Mitarbeiter der Internationalen Atomenergiebehörde IAEA haben bei einem Inspektionsbesuch in Syrien nach eigenen Angaben »einige Tonnen Nuklearmaterial« gefunden – an einem Ort, welcher der Organisation bislang nicht als potenzielle Lagerstätte bekannt war. Der Fund gehe auf Hinweise der syrischen Regierung zurück, sagte Syriens Außenminister Assad al-Schaibani. Nach syrischen Angaben soll das Land die IAEA bereits am 17. Juli über den Fund informiert und anschließend eine erste Inspektion ermöglicht haben.
Nähere Angaben zur Art des Materials machte die IAEA vorerst nicht. Das US-Portal Axios hatte allerdings vergangene Woche berichtet, dass es sich unter anderem um sogenanntes Yellowcake handeln soll. Dieses schwach radioaktive Uranerz-Konzentrat kann unter anderem zu Reaktorbrennstoff weiterverarbeitet werden.
IAEA-Chef Rafael Grossi lobte bei einer Pressekonferenz in Damaskus die »mutige« Entscheidung der syrischen Regierung, die Informationen über den Fund an die IAEA weiterzugeben. Den genauen Fundort nannte Grossi dabei nicht, warnte allerdings, dass das Material »missbräuchlich verwendet werden könnte«.
Laut Außenminister al-Schaibani haben IAEA-Experten Proben des Materials entnommen. Nach einer ersten Bewertung gehe man davon aus, dass es keine Gefahr darstelle. Demnach solle es »in syrischer Verwahrung bleiben und dem Überwachungssystem der IAEA unterstellt« werden. Auch Grossi sagte, es würde »in internationale Kontrollsysteme integriert«. IAEA-Mitarbeiter sollen demnach zusammen mit syrischen Experten an einer sicheren Lagerung arbeiten.
Atommaterial könnte aus Zeit des Assad-Regimes stammen
Al-Schaibani sagte zur Herkunft des Nuklearmaterials,
dass es ein »Erbe des früheren Regimes« des langjährigen
Machthabers Baschar al-Assad sei. Assad hatte Syrien ab dem Jahr 2000 regiert. Ende 2024 wurde er von Kämpfern unter der Führung der
islamistischen HTS-Miliz gestürzt und floh nach Russland.
Offiziell gab es in Syrien nie ein Atomprogramm. 2007 zerstörte Israel nach
eigenen Angaben einen im Bau befindlichen Kernreaktor in Al-Kibar in der
ostsyrischen Region Deir Essor. Die Assad-Regierung bestritt damals, dass es
sich um eine Atomanlage gehandelt hatte.
In einem Untersuchungsbericht kam die IAEA 2011 zu dem
Schluss, dass es sich um einen geheimen Reaktor gehandelt
habe, der Ähnlichkeiten mit einem Reaktor in Nordkorea
aufweise. Wegen des Widerstands der Assad-Regierung und wegen des Bürgerkriegs konnte die IAEA diesen Vermutungen jedoch nicht vor Ort auf den Grund gehen. Grossi sagte, dass der aktuelle Fund die Vermutung bestätige,
dass Syrien während des Assad-Regimes wohl einen Atomreaktor errichten
wollte.
