„Bumm bumm bumm bumm“, macht die große grüne Maschine, während ihre beiden Metallwalzen unermüdlich rotieren. Davor sitzt Sascha, schwarze Mütze, blaue Arbeitshose, und zieht per Hand – zack, zack, zack, zack – Metallteile viermal zwischen den Walzen durch. Dass er jedes Teil zwischendurch einmal wendet, damit es von beiden Seiten gleichmäßig flachgewalzt wird – das geht so schnell, dass es kaum zu sehen ist. „Bumm bumm bumm bumm“, macht die Maschine, gefolgt von einem metallischen „Klirr“, wenn ein fertiges Teil in der Ablage landet.
Die Maschine nebenan „bummt“ bei jedem Arbeitsgang nur einmal und lässt dann ein scharfes Zischen hören. Sie prägt die platten Metallteile mit der Kraft vieler Tonnen zu Löffeln und pustet sie mit Druckluft energisch an die Seite. Willkommen im Maschinenzeitalter, in der Manufaktur der Marken Mono und Pott. Hier sitzen Männer mit tätowierten Oberarmen an Maschinen, die älter sind als sie selbst, und fertigen Besteck.

Für Löffel und Gabeln braucht es mehr als 30 Arbeitsgänge, für Messer sogar rund 90. So werden aus flachen Edelstahltafeln Designklassiker für den Tisch wie das Mono-A-Besteck oder die Pott-Serien 32 und 33. Die Techniken sind dabei im Grunde die gleichen wie vor 100 Jahren, und deshalb ist die Werkshalle im nordrhein-westfälischen Mettmann nicht nur Produktionsort, sondern auch ein ziemlich lautes und lebendiges Museum. Die Kniehebelpressen und Walzen und Schleifmaschinen aus dem vergangenen Jahrhundert werden mit Anbauten immer wieder auf den neuesten Stand des Arbeitsschutzes gebracht. Auch die Berufsbilder sind museal: In der Manufaktur arbeitet noch ein ausgebildeter Besteckschleifer – Tobias ist wahrscheinlich einer der letzten seiner Art.
Schleifen nur nach Gefühl
Dann die Messereinsetzerei, wo in Handarbeit Griff und Klinge miteinander verbunden werden. Dafür gibt es ebenfalls längst keine offizielle Ausbildung mehr. Wer heute in der Manufaktur anfängt, muss erst einmal die Techniken lernen. Und in zahllosen Wiederholungen verinnerlichen, denn jeder Handgriff muss sitzen. Wenn etwa der Kropf eines Messers, der Übergang zwischen Klinge und Griff, beigeschliffen wird, geschieht das freihändig. Der Schleifer muss die Form im Gefühl haben – und zwar die Form aller Teile aus allen Mono- und Pott-Kollektionen. Die Belegschaft ist zu klein für Spezialisierungen. Makel in der Ausführung wird die Verantwortliche in der Qualitätskontrolle gnadenlos mit dem Rotstift markieren und das beanstandete Teil zurückschicken.
Geleitet wird dieses Museum des Maschinenzeitalters von zwei jungen Männern, Matthias Seibel, 38, und Johannes Seibel, 39, den Söhnen von Wilhelm Seibel, der sechsten Generation des Familienunternehmens. Der erste Wilhelm Seibel begann 1895 in Mettmann unter dem Markennamen Kleeblatt Bestecke zu fertigen. Mettmann war traditionell Besteckstadt, nicht zu verwechseln mit der benachbarten Klingenstadt Solingen. Von dort beziehen die Seibels bis heute die geschmiedeten Klingen für ihre Messer. Wertschöpfungsquote in der Manufaktur: 80 Prozent. Made in Germany: sogar gut 95 Prozent.

