Owe Fischer-Breiholz war untröstlich. „Ich habe noch nie so eine Enttäuschung verspürt“, sagte der U-23-Europameister, nachdem er im Finale über die 400 Meter Hürden in 48,56 Sekunden den fünften Platz belegt hatte. Eigentlich eine beachtliche Leistung bei der ersten EM-Teilnahme im Erwachsenenbereich, aber für Fischer-Breiholz hatte es sich in diesem Moment nicht so angefühlt.
Seine Enttäuschung bezog sich weniger auf die Platzierung als auf die Differenz zwischen dem, was er sich zugetraut hatte, und dem, was ihm im Rennen gelungen war. „Ich war bereit, alles zu geben und irgendwie ist es mir einfach überhaupt nicht gelungen“, sagte der 22-Jährige. Er sei das ganze Rennen mit der anderen Seite gelaufen und auf der letzten Geraden sei ihm die Kraft ausgegangen. „Ich verstehe einfach nicht, wie ich so wenig mitspielen konnte. Ich kenne mein Potential. Ich weiß genau, was ich kann. Das habe ich nicht einmal gezeigt diese Saison.“
Lea Meyer hält sich auch ohne Medaille für die beste Hindernisläuferin
Bei dieser Europameisterschaft haben nicht nur die Medaillen, sondern auch der Umgang mit eigener Leistung etwas über den Zustand der deutschen Leichtathletik erzählt. In Reaktionen wie der von Fischer-Breiholz zeigt sich ein gewachsenes Selbstverständnis, von dem die Athleten in Gesprächen immer wieder berichten.

„Der eigene Anspruch steigt, wenn man an Welt- oder Europameisterschaften teilnimmt“, sagt etwa Fischer-Breiholz’ Konkurrent Emil Agyekum, der in 47,87 Sekunden Silber gewonnen hat: „Irgendwann will man nicht mehr nur dabei sein, sondern auch gewinnen.“ Der Satz beschreibt eine Veränderung, die sich bei mehreren Athleten beobachten lässt. Auch der Welt- und Europameister Leo Neugebauer misst seine Leistung inzwischen nicht mehr nur an Medaillen, sondern setzt sich konkrete Ziele: Die 9000 Punkte im Zehnkampf seien „definitiv irgendwann fällig“, sagt er, und wer weiß: dann vielleicht auch der bei 9126 Punkten liegende Weltrekord von Kevin Mayer?
Auch Merlin Hummel beschreibt, wie sich die Vorstellungen von dem, was möglich ist, verschoben haben: „Wenn ich mir den Hammerwurf anschaue, hat man früher mit 79 Metern bei Olympischen Spielen eine Goldmedaille gewonnen“, sagt der Vierundzwanzigjährige, der mit EM-Silber seinen Aufstieg in die Weltspitze bestätigte. Aber seitdem Ethan Katzberg mit 21 Jahren 80 Meter geworfen habe, sei bei ihm der Gedanke entstanden: „Das ist möglich, und ich muss mir nicht fünf Jahre dafür Zeit nehmen.“
Ein ähnlicher Mechanismus lässt sich auch in den Laufdisziplinen beobachten. Im April lief Frederik Ruppert Europarekord über 3000 Meter Hindernis und blieb als erster Europäer unter acht Minuten. „Wenn jemand gute Leistungen bringt, denken sich alle anderen: Das kann ich auch.“ So sei es im vergangenen Jahr bei ihm gewesen, als er in 8:01,49 Minuten deutschen Rekord lief und das Finale der Diamond League gewann, erzählt Ruppert: „Ich habe vorgelegt, und alle anderen haben nachgezogen.“
„Heute kann Deutschland wieder laufen“
Auch der ARD-Experte Frank Busemann verweist auf die Wirkung solcher Vorbilder. „Mich freut vor allem das Selbstverständnis, mit dem viele Athleten inzwischen auftreten“, sagte der frühere Zehnkämpfer vor der EM in einem Interview mit ran.de. Gerade über die Strecken von 800 Metern bis zum Marathon sei Deutschland über Jahre kaum konkurrenzfähig gewesen. „Heute kann Deutschland wieder laufen.“
Busemann beobachtet nicht nur bessere Ergebnisse, sondern auch eine andere Haltung: „Als Deutsche neigen wir oft dazu, uns kleiner zu machen, als wir sind. Wer aber schon vor dem Wettkampf denkt, die anderen seien ohnehin besser, nimmt sich selbst einen Teil seiner Leistungsfähigkeit.“ Über den deutschen Meister Robert Farken etwa, der im Finale über 1500 Meter unter seinen Möglichkeiten blieb und sich mit dem neunten Platz begnügen musste, sagt Busemann: „Er tritt mit dem klaren Anspruch an, gewinnen zu wollen. Diese Einstellung ist genau richtig.“
Das gewachsene Selbstverständnis ist jedoch nicht bei allen Athleten ausschließlich an Medaillen gebunden. Weitspringerin Malaika Mihambo betont, dass sich die Perspektive von außen ändern müsse. Auch stille Erfolge sollten gewürdigt werden, etwa wenn jemand von Listenplatz 30 auf Listenplatz 15 springt. „Leistung ist mehr als nur Gold.“ Als sie im Januar gefragt wurde, welche Bedeutung die Sieben-Meter-Marke für sie habe, antwortete sie ähnlich. Ihr Maßstab sei die eigene Leistungsfähigkeit, sagte Mihambo: „Entscheidend ist nicht die Zahl an sich, sondern inwiefern ich es schaffe, mein volles Potential zu entfalten.“
„Die Reise ist noch nicht beendet“, zeigt sich der DLV zuversichtlich
Auch beim Deutschen Leichtathletik-Verband hat sich der Blick auf Erfolg verändert. Der frühere Generaldirektor Frank Hensel hatte 2012 als Anspruch ausgegeben, bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften zu den sechs besten Nationen zu gehören. Leistungssport-Vorstand Jörg Bügner stellte bei dieser EM keine reine Medaillenzahl in den Mittelpunkt. „Unser Anspruch war, dass wir als deutsches Team in Birmingham präsent sind, vorne mitmischen und unsere Leistungsfähigkeit abrufen“, sagt er. Dabei gehe es um mehr als Platzierungen: Der Verband wolle Athleten entwickeln, die Verantwortung übernähmen, mutig in große Wettkämpfe gingen und auch unter Druck ihre Leistung abrufen könnten.

