
Kein Land der Europäischen Union hat eine größere Population von Braunbären als Rumänien. Laut einer im vergangenen Jahr veröffentlichten Studie von Rumäniens staatlichem Institut für Forstwirtschaft wird der Bestand auf 10.500 bis knapp 12.800 dieser Raubtiere geschätzt – und er wächst. Angriffe von Bären auf Menschen, oft durch menschliches Fehlverhalten provoziert, häufen sich. Manche enden tödlich, andere mit schwersten Verletzungen. Seit Wochen schwelt ein Streit zwischen Staatspräsident Nicușor Dan und dem Parlament über den richtigen Umgang mit der Gefahr.
Vor wenigen Tagen sandte Dan ein Gesetz, das für das laufende sowie für das kommende Jahr eine Verdoppelung der Abschussquote für Braunbären auf potentiell fast 2000 zu tötende Tiere vorsieht, zur Prüfung an das Parlament zurück. Die Begründung: Das Gesetz verstoße gegen eine Naturschutzrichtlinie der EU.
Im Juni war der Präsident mit seinen Einwänden gegen das Gesetz vor das Verfassungsgericht gezogen. Dieses erklärte das geplante Gesetz jedoch für verfassungsgemäß. Eingebracht worden war es schon im Frühjahr von der Demokratischen Union der Ungarn in Rumänien, der Partei der ungarischen Minderheit des Landes. Die Partei hat ihre Hochburgen in Siebenbürgen, wo die meisten Ungarn Rumäniens zu Hause sind – und auch die meisten Braunbären.
Das Verfassungsgericht erklärt Abschuss für rechtmäßig
Präsident Dan hatte vor dem Verfassungsgericht ausführen lassen, das Ausmaß der geplanten präventiven Jagd auf Braunbären könne unverhältnismäßig sein. Zudem gebe es andere Maßnahmen zur Steuerung der Bärenpopulation. Auch rügte das Staatsoberhaupt, dass das Gesetz die Behörden nicht ausdrücklich dazu verpflichte, zunächst Alternativen zu einem Abschuss zu prüfen.
Das Gericht folgte dieser Darstellung jedoch nicht. Es stellte fest, die geplante Neuregelung zur Verhinderung von Braunbärenangriffen verstoße weder gegen Rumäniens Verfassung noch gegen europäische Richtlinien. Die Genehmigung zur „Entnahme“ von etwas mehr als 1700 Braunbären in diesem und im kommenden Jahr sowie von gegebenenfalls weiteren 220 Tieren als „Präventionsmaßnahme“ im gleichen Zeitraum sei sowohl mit rumänischem als auch mit europäischem Recht vereinbar.
Dies gelte auch für die sogenannte Habitatrichtlinie der EU aus dem Jahr 1992, die alle EU-Staaten verpflichtet, die natürlichen Lebensräume wilder Tiere zu schützen. Es sei nämlich allen Mitgliedstaaten unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt, Ausnahmen vom Verbot der Tötung streng geschützter Arten wie des Braunbären zu erlauben. Dies gelte unter anderem dann, wenn ein „günstiger Erhaltungszustand“ bewahrt, also eine Überpopulation verhindert werden müsse.
Eine solche Überpopulation gibt es in Rumänien nach Ansicht nicht nur der Befürworter höherer Abschussquoten, sondern auch einiger Ökologen. Das Verfassungsgericht stellte dazu fest, das in Rumänen geplante Gesetz stütze sich auf detaillierte wissenschaftliche Daten (wie die Studie des staatlichen Forstwirtschaftsinstituts), laut denen die Braunbärenpopulation in Rumänien tatsächlich übermäßig groß sei. Alternative Lösungen zum Schutz der Sicherheit der menschlichen Bevölkerung, etwa die Umsiedlung von Bären, reichten nicht aus.
Dass Dan trotz des bindenden Verfassungsgerichtsurteils an seinem Widerstand festhält, wirft die Frage auf, ob er dabei auch innenpolitische Ziele verfolgt, die mit dem Gesetz selbst nichts zu tun haben. Die Fronten haben sich jedenfalls verhärtet. Landwirtschaftsminister Tánczos Barna, ein aus Siebenbürgen stammender Politiker der Ungarnpartei, machte seine andauernde Unterstützung für das Gesetz mehrfach deutlich. Er will zudem in der EU eine grundsätzliche Lockerung des Braunbärenschutzes durchsetzen und mehr Jägern den Abschuss der Tiere erlauben. Touristen und Bauern in den besonders betroffenen Gebieten Rumäniens – die sich weitgehend mit den Hochburgen seiner Partei decken – müssten besser geschützt werden, so der Minister.
Touristen, die wilde Bären füttern
Barna ist seit Jahren als Vorkämpfer für eine stärkere Bejagung der rumänischen Bären bekannt. Rumänien dürfe nicht zum „Zoo Europas“ werden, sagte er einmal und warnte, die rumänische Bärenpopulation sei „praktisch außer Kontrolle geraten“. Es brauche daher ein Programm zu deren „Optimierung“. Dass er in einer früheren Bukarester Koalitionsregierung zum Umweltminister ernannt wurde, löste wenig überraschend Proteste von Tierschützern aus.
