Was, wer und warum sind nebensächlich. Entscheidend ist das Wie. Jedenfalls beim perfekten Bankraub. Der perfekte Bankraub ist einer, bei dem gar nichts geraubt wird. Der perfekte Bankraub ist einer, bei dem nicht das Raubgut aus der Bank verschwindet, sondern der Räuber mit ihm in der Bank bleibt. Bei dem das ganze Tamtam mit Maschinengewehren, Geiselnahme, Fluchtfahrzeug und zähen Verhandlungen nur dazu dient, den großen Bankraub vorzuspielen, der vom wichtigen Bankraub ablenkt. Der perfekte Bankraub gilt nicht Bargeld, das haufenweise in Säcken abtransportiert wird, sondern einem Stück Papier. Der perfekte Bankraub ist, wie alles Perfekte, eine einzige Täuschung.
Dalton Russell, gespielt von Clive Owen, kündigt am Beginn von „Inside Man“ als Erzähler aus dem Rückblick einen solchen Bankraub an und führt ihn – „weil ich es kann“ – mit drei Freunden durch. Alles ist dabei anders, als es aussieht. Die Manhattan Trust Bank, in die sie eindringen, ist laut ihrem eisernen Wappen 1948 gegründet worden. Aber nicht Vertrauen, sondern Verrat stand an ihrem Beginn. Das buchstäbliche Kapitalverbrechen, das ihrer Gründung voranging, war tatsächlich größer als das des Bankraubs, der nur einem einzelnen Schließfach gilt, in dem das Dokument liegt, aus dem die Gründungsumstände hervorgehen. Am Anfang war ein Unrecht. Das Ansehen des Gründers, Arthur Case, den Christopher Plummer mit selbstgerechter Oberschichtenarroganz gibt, würde sein Bekanntwerden nicht überleben.
Wer, was, warum – egal
Regisseur Spike Lee, der damit auf den Großvater George W. Bushs anspielte, der als Bankier an der nationalsozialistischen Schwerindustrie verdient hatte, stattet den perfekten Bankraub mit allen Attributen des Bankraubs aus, wie wir sie hinlänglich aus dem Kino kennen. Räuber, die als Maler verkleidet maskiert auf Tresen steigen, um von dort aus Geiseln anzubrüllen. Rauchbomben, damit auch draußen alle von ihrem Eindringen erfahren. Es gibt gleich zweimal eine Geisel, die den Helden spielen will und dafür verprügelt wird. Gängige Psychospiele finden zwischen dem Geiselnehmer und dem polizeilichen Unterhändler Keith Frazier statt, der eigentlich ganz andere Sorgen hat. Denzel Washington legt ihn als Scherzkeks mit Strohhut und gutem Herzen an. Es gibt die obligatorische Pizzalieferung mit eingebautem Abhörgerät. Die Bankräuber spielen für diese Mikrofone eine Rede des sozialistischen Diktators Enver Hoxha ab, was zur kleinen Seitenkomödie „Suche nach einem albanischen Übersetzer“ führt. Die Gegenabhörung lässt nicht auf sich warten.
Allmählich merkt Frazier allerdings, dass die Bankräuber gar nichts wollen. Warum? Weil sie schon alles haben. Am Ende wird das bekannte Motiv der Bankräuber genutzt, die sich unerkannt unter die Geiseln mischen, denen zuvor durch ständige Umsortierung – „Bankangestellte links, Kunden rechts“, „Männer links, Frauen rechts“, „Alles ziehen sich bis auf die Unterwäsche aus und streifen Overalls über!“ – die Wahrnehmung, wer was ist, verdreht wurde. Wer, was, warum – egal. Als luxuriöse Zugabe bekommen wir vorher noch Willem Dafoe als Polizisten ohne eigene dramaturgische Bedeutung und Jodie Foster als Krisenmanagerin, die das Sonderinteresse des Bankchefs vertritt, ohne damit zur Handlung mehr beizutragen als ein kühles Lächeln, sehr schöne Beine im Chanel-Habit und weitere Handlungsverschleppung.
Ihr, der Handlungsverschleppung, dienen all die genretypischen Motive. Das Erwartbare dient dem Zaubertrick. Wer den Film langatmig nennt, hat das nicht verstanden. Es geht, während die Zuschauer auf Umwege geführt werden, die ganze Zeit um Zeitgewinn für die Räuber. Bis zum Schluss weiß niemand, wofür sie ihn benötigen. Im Film sorgen viele Zeitsprünge, die sein Ende vorwegnehmen oder durch ergebnisarme Geiselbefragungen, noch während das Hauptgeschehen läuft, für weitere Verwirrung darüber sorgen, was eigentlich geschah.
Begleitet wird dieses Zeitspiel von kleinen Szenen, die um ethnische Vorurteile im Non-Melting-Pot kreisen: gegenüber Sikhs, Arabern, Afroamerikanern, Juden. Wer kann Armenier von Albanern unterscheiden? Polizist Frazier spielt das Tonband mit den für ihn unverständlichen Lauten den Gaffern auf der Straße vor, weil man ja in New York sei, da finde sich bestimmt jemand, der die Sprache wiedererkennt. Der Mann, der es kann, spricht dann selbst gar kein Albanisch, sondern schickt seine Ex-Frau. Das Volk ist bunt, sagt der Film, die Unguten gehören, vom Bankgründer über die Krisenmanagerin bis zum Oberbürgermeister, der weißen Upperclass an, die sich sehr zu Unrecht für überlegen hält.
„Inside Man“ ist kein perfekter Film. Ein bisschen zu viel Komödie in den Dialogen, eine zu absehbare Verteilung von Gut und Böse, zu viele Stars ohne Aufgaben. Man kann das alles Spike Lee aber nicht übelnehmen, denn dazu unterhält das Ganze viel zu sehr. Der Bankraub ist ein Bluff, bei dem der intelligente Täter alle Karten seiner Mitspieler kennt. Doch das merken wir erst ganz spät, weswegen sich auch daraus kein Einwand gegen den Film ergibt. Wer verblüfft, hat recht.