Auch Bügner beobachtet, dass die Athleten höhere Ansprüche an sich selbst haben: „Wir erleben Athleten, die nicht nur zufrieden sind, dabei zu sein, sondern die sich zutrauen, um die vorderen Plätze und auch Medaillen zu kämpfen.“ Die Athleten wollten nicht einfach ihre persönliche Bestleistung abrufen, sondern in großen Wettkämpfen eine Rolle spielen. „Genau diese Haltung brauchen wir.“
Nach Bügners Darstellung hat diese Entwicklung nicht erst in Birmingham begonnen. „Wir haben vor rund zwei Jahren gemeinsam mit unseren Trainern und dem gesamten Team einen Weg eingeschlagen, auf dem wir unsere Strukturen, unsere tägliche Arbeit und unsere Leistungsorientierung weiterentwickelt haben“, sagt er. Man habe „viele Steine umgedreht“. Inzwischen sehe der Verband eine größere Breite, junge Athleten rückten nach, etablierte Leistungsträger entwickelten sich weiter – und auch das Selbstverständnis verändere sich. „Und die Reise ist noch nicht beendet.“
Ob der DLV diese Erwartungshaltung erzeuge oder ob sie vor allem von den Athleten selbst komme, beantwortet Bügner mit dem Hinweis: „Unsere Aufgabe ist es, die Rahmenbedingungen zu verbessern und zu optimieren, um Höchstleistungen zu ermöglichen – und unsere Athleten zu begleiten. Das führt bestenfalls zu einer anderen Erwartungshaltung bei ihnen.“
Enttäuschungen seien Teil dieses Weges. Leistungssport sei emotional, und wer alles investiere, dürfe auch unzufrieden sein, wenn das Ergebnis nicht den eigenen Erwartungen entspreche. „Entscheidend ist, wie man damit umgeht und was man daraus lernt.“ Der Verband schaue sich gemeinsam mit den Athleten an: Was ist passiert? Was können wir daraus lernen? Und was brauchen wir, um beim nächsten Mal wieder anzugreifen? „Unser Anspruch ist eine Kultur, in der Erfolg Freude machen darf und Enttäuschung ebenfalls ihren Platz hat“, sagt Bügner.
Ein vierter oder fünfter Platz bei einer EM sei eine herausragende Leistung. Gleichzeitig könne er sich für einen Athleten wie eine Enttäuschung anfühlen, wenn dieser mit der Hoffnung auf eine Medaille gestartet sei. „Beides darf gleichzeitig existieren“, sagt Bügner. Entscheidend sei deshalb nicht allein die Platzierung, sondern auch die Leistung dahinter: Habe jemand sein Potential abgerufen? Sei jemand mutig aufgetreten? Habe jemand unter dem Druck einer EM seine Leistung gezeigt? Wenn diese Fragen mit Ja beantwortet werden könnten, sei viel gewonnen.
Mit Athleten, die sich nach einem Wettkampf öffentlich stark abwerten, versuche der Verband, gemeinsam etwas Abstand zu gewinnen und die Leistung einzuordnen. „Wir sagen nicht einfach: ‚Alles ist super‘, wenn jemand selbst weiß, dass es nicht der gewünschte Wettkampf war“, so Bügner. Stattdessen versuche man, die Perspektive zu erweitern: dass ein schlechter Wettkampf nicht die Arbeit und die Entwicklung der vergangenen Monate oder Jahre auslösche.
„Selbstkritik kann ein Antrieb sein. Sie darf aber nicht in Selbstzerstörung umschlagen“, sagt Bügner: „Unser Anspruch ist, dass unsere Athleten lernen, auch mit Niederlagen konstruktiv umzugehen.“ Zum langfristigen Erfolg gehöre, mit beidem umgehen zu können: mit der Freude des Sieges und mit der Enttäuschung der Niederlage.
