Als Leo Struthers (Alan Cumming) morgens bei seinem Nachbarn Clive Goss (David Morrissey) klingelt, weil er sich ausgesperrt hat, hat er noch zehn Tage zu leben. Sie wohnen Tür an Tür in einer ruhigen Vorortstraße in Manchester, in der Art von spätviktorianischen Reihenhäusern, die bei Interior-Designern zwar Schnappatmung auslösen, in Wirklichkeit aber nur mit viel Geld auf modernen Komfort umgerüstet werden können.
Es ist ein Straßenzug von vielen in Manchester Suburbia, wie die Luftaufnahme zuvor gezeigt hat. Um verdichtete britische Gegenwart geht es in „Tip Toe“, das wird die fünfteilige, von ITV für Channel 4 produzierten Miniserie von Russel T Davis nicht müde zu betonen, implizit und explizit. Großbritannien im Jahr 2026, das bedeutet hier „Cost of Living Crisis“, die Verteuerung der Lebenshaltungskosten, Jobunsicherheit, „Housing Crisis“, politische und individuelle Krisenstimmung, die den Aufstieg rechtsextremer Scharfmacher begünstigen.
Clive, von Beruf Elektriker, war vor zehn Jahren Brexit-Befürworter, aber es hat ihm nichts gebracht. Sein Handwerksbetrieb läuft schlecht. Wo er früher Häuser wie seins komplett neu verkabeln konnte, machen es jetzt Kinder nach dem Konsum einschlägiger Youtube-Videos umsonst. Saul (Joseph Evans), Clives 25-jähriger Sohn, verdient sich vom Kinderzimmer aus ein Zubrot mit Live-Masturbation bei „Only Fans“. Der sechzehnjährige Sohn George (Jackson Connor) geht aufs College, es wartet eine prekäre Zukunft.
Homophobie gehört zu seinem Männlichkeitsbild
Seine Frau Marie (Pooky Quesnel) arbeitet in einer Küche, wird wegen Rationalisierung entlassen. Der Chef, meint sie, sei eben schwul und stelle lieber „heiße Jungs“ ein. Wenn Clive abends auf dem Sofa entspannt, während seine Frau sich im Schlafzimmer selbst befriedigt, schaut er auf dem Smartphone Gewaltvideos mit angeblich echten Tötungen. Natürlich ist Clive homophob, das gehört zu seinem Männlichkeitsbild. Genau wie die Akzeptanz der regelmäßigen Randale der Fußball-Hooligans, genau wie die Angst vor „schwulen Pädophilen“, die seinen Söhnen zu nahe treten könnten.
Besagtem Nachbar Leo dagegen geht es eigentlich ziemlich gut. Zwar hat ihm sein nächtlicher Sexualpartner gerade den Laptop geklaut, und es könnte ihn irritieren, da er nun ausgesperrt ist und in Unterhose auf der Straße steht, doch er bleibt gelassen. Dass Clive ihn nur zögernd ins Haus lässt, damit er von dort seine Freundin Stephanie (Elizabeth Berrington) wegen des Ersatzschlüssels anrufen kann, als könnte er den Raum und die Jungs irgendwie mit Schwulsein infizieren, gehört zu Leos Normalität.
Leo betreibt die florierende Bar „Spit & Polish“, in der Drag Queens, Transpersonen und alle möglichen anderen Menschen willkommen sind. Schon zwei Jahre zuvor hat er überlegt, Sicherheitspersonal zu engagieren. Wegen der zunehmenden Attacken.
Der Autor Russell T Davies siedelt die Bar in der Canal Street Manchesters an. Ein Selbstzitat, verweisend auf sein Werk „Queer as Folk“. Die Straße mit ihren Regenbogenflaggen, Cafés und Nachtetablissements gilt Besuchern als geschützte Zone, aber in „Tip Toe“ vielen in Manchester als Sündenpfuhl.
Leos langjähriger Freund Melba (Paul Rhys) fragt ihn zwar, ob es ihn nicht störe, beim Reiseportal Tripadvisor als Typ bezeichnet zu werden, der chemisch kastrierte Kinder als Angestellte ausbeute, aber Leo winkt ab. Er hört zwar zu, aber winkt wieder ab, als Melba seine kulturpessimistisch gefärbten, druckreifen Zeitdiagnosen darlegt.
Die Vorgeschichte einer Hinrichtung ohne Anklage
Ob Leo nicht sehe, wie Trump Attacken auf Schwule rechtfertige? Ob er nicht sehe, wie der Firnis der Zivilisation zerbröselt sei und Schwule wieder als Sündenböcke gejagt werden würden? Ob er die Hetze, verstärkt durch Social Media und rechtsextreme Politik, denn nicht spüre? Ob er nicht merke, dass Schwule wieder beginnen müssten, sich auf Zehenspitzen („Tip Toes“) zu bewegen? Leo bleibt entspannt. Er wird, und das ist kein Geheimnis, denn die Eröffnungsszene zeigt es in einem schockierenden Kameraschwenk, sein Vertrauen in die wertebasierte Bürgerlichkeit nicht überleben.
„Tip Toe“ ist eine Serie, die mitnichten einen „Nachbarschaftskrieg“ beschreibt, wie verschiedentlich zu lesen war, sondern erzählt die Vorgeschichte einer Hinrichtung.
Die Serie zeigt, wie es dazu kommt, dass ein Lynchmob, angestachelt von Clive, Leo am helllichten Tag am Laternenpfahl vor seinem Haus aufknüpft, um ein Exempel zu statuieren gegen „Andersartige“, die angeblich die „moralischen Grundfesten der Gesellschaft zum Einsturz bringen“. Davies gelingt es vor allem in der finalen fünften Folge, die Mechanismen der Aufstachelung und das Ingangsetzen des männlichen „Volkszorns“, der seinen Mord auch noch für Internet-Livesendung filmt, uns als brutalstmögliches Memento Mori mitzugeben.
Die Ausstrahlung bei HBO Max bedeutet, dass hierzulande wohl nicht besonders viele Zuschauer „Tip Toe“ sehen werden. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern kann man sich die Serie freilich kaum vorstellen. Zu brutal, zu schockierend, zu kontrovers, zu konsequent. Russell T Davies Werk ist ein neuer Beweis dafür, wie sehr das britische fiktionale Fernsehen dem deutschen überlegen ist.
Tip Toe läuft bei HBO Max.
