
Bis zum Ende dieses Monats stimmen die Isländer darüber ab, ob ihre Regierung mit der Europäischen Kommission über einen Beitritt zur EU verhandeln soll oder nicht. Das Referendum hat für Island wie für die EU eine größere Bedeutung, als es die nackten Zahlen nahelegen.
Die Insel am Polarkreis ist kleiner als Albanien, hat weniger Einwohner als Wuppertal und eine geringere Wirtschaftskraft als Bremen. Es würde an den meisten EU-Statistiken nicht viel verändern, wenn Island dazukäme. Mit Blick auf die Weltkarte stellt sich das anders dar. Island liegt auf halbem Weg zwischen Europa und Amerika. Die Arktis, von Russland, China und den USA als Schifffahrtsweg, Rohstoffreservoir und Aufmarschgebiet gleichermaßen begehrt, ist nah. Donald Trump möchte die Nachbarinsel Grönland den Vereinigten Staaten einverleiben. Die EU hat in der Region bisher wenig Gewicht. Das könnte sich mit einem Beitritt Islands ändern.
Island brach Beitrittsverhandlungen 2013 ab
Ein weiterer Aspekt, der das isländische Referendum für die EU interessant macht, ist psychologischer Natur. Nach dem Austritt Großbritanniens und angesichts schwieriger Beitrittsverhandlungen im Südosten könnte ein zügiges Verfahren im Nordwesten die Stimmung aufhellen: Seht her, wie attraktiv die Union für ein fortschrittliches Land ist.
Und wie sieht es auf Island aus? Die Umfragen lassen auf einen knappen Ausgang der Abstimmung schließen. Ein Detail des Verfahrens verrät viel über das abgeklärte Verhältnis der Isländer zur EU: Es geht in dem Referendum nicht um den Beginn, sondern um die Wiederaufnahme von Beitrittsverhandlungen, die zwischen 2010 und 2013 liefen, bis sie auf isländischen Wunsch abgebrochen wurden.
Hinter dem isländischen Drang nach Europa stand anfangs eine finanzielle Notlage. Eine nachlässige Bankenaufsicht hatte es gierigen Spekulanten ermöglicht, das Land an den Rand eines Staatsbankrotts zu bringen; auch deutsche Sparer gingen den verlockend hohen Zinsen auf den Leim, den die „Finanzwikinger“ in der Spätphase ihres Glücksspiels boten. Als das Kartenhaus zusammenfiel, wirkten die EU und die Europäische Zentralbank wie Garanten ersehnter Stabilität. Diese Anziehungskraft ließ nach, als Island sich mit internationaler Hilfe aus der Krise herausarbeitete. Europaskeptiker kamen an die Regierung, die Verhandlungen wurden auf Eis gelegt.
Wohlstand und Fischerei gehören eng zusammen
Inzwischen haben sich die Mehrheitsverhältnisse wieder gedreht, deshalb die Volksabstimmung. Ungehinderten Zugang zum Binnenmarkt hat Island als Mitglied der Europäischen Freihandelsassoziation schon, genau wie Norwegen und Liechtenstein. Aus wirtschaftlicher Sicht spricht deshalb vor allem die notorisch hohe Inflation für einen Beitritt, dem dann aber logischerweise auch die Einführung des Euro folgen müsste. Die isländische Krone ist schwach, die Zinsen sind hoch, worunter viele junge Leuten auf dem Immobilienmarkt leiden.
Zurzeit macht jedoch vor allem die „Nein“-Kampagne kräftig Wirbel. Sie wird von der einheimischen Fischereiindustrie unterstützt. Es lohnt sich, einmal auf die isländischen Münzen zu schauen, um den Zusammenhang zu verstehen. Sie zeigen, mit steigendem Nennwert: Kabeljau, Delfine, Lodden, Strandkrabbe, Steinbeißer. Die Botschaft ist klar, Wohlstand und Fischerei gehören auf der Insel seit je eng zusammen.
Das wichtigste Argument der „Nein“-Seite richtet sich gegen die Gemeinsame Fischereipolitik der EU: Von Brüssel dürfe sich Island nicht in die Bewirtschaftung seiner reichen Fischgründe reinreden lassen. Bislang kann Island in einem 200 Seemeilen breiten Streifen rund um die Insel schalten und walten; dieses Gebiet ist siebenmal größer als die Insel selbst.
In der Europäischen Union gehört die Gemeinsame Fischereipolitik mit ausgehandelten Zugangsrechten und Fangquoten zum Traditionskern. Nun versichern aber selbst die größten Europafreunde auf Island, dass die Beitrittsverhandlungen zu einem weitreichenden Schutz der einheimischen Fischerei führen müssten. Die EU hat in der Vergangenheit durchaus Ausnahmeregeln zugelassen, etwa für Schweden und Finnland in der Ostsee, ohne an der Fischereipolitik als solcher zu rütteln.
Island dürfte dank seiner geopolitischen Ausnahmestellung ein vergleichbares Entgegenkommen erreichen können. Dafür spricht nicht zuletzt der vereinbarte Fahrplan. Sollte jetzt die „Ja“-Seite gewinnen, wird es nach dem Abschluss der Verhandlungen in ein paar Jahren ein weiteres Referendum geben. Dann würde die Bevölkerung gefragt, ob sie mit dem Ergebnis einverstanden ist. Ihre Fischgründe werden die Isländer nicht hergeben.
