
Die neue Gegenseitigkeit bekamen der spanische Sender TVE und die Nachrichtenagentur Efe in Marokko am eigenen Leib zu spüren. Bis zum Samstagnachmittag durften deren Mitarbeiter aus der marokkanischen Grenzstadt Fnideq live über die Lage an der Grenze zur spanischen Exklave Ceuta berichten. Am Übergang stand ein Großaufgebot marokkanischer Sicherheitskräfte bereit, um einen neuen Ansturm auf die Grenze zu verhindern.
Die Korrespondentin des öffentlich-rechtlichen Kanals und Kollegen der Nachrichtenagentur Efe berichteten gerade über eine Razzia gegen afrikanische Migranten, als sie ein Vertreter des Innenministeriums nach ihren Angaben brüsk aufforderte, sofort aus Fnideq zu verschwinden. Andernfalls würde ihr Material beschlagnahmt und sie könnten ihre Akkreditierungen verlieren. Weitere Gründe nannte er ebenso wenig wie später die zuständigen Ministerien in Rabat. Die Ausweisung kritisierten in Spanien umgehend Journalistenverbände und Regierung als einen Angriff auf die Pressefreiheit. Die spanische Botschaft in Rabat schaltete sich ein.
Es gehe um eine „gleichberechtigte Medienpartnerschaft“
Keine 24 Stunden später kam dann die Begründung – über das marokkanische Onlineportal Le360, das dem Königshaus und Regierung nahesteht. Die spanischen Journalisten habe man „höflich gebeten, ihre Dreharbeiten zu beenden und die Stadt zu verlassen“, hieß es aus einer „autorisierten Quelle“ unter dem Artikel mit der Überschrift „Eine Frage der Gegenseitigkeit“: Es gehe hier nicht um Pressefreiheit, sondern um eine „gleichberechtigte Medienpartnerschaft“.
Eine Woche zuvor war demnach ein Fernsehteam des öffentlich-rechtlichen marokkanischen Senders 2M an der Berichterstattung aus Ceuta gehindert worden. Die spanische Polizei habe vor einer Woche die Einfuhr ihrer Ausrüstung nicht gestattet. Die Zurückweisung von 2M hatte in Marokko Empörung hervorgerufen. Der Nationale Presseverband (SNPM) hielt den spanischen Behörden einen „verzweifelten Versuch, die Wahrheit zu unterdrücken, und eine vollständige Nachrichtensperre über die Realität“ vor.
Auf Le 360 legte jetzt der bekannte Kommentator Aziz Daoud nach. Er behauptete, ein Journalist der marokkanischen Website Hiba Press sei in Ceuta von spanischen Polizisten angegriffen worden. „Stille. Nichts. Nada“ sei wieder die spanische Reaktion gewesen. Aziz Daoud wirft Spanien „Pressefreiheit mit Doppelmoral“ vor. In einer wörtlichen Anspielung auf eine Erklärung aus spanischen Regierungskreisen schrieb er: „Die Pressefreiheit verdient es, überall und unter allen Umständen verteidigt zu werden – ohne Ausnahme.“
Ceuta als „besetzte marokkanische Stadt“
In Spanien hatte nur das Onlineportal El Confidencial ausführlicher über die Zurückweisung des marokkanischen Teams berichtet – angeblich auf Anweisung der Vertretung der spanischen Zentralregierung, die sich später zu Nachfragen nicht äußern wollte. El Confidencial erinnert an die schlechten Erfahrungen des letzten großen Ansturms aus Marokko im Mai 2021 mit marokkanischen Pressevertretern. Damals hatte etwa der marokkanische Online-Sender Chouf-TV über angebliche Misshandlung von Migranten durch spanische Polizisten berichtet und Ceuta als „besetzte marokkanische Stadt“ bezeichnet.
Der Kommentator Daoud verlangt nicht nur, dass Spanien die Prinzipien, die es von anderen fordere, auch selbst anwendet, er geht noch weiter: In Ceuta sollten die „Machthaber für die Misshandlungen von Kindern in diesem besetzten Gebiet sowie für die Behinderung marokkanischer Journalisten bei der Berichterstattung zur Rechenschaft gezogen werden“, fordert der Kommentator, nach dessen Ansicht Ceuta Marokko gehört. Seine deutlichen Worte sind keine Ausnahme. Die Migrationskrise in Ceuta hat gezeigt, wie sehr Spanien an der Grenze auf Marokko angewiesen ist. Selbstbewusst legt die marokkanische Führung der spanischen Regierung nun eine lange Liste von Beschwerden und Forderungen vor.
