
Die Zahl der verfügbaren Arbeitskräfte in Deutschland hat 2025 ihren Höhepunkt überschritten. Jetzt geht das Potential zurück. In diesem Jahr schrumpft die Zahl um 41.000 auf 48,6 Millionen Personen, erwartet das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Doch das ist nur der Anfang einer demographischen Entwicklung, die die deutsche Wirtschaft künftig neben der Strukturkrise ihrer Industrie belasten wird.
Ein genaueres Bild davon liefert eine Analyse der Unternehmensberatung McKinsey. Sie liegt der F.A.Z. vorab vor. Demnach senkt hierzulande künftig allein das Schrumpfen des Arbeitskräfteangebots die Wirtschaftsleistung um jährlich 0,7 Prozent.
Konkret: Sollte die Wirtschaft nicht durch andere Umstände wieder neue Kraft schöpfen, ginge das Bruttoinlandsprodukt (BIP) von 4470 Milliarden Euro im Jahr 2025 auf 4316 Milliarden Euro im Jahr 2030 zurück.
Früher stieg die Zahl der Arbeitskräfte, und die Arbeitszeiten sanken
Welche Kräfte am Werk sind, verdeutlicht die Analyse mit diesen Zahlen: In den zwanzig Jahren seit 2005, die großenteils von Wachstum geprägt waren, stieg das Arbeitsvolumen in Deutschland um neun Prozent. Dabei erhöhte sich die Zahl der Erwerbstätigen um 17 Prozent, während die durchschnittliche Arbeitszeit je Kopf um sieben Prozent sank. Die Daten stammen aus der Arbeitszeitrechnung des IAB.
Die Altersgruppe von 60 bis 64 Jahren besteht heute aus 6,6 Millionen Menschen; sie erreichen bald den Ruhestand. Die Altersgruppe von 15 bis 19 Jahren besteht nur aus knapp vier Millionen Menschen an der Schwelle zum Berufsleben. Die Differenz von 2,6 Millionen zeigt, wie stark die Arbeitskräftebasis künftig schrumpft.
Zwar gibt es ungenutzte Reserven, darunter gut drei Millionen Arbeitslose. Allerdings passen Arbeitslose und freie Stellen nicht ohne Weiteres zusammen. Letztlich wirkt es wie eine Aufschwungbremse, wenn Arbeitskräfte knapp werden. Unternehmen können sich dann schwerer auf neue Geschäftschancen einstellen.
Personalknappheit hemmt Investitionen und Beschäftigung
Enzo Weber, Forschungsbereichsleiter am IAB, warnt vor falschen Hoffnungen. „Oft wird erwartet, dass die Löhne steigen und die Arbeitslosenquote sinkt, wenn es weniger Arbeitskräfte gibt“, schrieb er dazu. Dass es so nicht läuft, zeige eine historische Analyse für etliche Länder seit dem 19. Jahrhundert: „Bei Bevölkerungsschrumpfung sinken Investitionen und Beschäftigung schnell, während sie bei Bevölkerungszunahme viel langsamer wachsen.“
Trotzdem ist der Verlust an Wirtschaftsleistung kein unabwendbares Schicksal. „Der demographische Wandel ist eine reale Wachstumsbremse. Der damit verbundene Wohlstandsverlust aber kein Automatismus“, sagt Ko-Autor Luca Flora. Die größte Chance liege in neuen Technologien. Unternehmen könnten „mit Künstlicher Intelligenz einen erheblichen Produktivitätsschub auslösen“, betont Solveigh Hieronimus, Senior Partner bei McKinsey. Im Kern gibt es zwei Ansätze: Man kann das Arbeitsvolumen der vorhandenen Kräfte erhöhen. Und höhere Produktivität steigert die Wertschöpfung je Arbeitsstunde.
Automatisierung könnte riesigen Wachstumsbeitrag leisten
Welche Wachstumspotentiale darin liegen, hat McKinsey näher geprüft – mit positiver Perspektive für den krisengeplagten Industriestandort. Auch wegen seines hohen Industrieanteils verfüge Deutschland „über das größte KI-basierte Produktivitätspotential in Europa“, so die Analyse. Über alle Bereiche hinweg bis hin zur öffentlichen Verwaltung lasse sich mit KI und Digitalisierung eine zusätzliche Wirtschaftsleistung von 265 Milliarden Euro bis zum Jahr 2030 realisieren. Das wäre gut ein Prozent mehr Wachstum pro Jahr.
Ein zweites großes Produktivitätspotential liegt in einem politischen Handlungsfeld: Durch Abbau von Bürokratie, Berichtspflichten sowie gleichzeitige Dämpfung von Lohnnebenkosten seien 75 Milliarden Euro bis 2030 drin. Und ähnlich viel verspreche auch eine bessere „Allokationsdynamik“ am Arbeitsmarkt: Fachkräfte sollten schneller und flexibler in wachsende Branchen oder Tätigkeitsfelder wechseln, anstatt etwa mit Kurzarbeitergeld in alten Strukturen zu verharren.
Eine Stunde mehr Arbeit pro Woche bringt schon viel
Zudem sieht die Analyse zwei große Hebel für ein höheres Arbeitsvolumen. Dies ist zum einen die Erwerbsbeteiligung, also der Anteil der aktiven Erwerbspersonen. Zwar liegt sie auf recht hohem Niveau. Aber es ginge besser – etwa mit einer Frauenerwerbsquote wie in den Niederlanden und einer Erwerbsbeteiligung Älterer wie in Schweden. Insgesamt liege hier ein Potential von 192 Milliarden Euro bis 2030. Zum anderen helfen längere Arbeitszeiten. Würden alle eine Stunde je Woche mehr arbeiten, könne das die Wirtschaftsleistung bis 2030 um bis zu 150 Milliarden Euro steigern.
Im Idealfall könnte das BIP dann bis 2030 preisbereinigt auf 5087 Milliarden Euro steigen, so das Fazit der Analyse. Das wäre trotz schrumpfender Bevölkerung ein Wachstum von 2,6 Prozent pro Jahr. Das aber erlaube keine Rosinenpickerei: „Ein solcher Sprung ist nur dann realisierbar, wenn sowohl der Arbeitseinsatz als auch die Produktivität umfassend gesteigert werden.“
