
In Russland sind offenbar strafrechtliche Ermittlungen gegen einen Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung aufgenommen worden. Die staatliche Nachrichtenagentur Tass meldete, es sei ein Strafverfahren gegen Michael Martens, den Balkankorrespondenten der F.A.Z., eingeleitet worden.
Martens hatte vor gut einer Woche auf einer Pressekonferenz in Belgrad den ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj gefragt, was die Europäer tun könnten, um der Ukraine dabei zu helfen, mehr russische Soldaten zu töten. Ermittelt werde wegen des Schürens von Hass und Feindseligkeit, meldete Tass. Aktuell werde entschieden, ob der Korrespondent international zur Fahndung ausgeschrieben werde. Der F.A.Z. ist das Verfahren nicht bekannt.
Bei Verurteilung drohen sechs Jahre Straflager
Die Frage des Korrespondenten hatte scharfe Kritik hervorgerufen, unter anderem von der russischen Regierung. Die F.A.Z. erklärte daraufhin, die Frage des Mitarbeiters sei missverständlich formuliert gewesen. Dies bedauere man. Es sei nicht die redaktionelle Linie der Zeitung, dass möglichst viele russische Soldaten getötet werden sollten.
Bei einer Verurteilung in Russland drohen dem Journalisten bis zu sechs Jahre Straflager, wie Tass berichtete. In Russland werden Urteile auch in Abwesenheit gesprochen – wie etwa im Fall des Karnevalswagenbauers Jacques Tilly, der Kremlchef Wladimir Putin und seinen Krieg kritisiert hatte. Er wurde wegen bissig-satirischer Mottowagen zu achteinhalb Jahren Straflager verurteilt, muss aber in Deutschland keine Auslieferung befürchten.
Die F.A.Z. hatte „Diffamierungen und Drohungen“ gegen ihren Korrespondenten als „inakzeptabel“ kritisiert. Zur Pressefreiheit gehöre das Recht, Fragen zu stellen, gerade auf einer Pressekonferenz.
