleisch“ stillen.
Der untere Adel wird treffend als jiganie vinatore si de vinat, als „jagende und zugleich gejagte Tiere“ charakterisiert. Doch jeder kriegt sein Fett ab. Die Staatsbeamten Moldaus nennt er „Kettenhunde“ (dulăii), die griechischen Höflinge, die der byzantinische Kaiser Konstantios Dukas ins Land gebracht habe, parasitäres Ungeziefer (lindini, păduchi, lipitori si circei), und die osmanische Oberhohheit erscheint als einzige Last für das Volk, dieses folglich als „Baum ohne Früchte“ (copaci fărăroadă). Cantemirs Sympathie gilt einzig den einfachen Bauern, die er mit Bienen vergleicht, fleißigen, aber auch wehrhaften Insekten, denn sie trügen „Samen und Lanze, Honig und Schwert“ in ihrem Leibe. Und er begreift deren Wunsch nach Freiheit, was mit den slawischen und griechischen Begriffen voie slobodă, slobodženia und elefterie bezeichnet wird.
Anwalt des Gemeinwohls
Cantemir würdigt die Bauern also nicht nur als einzige produktive Gesellschaftsschicht, sondern warnt auch vor berechtigten Revolutionen, die seine eigene parasitäre Klasse hinwegfegen würden. Eine demokratische Ordnung wollte er sich nicht vorstellen. Die Humanisierung der Gesellschaft von oben, durch einen gutwilligen Souverän, der die Macht des parasitären Adels einschränkt, das war außerhalb Englands und Hollands der seinerzeit fortschrittlichste Stand der Dinge und wurde seiner Auffassung nach von Zar Peter verkörpert. Demokratie wurde außerhalb des atlantischen Westens nirgends als Volkssouveränität gedacht, sondern als ständig zu Anarchie und Ausbeutung tendierende feudale Oligarchenherrschaft. Wo keine selbstbewusste Bürgerschicht sowohl Aristokratie als auch Königsdiktaturen herausforderte, war der aufgeklärte König das beste Modell, auf das die von Feudalwillkür niedergepressten Bauern, Leibeigenen und Handwerker hoffen durften.
In seiner „Istoria ieroglifică“ formuliert Cantemir erstmals in der rumänischen Literatur den aufklärerischen Begriff des Gemeinwohls, das er über den bloßen Eigennutz, das Privatinteresse stellt. „Niemand“, schreibt er, „kann sich höhere Ehre und größeres Lob verdienen als mit dem Dienst an der gesamten Gesellschaft.“
Fürst Dimitrie Cantemir soll sich in seinen Jahren in Sankt Petersburg in Sehnsucht nach Istanbul verzehrt haben.
Richard Schuberth lebt als freier Autor in Wien.