Seit dem Gründer hießen alle Erstgeborenen Wilhelm, und erst Johannes’ Eltern brachen mit der Tradition. Bei ihm ist Wilhelm der Zweitname. Vergangenes Jahr haben die Brüder die Geschäftsführung von ihrem Vater übernommen, nach einer mehrjährigen Übergangsphase. Matthias Seibel verantwortet den Betrieb, kümmert sich um Produktion und Finanzen. Er lebt mit Frau und drei Kindern in Mettmann. Johannes Seibel kommt wochenweise aus Berlin angereist und ist zuständig für Vertrieb, Kommunikation und kreative Leitung. Er ist das Gesicht des Unternehmens nach außen und repräsentiert die Marken Mono und Pott bei Messen und Veranstaltungen. Matthias Seibel ist der Innenminister, der in Mettmann die Dinge am Laufen hält.
Menschliche Arbeit an der Maschine gehört dazu
Die Rollen entsprechen ihren Persönlichkeiten: Johannes Seibel ist der Extrovertiertere, der Gewandtere von beiden. Doch beim Rundgang durch die Werkshalle kommt auch Matthias Seibel ins Reden, betet die Nummern der Metalllegierungen herunter und beklagt sich über die immer schärfer werdenden Sicherheitsauflagen. „Es ist eigentlich nicht mehr gewollt, dass Menschen an Maschinen arbeiten. Bei uns gehört es aber dazu und macht den Unterschied.“ Als Manufaktur seien sie bewusst in einer Nische unterwegs. Während seines Maschinenbaustudiums half er regelmäßig in der Produktion aus, er habe Erfahrung an allen Maschinen. „Ich müsste mich wieder ein bisschen reinfuchsen, aber dann würde ich das Besteck gut gefertigt bekommen.“
Stolz führt er den Arbeitsplatz der Messereinsetzerei vor und erklärt, wie Klinge und Griff verbunden werden. 2015, er schrieb gerade seine Abschlussarbeit, sprang er spontan ein, weil der einzige Mitarbeiter, der das Messereinsetzen beherrschte, länger ausfiel. Die Handgriffe sitzen jedenfalls noch: Griff und Klinge einspannen, Griff mit Sand füllen, flüssiges Zinn dazu, beide Teile verbinden und mit gezielten Hammerschlägen ausrichten. Das geht bei ihm zack, zack, zack, zack, so schnell und sicher wie bei den Mitarbeitern an den Maschinen. Nach dem spontanen Einstieg in die Firma ist Matthias Seibel geblieben und hat Stück für Stück mehr Aufgaben übernommen.

Sein älterer Bruder Johannes – es gibt noch zwei jüngere Brüder – nahm einen anderen Weg. Er studierte BWL und spezialisierte sich auf Markenstrategie. Außerdem machte er eine Ausbildung in Design Thinking und einen Master an der Schweizer Designhochschule ECAL im Studiengang Design for Luxury and Craftsmanship. Seit 2017 arbeitet er im Familienunternehmen, er kümmert sich etwa darum, das graphische Erscheinungsbild der beiden Marken Mono und Pott zu überarbeiten. Außerdem baute er die Markenkommunikation auf. Bis dahin pflegte das Unternehmen lediglich Beziehungen zu Händlern, die wiederum die Produkte verkauften. Johannes Seibel nahm auch die Endkunden in den Blick, etwa über soziale Medien, und entwickelte den Onlineshop weiter.
Ohne „Masterplan“ zum Generationenwechsel
Kurz: Johannes Seibel hat das Unternehmen in die Gegenwart gebracht. In die Phase des Übergangs vom Vater auf die Söhne fiel auch eine wichtige Produktentwicklung: die Besteckfamilie Mono V, die sie 2022 gemeinsam mit dem Berliner Designer Mark Braun herausbrachten. Eine neue Produktfamilie ist für ein kleineres Unternehmen – man zählt rund 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – eine große Herausforderung, die man nicht jedes Jahr angeht. Mit Mono V schrieben die Seibels die Geschichte von Mono als Designmarke weiter.