Während das starke Wachstum der Bärenpopulation tatsächlich ein Problem darstellt, werden die Zwischenfälle durch menschliches Fehlverhalten noch gefördert. Die Unsitte, die Raubtiere zu füttern, trägt erheblich zu den Schwierigkeiten bei. Auf der spektakulären Transfogarascher Hochstraße, welche die Walachei mit Siebenbürgen verbindet, halten Touristen wie Einheimische immer wieder ihre Autos an, um Bären am Straßenrand Futter zuzuwerfen und sie aus der Nähe zu fotografieren. Manche steigen sogar aus.
Dabei kommt es dann oft zu Zwischenfällen. Im vergangenen Jahr stieg ein Motorradfahrer aus Italien ab, um einer Bärin Futter zu reichen. Die nahm an, griff den Mann jedoch kurz darauf an. Später wurde dessen zerfleischte Leiche abseits der Straße gefunden. Im Sommer davor erschütterte der Fall einer 19 Jahre alten Frau das Land, die bei einer Wanderung von einem Bären angegriffen und getötet wurde.
Die rumänische Bärendebatte erinnert an die deutsche Wolfsdebatte – nur sind die Folgen der Begegnung von Mensch und Raubtier in Rumänien ungleich ernster. Es vergeht kaum ein Jahr in Rumänien ohne einen oder mehrere Todesfälle durch Bären. Das Umweltministerium in Bukarest nannte vor zwei Jahren die Zahl von 26 Todesopfern sowie mehr als 270 Schwerverletzten durch Bärenangriffe in den vergangenen zwei Jahrzehnten. Seither kamen mehr Fälle hinzu.
In besonders betroffenen Orten haben sich die Menschen längst angepasst. Kinder spielen nicht unbeaufsichtigt draußen, zu Spaziergängen oder gar Jogging bricht fast niemand allein auf. Müll wird nicht nach Anbruch der Dunkelheit herausgebracht. In manchen Orten kommt die Müllabfuhr abends, damit die Tonnen nachts leer sind.
Bären dringen sogar in Großstädte vor
Zu den besonders betroffenen Gebieten gehören die Stadt und der Landkreis Kronstadt (Brașov). In den Außenbezirken der an den Hängen der Karpaten gelegenen siebenbürgischen Großstadt mit fast 240.000 Einwohnern sind Bärensichtungen fast Alltag. Es gab Zeiten, als ganze Reisebusse mit Touristen zu den Mülltonnen kamen, die nachts von Bären frequentiert wurden. Selbst am Tage kann man Bären durch Wohnviertel am Rande Kronstadts streifen sehen. Die Menschen dort haben Angst um ihre Kinder, erwarten Lösungen von Lokalpolitikern. In Rumänien hat die starke Vermehrung der Tiere dazu geführt, dass schwächere und in Revierkämpfen unterlegene Tiere an die Ränder von Städten und Ortschaften abgedrängt werden. Das kann man in Kronstadt besonders gut beobachten.
Was also tun? In den Debatten taucht oft die Zahl von 4000 Tieren als ökologisch vertretbarer Maximalzahl von Bären in Rumänien auf, wobei nicht klar ist, woher die Ziffer stammt. Zudem halten sich Bären natürlich nicht an Staatsgrenzen. In den Nachbarländern, so in Bulgarien und Serbien, gibt es sie ebenfalls, wenn auch in viel geringerer Zahl.
Tierschutzorganisationen geben zum richtigen Umgang mit den Bären gerne Ratschläge, meist aus dem Zentrum der Millionenmetropole Bukarest heraus, wo es allenfalls im städtischen Zoo zu Bärenbegegnungen kommt. So sollen Müllcontainer in den betroffenen Ortschaften „bärensicher“ gemacht werden, damit die Tiere nicht mehr von den Abfällen angelockt werden. Auch starke Elektrozäune zum Schutz von Viehherden werden empfohlen, zudem Umsiedlungen von Tieren in entferntere Gebiete. Schließlich müsse das Verbot zum Füttern der Tiere besser durchgesetzt werden.
Alle diese Vorschläge ergeben Sinn, werden ohne begleitende höhere Abschussquoten aber kaum ausreichen, halten Befürworter des Gesetzes dem entgegen. Bärensichere Müllcontainer bringen Kosten mit sich, die manche Kommunen sich nicht leisten können. Auch Elektrozäune kosten Geld und nützen zudem nicht immer etwas. Umsiedlungen können ebenfalls fehlschlagen. Die Tiere nähern sich dann einfach anderen Siedlungen.
Ein Vorstoß aus dem Umweltministerium, die Strafen für die Fütterung von Braunbären auf umgerechnet 1900 bis 5700 Euro zu erhöhen, warf sogleich die Frage nach der Ahndung auf, wenn man nicht auf jeder Landstraße Kameras installieren will. Ein interessanter Vorschlag kommt von Kronstadts Bürgermeister George Scripcaru. Der schlug vor, sich an dem Umgang mit Straßenhunden zu orientieren und den Bestand durch die Sterilisierung von Bären zu reduzieren, ganz ohne tödliche Waffengewalt.
