Im Leben von Xavier Hernández i Creus gibt es einige Spuren, die in die Niederlande führen. Zu seinem ersten Pflichtspiel als Profi des FC Barcelona verhalf ihm 1998 der Trainer Louis van Gaal. Als er 2006 zum ersten Mal die Champions League gewann, hieß sein Chef Frank Rijkaard, auch er, wie van Gaal, ein Niederländer. Vier Jahre später, bei seinem größten sportlichen Erfolg überhaupt, dem Weltmeistertitel 2010, traf er im Finale auf, na klar, die Niederlande.
Vor diesem Hintergrund ist es nur konsequent, dass es ihn nun wieder ins deutsche Nachbarland zieht. Überraschend wurde Xavi in der vergangenen Woche als neuer niederländischer Nationaltrainer vorgestellt. Samt Inszenierung, die ihn mindestens als verlorenen Adoptivsohn des Landes zeigte. Zum niederländischen Fußball fühle er „eine tiefe Verbundenheit“, sagte Xavi bei seiner Präsentation und berief sich dabei auf Johan Cruyff, der sein Verständnis von Fußball prägte.
Das ist insofern nur logisch, da Xavi als gebürtiger Katalane und Absolvent der Akademie des FC Barcelona nach den Lehren des Niederländers erzogen wurde. So gesehen ließe sich behaupten, Xavi und Niederlande wären das perfekte Match. Verbandschef Nigel de Jong sprach aufgrund von Xavis sportlicher Sozialisation gar von der „idealen Wahl für die kommenden Jahre“. Jener de Jong, der im Finale gegen Xavis Spanier dessen Mittelfeldpartner Xabi Alonso mit einem üblen Tritt an den Oberkörper niedergestreckt hatte. Nun löste seine Wahl unter den eigenen Landsleuten Brustschmerzen aus.
Die Nominierung des 45 Jahre alten Xavi stieß in den Niederlanden nicht nur auf Zustimmung, kam sie doch nicht nur einer großen Überraschung, sondern auch einem gewaltigen Einschnitt gleich. Zuletzt beschäftigten die Niederlande vor fast einem halben Jahrhundert einen ausländischen Trainer. Bei der Weltmeisterschaft 1978 führte der Österreicher Ernst Happel die Mannschaft ins Finale. Im Anschluss beschäftigte der nationale Verband nur noch einheimische Trainer.
Als Wunschkandidat galt ein anderer
So mancher Experte und Kommentator hätte sich in dieser Hinsicht Kontinuität gewünscht. Zumal sich bald herausstellte, dass Xavi nicht die erste Wahl der Verbandsspitze gewesen war. Diese hatte zuvor Absagen der einheimischen Trainer Peter Bosz, Erik ten Hag und Arne Slot akzeptieren müssen. Vor allem Letzterer galt nach seinem Aus bei Liverpool als Wunschkandidat, jedoch sieht sich Slot, der nur zwei Jahre älter als Xavi ist, weiter im Vereinsfußball.
Für den Spanier gilt das Gegenteil. Nach Stationen in Qatar und beim FC Barcelona wollte Xavi ausdrücklich nicht bei einem Klub arbeiten. Die tägliche Beanspruchung und das viele Reisen passen derzeit nicht zu seinen Lebensvorstellungen. Xavi ist mit der ehemaligen Journalisten Núria Cunillera verheiratet, das Paar hat zwei Kinder im Alter von zehn und acht Jahren. Um sich besser um seine Familie kümmern zu können, zieht der frühere Mittelfeldspieler eine Teilzeitaufgabe als Nationaltrainer vor. So wird Xavi weiterhin in Barcelona wohnen und nur von Zeit zu Zeit in die Niederlande reisen.
Seine erste Dienstreise erfolgt im September, Gegner bei seinem Debüt am 24. in Amsterdam wird die deutsche Mannschaft um Jürgen Klopp sein, der dann wie Xavi seinen Einstand als Nationaltrainer gibt.
An Arbeit wird es dem Spanier in den Niederlanden nicht mangeln. Bei der WM in Nordamerika scheiterte die Auswahl schon im Sechzehntelfinale an Marokko, Trainer Ronald Koeman erklärte umgehend seinen Rücktritt. Wie schon vor fünf Jahren beim FC Barcelona folgt ihm nun Xavi. Der soll nicht nur an alte Erfolge anknüpfen, sondern diese ganz im Sinne früherer Geister auf eine ansehnliche Art herbeiführen. Die Niederlande sehnen sich nach dem schönen Spiel, dem „totalen Fußball“, so wie sich die Brasilianer sonst nur nach ihrem „Jogo bonito“ sehnen.
Xavi wurde in Barcelona vorgeworfen, nicht mutig genug zu spielen
Die Hoffnungen, die in dieser Hinsicht mit dem einstigen Ballvirtuosen Xavi verbunden sind, könnten kaum größer sein. Jedoch wird leicht übersehen, dass der Spieler Xavi nicht unbedingt mit dem Trainer Xavi vergleichbar ist. Während seiner Zeit beim FC Barcelona wurde ihm vorgeworfen, nicht mutig genug nach vorn spielen zu lassen. Also ganz anders, als Xavi das Spiel einst als Gehirn des FC Barcelona interpretiert hatte.
Der Vorwurf war nicht immer gerechtfertigt. Gerne verwies Xavi auf die schwierige ökonomische Situation, in der sich der Klub während seiner Amtszeit befand, auf das fehlende Spielermaterial und sprach lieber über all die jungen Fußballer, denen er erste Schritte als Profis ermöglichte. Die prominentesten sind Weltmeister Pau Cubarsí und Nationalspieler Fermín López.
In den Niederlanden kann Xavi traditionell auf eine große Auswahl an talentierten Fußballern zurückgreifen. Einer von ihnen ist Mittelfeldspieler Xavi Simons, der seinen Vornamen in Anlehnung an seinen künftigen Nationaltrainer trägt. Vater Regillio Simons war ein großer Fan. Nach der Bekanntgabe durch den Verband veröffentlichte Xavi Simons ein altes Bild, das ihn als kleinen Jungen mit Xavi Hernández, beide im Trikot des FC Barcelona, zeigt. Die Vorfreude sei gigantisch, ließ Simons verlauten. Viel größer könnten die Erwartungen an Xavi Hernández kaum sein.