Auch der Generationswechsel vermittelt den Eindruck von Kontinuität, als wäre er von langer Hand geplant gewesen. Doch tatsächlich hat es nie einen „Masterplan“ gegeben, wie Johannes Seibel sagt. „Das wurde zu Hause nicht thematisiert.“ Sein Bruder stimmt zu und ergänzt: „Es hat sich so ergeben.“ 2022 traten sie in die Gesellschaft ein und wurden Mitgeschäftsführer. Diesen Prozess erlebten beide als weitgehend konfliktfrei, ihr Vater habe ihnen viel Raum gelassen. „Wenn er gesagt hat: Mach mal, dann hat er uns machen lassen. Dann wurde nicht dazwischengefunkt“, sagt Matthias Seibel. „Ich bin mir sicher, dass er in manchen Situationen anders gehandelt hätte als ich. Aber er hat bewusst entschieden, dass er es laufen lässt.“
Wilhelm Seibels Souveränität mag auch daher rühren, dass er selbst als junger Mann die Firma eigentlich gar nicht übernehmen wollte. Er ist studierter Sozialpädagoge und hatte mit seiner Frau, einer Erzieherin, andere unternehmerische Pläne. Auf Bitten seines Vaters trat er schließlich doch eine Stelle an und blieb – 40 Jahre lang.
Besteckdesign war seiner Zeit weit voraus
Der Ursprung von Mono als Designmarke liegt in den späten Fünfzigerjahren. Einem visionären Seibel-Vorfahren namens Herbert war die Herstellung solider „Kaufhausbestecke“ wohl zu wenig. Er beauftragte den Designer Peter Raacke mit der Entwicklung eines Edelstahl-Essbestecks. Mono A schrieb – allerdings mit einiger Verzögerung – Designgeschichte. Zunächst verkaufte sich der geradlinige Entwurf mit Fokus auf Materialeffizienz nämlich überhaupt nicht gut. Auch den Bundespreis Gute Form bekam das 1959 auf den Markt gekommene Besteck erst 1973.

Die Verzögerung lässt sich retrospektiv auch umgekehrt interpretieren: Raacke war seiner Zeit wohl weit voraus. Der Erfolg kam gerade noch rechtzeitig für das Unternehmen, denn günstige Produkte aus Fernost eroberten den Markt, und die meisten deutschen Hersteller mussten aufgeben. Mono wurde pars pro toto vom Produktnamen zur Marke, und die ziemlich einmalige Verbindung von handgefertigter Qualität aus Deutschland und Designanspruch sicherte der Manufaktur die Zukunft.
Bis heute ist Mono A das meistverkaufte Besteck des Unternehmens. Zum Sortiment gehören weitere Raacke-Entwürfe wie Mono Ring, ein Fonduetopf von Mark Braun und diverse Accessoires rund um den gedeckten Tisch. Fast die Hälfte des Umsatzes macht Mono aber mit Teekannen. Seit den Achtzigerjahren entwarf der Gestalter Tassilo von Grolman gläserne Teekannen und das entsprechende Zubehör von der Tasse bis zum Stövchen. Vor allem das Modell Filio, ein eleganter Freischwinger mit Glasschale und gebogenem Drahtgestell, wirkt zeitlos-aktuell.
Neben Mono mit dem starken Fokus auf Industriedesign steht Pott mit einem stärker handwerklichen, sinnlicheren Charakter. 2006 hatte die Familie Seibel die ebenso traditionsreiche Besteckmanufaktur übernommen, samt Portfolio, Mitarbeitern und Maschinen. 1904 gegründet, avancierte das Unternehmen in der Nachkriegszeit unter Gründersohn Carl Pott zu einem international anerkannten Hersteller mit Großaufträgen zum Beispiel von der Lufthansa. Carl Pott entwarf selbst, etwa den heutigen Bestseller Pott 33, ein rundlich-weiches Design mit Schlitz im Stiel. Er beauftragte aber auch namhafte Gestalter wie Hans Schwippert, Hermann Gretsch und sogar den Wiener Architekten Josef Hoffmann. Einige Pott-Bestecke gibt es in Sterlingsilber, dafür wird jedes Jahr im Frühling die Produktion in Mettmann vorübergehend von Edelstahl auf Silber umgestellt. Kein Problem für die Männer an den Maschinen, die auch diese Herausforderung meistern.
