Gesellschaft ist die Kooperation aller gegen alle. Sie brauchen einander, sie hängen aneinander, sie werben umeinander, und sie streiten miteinander. Mitunter verachten sie einander. Außerdem treffen sie sich in der Kampfzone der Geselligkeit. Deshalb haben sie, hier bei Molière: acht französische Höflinge des untätigen Adels, für alles, was sie schmähen, auch einen freundlichen Ausdruck. Der Labernde „hat allerhand zu sagen“, die Ungeschickte ist „eine Unschuld“, der Freche „hat Esprit“, der Geizige, den die schöne, gelassen modernisierende Übersetzung in den Text geschmuggelt hat, „geht sparsam“ mit Ressourcen um. Ehrlich ist rücksichtslos. Warmherzig ist heuchlerisch. Kontaktfreudig ist verlogen.
Kurz: Schmeichelei und Euphemismen sorgen dafür, dass in der Geselligkeit nicht alles auseinanderfällt. Die Frage ist nur, ob sich dadurch die Tugend vor dem Laster verbeugt oder dieses sich vor ihr. Den Menschenfeind Alceste macht diese Zweideutigkeit rasend, er hält sie nicht aus. Tugend hat sich für ihn nicht zu verbeugen, denn sie ist im Recht. So nervt er sich und alle anderen in Salzburg fast zwei Stunden lang mit seinen Aufrichtigkeitsvorträgen, seiner verbissenen Insistenz auf ungeschminkter Kommunikation, die er nur zum eigenen Schaden durchhalten kann, weil er eine Zweideutige liebt, die eine offene Beziehung vorschlagende, unverlässliche Célimène.
Man schmäht die soziale Schminke
Dabei ist der die soziale Schminke Schmähende genauso in Farbe getaucht wie alle anderen, nur eben in eine eigene. In Jette Steckels Inszenierung ist der Alceste André Szymanskis ein aubergine Wutbürger im Kampfhabit. Seltsam, dass solch ein weiches Gemüse derart erregt bis in die Frisur hinein auftritt. Als die von Cathérine Seifert fabelhaft gespielte Éliante ihm gegen Ende rät, sich auf die Hindernisse in ihm selbst zu konzentrieren, anstatt Widerstände nur in der Mitwelt zu suchen, trifft sie genau diesen Widerspruch.
Wir schauen dem Einzelkämpfer Alceste, der in Idealen leben zu können glaubt, im Käfig der rhetorischen Duelle zu, der in Florian Lösches Salzburger Bühne ein schmales, mal bunt, mal weiß umrahmtes Rechteck ist. Zu ihm schaut das Publikum im Saal wie zu einem Boxring hinauf. Zu einer Arena wird er, indem auf der Hinterbühne weiteres Publikum wie in einem Basketballstadion das Spielgeschehen betrachtet.
Alcestes von Kopf bis Fuß blassrosaroter Rivale ist Oronte, der ihm ein offenes Wort über sein schmalztriefendes Sonett – „Du hast mich, Phillis, schwer getroffen / Denn, ach, ein nie erfülltes Hoffen … u.s.w.“ – abverlangt und vor Gericht zieht, nachdem er es bekommen hat. Ole Lagerpusch gibt ihn etwas schwankend mal sentimental, mal abgekocht, mal fast freundschaftlich. Wie ihn Célimène lieben oder auch nur erwägen kann, ihn zu lieben, verstehen weder Alceste noch sie noch wir. Zu Beginn das Inbild des höfisch rückgratlosen Schleimers, rückt er am Ende ganz in die Fluchtlinie ein, die der Starrsinn des Alceste mit seinem „ganz oder gar nicht“ der Geliebten förmlich aufzwingt.

Die Célimène Maja Schönes beginnt zurückhaltend, sie ist die farbloseste Figur, die verkörperte Ausrede (freundlicher: schlagfertig), nimmt aber im Lauf des Abends Tempo auf und kämpft um ihre Freiheit, nicht in Besitz genommen werden zu wollen. Ihr Zickenkrieg mit Lisa Hagmeister als fies-intelligenter Arsinoé in einer Szene, in der die beiden Konkurrentinnen einander belecken, beleidigen, beraten und miteinander verhandeln, gehört zu den Höhepunkten des Abends, weil er vorführt, wie paradox die Tauschgeschäfte der Liebe sind, die um der Liebe willen gerade nicht als Tauschgeschäfte erscheinen dürfen: „Ich kenne Frauen, die von Gott geschaffen scheinen, / Liebe zu wecken, und – sie fesseln dennoch keinen!“ Für nichts erhält man nichts. Und manches Mal erhält man auch für sehr viel ganz wenig.
Sie haben sich nichts zu sagen und darum alles
Das gilt vor allem unter Gleichen. Bei Molière stehen die Figuren auf Augenhöhe. Sie treten alle nur mit ihrem Vornamen auf, sind alle intim miteinander, haben einander nichts zu sagen und darum alles. Herausragend die zurückhaltendste Figur, Barbara Nüsse, Verehrung, als Philinte, der als Erster Alceste vor seinem Starrsinn warnt und als einzige der Hauptfiguren glücklich wird. Selbst Nebenrollen wie Acaste, lila und sehr komisch Cino Djavid, und Clitandre, knallgelb und ständig empört Camill Jammall, springen aus dem Farbwirbel der Eitelkeiten funkenförmig heraus. Kommen sie erst einmal in Rage, überlassen sie sich den advokatorischen Redensarten des Stückes, in dem ständig einer den anderen anklagt; so verschwindet der Zeitenabstand zum Stück von 1666. So würden wir noch heute reden, wenn wir es nur könnten.
Deshalb hätte es des mehr als zwanzigminütigen Präludiums nicht bedurft, das sich Jette Steckel für das Stück ausgedacht hat. Lange muss in Salzburg – und später in Hamburg – auf den Menschenfeind gewartet werden, weil Ole Lagerpusch erst einmal zu wummernden Bässen und dem subtilen Elektroviolinenspiel Matthias Jakisics mit Loopmaschine und Schlagwerk, das später witzig die Szenen untermalt, einen Rap-Gesang nach dem anderen virtuos vom Stapel lässt. Der reiht wahllos Sprüche aneinander: „Ich brauch mehr Stress, bin ein zartes Pflänzchen, / Jeder hat ADHS, und keiner schenkt mir Attention.“ Die schon kraft der Lautstärke – im Foyer lagen Ohrstöpsel aus – erzwungene Attention galt im Deichkindergarten allerdings einem Text, der mit dem Stück nur durch die Verwendung von Sprache verbunden war. Steckels Behauptung, die Verse seien irgendwie eine Reprise auf Moliéres Alexandriner, mag stimmen, aber nur insofern, als Suppen eine Reprise auf Salate sind. Reflexion und Argument waren im Rap püriert.
Es folgte, weil des Wartens auf Alceste noch nicht genug war, eine längere Gazeprojektion von geometrischen Formen, Emojis und Schallsymbolen, die ebenfalls Gegenwärtigkeit anzeigen sollten. Irgendwas mit Internet. An der Komödie glitt das ab, man konnte dazu mit den Hüften wackeln, mit den Augen blinzeln oder es ohne Verluste vergessen. Molière bedurfte bei dieser klugen Inszenierung und bei diesen hinreißenden Schauspielern keiner Geschmacksverstärker.
