DIE
ZEIT:
Frau von Stebut, Sie beschäftigen sich
seit vielen Jahren mit Hautkrankheiten, die Menschen aus dem Urlaub mitbringen
– darunter Würmer und Maden, die sich in der Haut einnisten. Können Sie selbst
noch entspannt am Strand liegen?
Esther
von Stebut: Tatsächlich schon. Klar,
je mehr Ahnung man hat, desto genauer schaut man hin. Aber Wissen beruhigt
auch, weil man weiß, wie man sich schützen kann.
ZEIT: Hauterkrankungen gehören nach Durchfall und Fieber zu den
häufigsten unerwünschten Reiseandenken. Was bringen deutsche Urlauber
typischerweise mit?
Von Stebut: Meistens ziemlich
banale Dinge, die wir auch aus Deutschland kennen: entzündete Insektenstiche,
bakterielle Infektionen oder eine Nesselsucht. Man sollte aber auch über die hierzulande
bislang eher ungewöhnlichen Erkrankungen Bescheid wissen: Parasiten, die sich
in der Haut festsetzen oder durch Insekten übertragen werden. Die erkennt man oft
nicht gleich, weil sie vor allem nach Reisen in tropische und subtropische Regionen
auftreten. Inzwischen reicht manchmal jedoch schon ein Urlaub am Mittelmeer.
ZEIT: Reden wir da über Einzelfälle oder ist das ein größeres
Problem?
Von Stebut: Es gibt keine verlässlichen Zahlen
darüber, wie viele Reisende solche Erkrankungen mitbringen, weil sie nicht
meldepflichtig sind. Krankenkassendaten und Zahlen aus Tropeninstituten zeigen
aber: Im Bereich der ungewöhnlicheren Reisedermatosen sehen wir die
Hakenwurmlarve, die Larva migrans, am häufigsten. Danach kommt der Befall mit
Fliegenlarven, die sogenannte Myiasis und schließlich die Leishmaniasis, eine von
Sandmücken übertragene Parasitenerkrankung mit Geschwür. Insgesamt habe ich den
Eindruck, dass solche Fälle heute häufiger sind.
ZEIT: Woran liegt das?
Von Stebut: Zum einen achten Ärzte
heute besser darauf. Aber vor allem verändern sich durch die Erderwärmung die
Lebensräume von Insekten, die Krankheiten übertragen können. Das sieht man bei
Mücken sehr deutlich: Arten, die früher vor allem in tropischen Regionen
vorkamen, haben sich inzwischen im Mittelmeerraum etabliert. Deshalb müssen wir
heute eben auch nach einer Reise nach Spanien, Italien oder Mallorca an
Erkrankungen denken, die man früher fast ausschließlich mit den Tropen
verbunden hätte.
ZEIT: Fangen wir mit dem
häufigsten dieser Mitbringsel an: der Hakenwurmlarve. Wer sie hat, kann dabei zusehen, wie sie sich unter der
Haut einen Gang frisst, ähnlich einem Borkenkäfer unter einer Baumrinde.
Von Stebut: Das Bild passt
ganz gut. Die Larve wandert aber nur in der Oberhaut, dort, wo ein Gang erkennbar
ist, ist sie schon gar nicht mehr. Der Gang ist die Entzündungsreaktion auf die
Larve und deren Stoffwechselprodukte.
ZEIT: Wie schnell kommt sie voran?
Von Stebut: Pro Tag ungefähr
ein bis drei Zentimeter. Am Ende können schon so zwei bis drei Handgroße
Hautflächen befallen sein.
ZEIT: Da kriecht also ein Wurm unter meiner Haut, der
erschreckend flott vorankommt. Ist das gefährlich?
Von Stebut: Es klingt
dramatischer, als es ist. Der Mensch ist für diese Hakenwürmer der falsche
Wirt, normalerweise befallen sie Hunde oder Katzen. Unsere Haut ist zu dick,
die Larven kommen nicht weit und sterben nach einigen Wochen von selbst.
Gefährlich ist das normalerweise nicht. Aber es ist unangenehm und juckt
furchtbar.
ZEIT: Heißt das, man könnte einfach abwarten, bis die Larve tot
ist?
