
Nach dem Finale sagte Karl Bebendorf einen schönen Satz, der sein Verhältnis zu Frederik Ruppert gut beschreibt: „Inzwischen fühlen sich Europameisterschaften wie nationale Meisterschaften an.“ Das gelte es in den kommenden Jahren auch in der Welt zu zeigen, sagte Bebendorf und fügte mit Blick auf seinen Konkurrenten hinzu: „Ich glaube, da sprechen wir eine Sprache.“
Trotz seiner Medaille haderte Bebendorf mit dem dritten Platz über 3000 Meter Hindernis, wirkte aber, als würde er seinem Freund den größten Erfolg seiner Karriere gönnen. Eine kleine Ansage in Richtung Ruppert konnte er sich trotzdem nicht verkneifen. „Freddy hat noch nicht so viele Rennen gegen mich gewonnen“, sagte Bebendorf, ehe er mit einem Lächeln hinzufügte: Nun habe Ruppert in ihrem internen Duell eben wieder einen Punkt gesammelt.
Bebendorf wollte selbst Europameister werden. „Der Plan war, dass ich mit Gold aus dem Rennen gehe. Das ist es leider nicht geworden, aber eine Medaille ist eine Medaille“, sagte er, betonte aber auch: „Meine Ambitionen waren deutlich höher.“ Seit seinem ersten EM-Bronze vor zwei Jahren sei noch mal „ein bisschen“ passiert, sagte Bebendorf: „Ich habe mich mit meinem Trainingsumfeld um 180 Grad gedreht, habe mich vollkommen auf den Sport fokussiert – und dann ist Bronze nicht mehr genug für mich.“
Der Plan geht auf
Als Frederik Ruppert nach 28 Hindernissen die Ziellinie überquerte, war er Europameister, in 8:25,33 Minuten. Der 29-Jährige hatte sich von Beginn an mit dem Spanier Daniel Arce an die Spitze gesetzt und erhöhte 600 Meter vor dem Ziel noch mal den Druck. Die letzte Stadionrunde lief Ruppert mit der Überzeugung eines Hindernisläufers, der sich in den vergangenen Monaten in einem steilen Aufstieg befindet. „Der Plan ist aufgegangen“, sagte Ruppert: „Wir haben genau auf dieses Szenario hintrainiert. Deshalb war ich mir auch sicher, dass ich das am Ende aktiv gestalten kann.“
Ruppert und Bebendorf waren als Nummer eins und zwei der europäischen Meldeliste zur EM gereist. Ruppert hatte Ende Mai in 7:57,80 Minuten als erster Europäer die Acht-Minuten-Marke unterboten. Bebendorf war mit 8:05,55 Minuten ebenfalls so schnell wie nie zuvor gelaufen. Daraus ist eine Konkurrenz entstanden, die beide besser macht.
Als Ruppert in Rabat seinen Europarekord lief, kitzelte er damit auch seinen Konkurrenten. Dieser reagierte wenige Wochen später: Bebendorf gewann das Diamond-League-Meeting in Paris und verbesserte seine persönliche Bestzeit um 2,66 Sekunden. Anschließend erklärte er, dass Rupperts Rekord ihn zusätzlich motiviert habe. Er habe die Lücke auf seinen deutschen Konkurrenten wieder verkleinern wollen.
2025 explodierte die Leistung
Beide profitieren von der Stärke des jeweils anderen. Bebendorf hatte lange die bessere Bilanz in direkten Duellen. 2025 explodierten Rupperts Leistungen jedoch förmlich, er gewann unter anderem das Diamond-League-Finale und entwickelte sich zu einem der besten Hindernisläufer der Welt. Aber auch mit EM-Titel und Europarekord kann er sich nicht zurücklehnen, weil er weiß, dass Bebendorf nur auf seine Chance lauert.
Ruppert und Bebendorf sind Rivalen, aber auch gut befreundet. Direkte Duelle vermeiden sie, wenn es sich einrichten lässt, auch weil es wie in Birmingham zu seltsamen Situationen führen würde: „Man gönnt sich gegenseitig den Erfolg, aber möchte natürlich schon auch der Bessere sein“, sagte Ruppert. Im Rennen helfe es ihm aber extrem, mit Bebendorf einen der stärksten Konkurrenten im eigenen Team zu haben. „Jedes Jahr wird der deutsche Hindernislauf stärker, und das ist der nationalen Konkurrenz zu verdanken.“
Die deutschen Hindernisläufer profitierten in Birmingham auch von ihrer Teamstärke, bei den Männern wie bei den Frauen. Alle, die sich für die EM qualifiziert hatten, schafften es auch ins Finale. Nach Gold für Gesa Krause und Bronze für Olivia Gürth waren die Medaillen von Ruppert und Bebendorf der nächste Beweis dafür, dass der Hindernislauf gerade eine deutsche Spezialität ist. „Ich hoffe, dass die Entwicklung so weitergeht“, sagte Ruppert, „und dann glaube ich auch, dass wir die Lücke, die es noch gibt, immer weiter schließen werden.“