Wo die Wurmeier lauern
Von
Stebut: Theoretisch
ja. Praktisch möchte kaum jemand mehrere Wochen mit einer Larve in der Haut
herumlaufen. Man kann sie mit dem Wirkstoff Ivermectin behandeln, der vom Arzt als
Tabletten oder Creme verschrieben werden muss. Wenn die Beschwerden schon
abklingen, sollte man aber auch überlegen, ob eine Behandlung überhaupt noch
sinnvoll ist.
ZEIT: Wie kommen die Larven in den Menschen?
Von Stebut: Meist liegen Wurmeier in
verunreinigtem Boden oder Sand, vor allem dort, wo Hunde und Katzen ihren Kot
hinterlassen haben. Sie heften sich an die Haut, es entwickeln sich Larven, die
bestimmte Enzyme bilden, sogenannte Proteasen, die zersetzen Eiweiße in der
Haut – auf diese Weise arbeiten sich die Larven regelrecht in die Haut hinein. Besonders
günstig ist es für sie zum Beispiel, wenn Sie sich mit nackter Haut in den Sand
setzen. Die Larven bohren sich also gerne mal in den Po.
ZEIT: Wie vermeide ich das?
Von Stebut: An Stränden, an
denen viele frei laufende Hunde und Katzen unterwegs sind, wäre ich vorsichtig: Schuhe
tragen, eine Strandmatte unterlegen und Kinder lieber im feuchten Bereich am
Wasser buddeln lassen, dort ist die Wahrscheinlichkeit auf Wurmeier zu treffen
deutlich geringer.
ZEIT: Bei einer Myiasis wachsen in der Haut die Maden bestimmter
Fliegenarten heran. Auch keine schöne Vorstellung.
Von Stebut: Evolutionsbiologisch
betrachtet sind diese Fliegen ziemlich faszinierend: Einige Arten sind relativ
groß. Wenn die auf Ihnen landen würden, um ihre Eier abzulegen, würden Sie sie
vermutlich verscheuchen. Also benutzen sie kleine Mücken als Transportmittel.
Sie legen ihre Eier auf der Mücke ab. Die Mücke fliegt zum Menschen – und
bringt die Fliegeneier mit.
ZEIT: Schlau. Eine Mücke als Taxi.
Von Stebut: Wir nennen das
Carrier. Mit Moskitonetzen und -spray kann man sich aber gut schützen. Andere
Fliegenarten legen ihre Eier auch gern auf Gegenständen ab, etwa auf Kleidung,
die draußen zum Trocknen hängt. Zieht man die Sachen anschließend an, können
die Larven in die Haut gelangen. Deshalb
würde ich in Regionen, in denen diese Fliegen vorkommen, die
Badehose lieber nicht draußen trocknen. Oder sie anschließend heiß bügeln.
Oft ragt das Hinterteil heraus
ZEIT: Woran merkt man, dass so eine Made in der Haut sitzt?
Von Stebut: Anfangs kann das
aussehen wie ein entzündeter Mückenstich. Dann entsteht ein Knoten mit einer
kleinen Öffnung. Durch die muss die Larve atmen. Manche Patienten spüren die
Made auch, die sagen: Da bewegt sich was unter meiner Haut. Schaut man die Stelle dann unter dem
Mikroskop an, sieht man oft das Hinterteil der Larve aus der Haut ragen.
ZEIT: Das ist jetzt echt eklig.
Von Stebut: Finde ich nicht.
ZEIT: Sie sind Dermatologin.
Von Stebut: Für uns gehört so
etwas zum Beruf. Aber ich verstehe, dass der Gedanke, eine Larve in der Haut zu
haben, für andere unheimlich ist. Die Patienten sind immer sehr erleichtert,
wenn sie wieder draußen ist.
ZEIT: Und wie macht man das?
Von Stebut: Man kann die
Öffnung luftdicht verschließen, etwa mit einem Folienverband oder Vaseline.
Dann bekommt die Larve keine Luft und bewegt sich Richtung Oberfläche. So lässt
sie sich leichter entfernen. Manchmal muss man die Öffnung unter lokaler
Betäubung etwas erweitern. Die Larven halten sich nämlich mit kleinen Widerhaken
im Gewebe fest.
