Eine geschlechtslose Gestalt, blutleer, farblos, ein knallrotes Herz wie ein Memento für einen längst vergessenen Gedanken an die Brust geheftet, auf dem Hals trägt er keck einen schräg gestellten Globus als Weltenhirn: Das ist der Mensch, eine „kosmische Exzentrität“, wie der Maler, Fotograf und Bühnenbildner Xanti Schawinsky ihn vor einem Jahrhundert in einem seiner Kostümentwürfe sehen wollte.
Schawinsky, ein Künstler aus dem Bauhaus-Umfeld, der Nazideutschland verließ, sich in Italien vorübergehend den Faschisten anschloss, in die USA emigrierte, später wieder nach Europa zurückkehrte und 1979 in der Schweiz starb, gehörte zu jenen Künstlern der Zwanzigerjahre, für die der Kosmos zu einem utopischen Raum wurde, in dem neue wissenschaftliche Erkenntnisse im Verbund mit esoterischen, aber auch rationalistisch-konstruktivistischen Vorstellungen zur Heraufkunft eines neuen Menschen, zumindest aber einer neuen Gesellschaft führen sollten, in der auch Platz für Träumer und Außenseiter wäre. Das Himmelszelt, Mond und Mars, die Milchstraße, ferne Universen: All das waren ideale Theaterbühnen für Stücke, die nur darauf zu warten schienen, endlich geschrieben zu werden. Dabei hatte doch schon Novalis bei aller romantischen Begeisterung für Sonne, Mond und Sterne davor gewarnt, allzu große Hoffnungen in extraterrestrische Expeditionen zu setzen: „Wir träumen von Reisen durch das Weltall: ist denn das Weltall nicht in uns? Die Tiefen unseres Geistes kennen wir nicht. Nach Innen geht der geheimnisvolle Weg. In uns, oder nirgends ist die Ewigkeit mit ihren Welten, die Vergangenheit und Zukunft.“

Mit dem Novalis-Zitat aus der Schrift „Blüthenstaub“ von 1798 setzt die Ausstellung „Zu den Sternen!“ im Arp-Museum Bahnhof Rolandseck einen frühen Akzent auf die wichtige Rolle, die dem Weltall seit jeher als Projektionsfläche menschlicher Phantasien, Sehnsüchte und Ängste zukommt. Mit den wissenschaftlich exakten Zeichnungen von Himmelskörpern und astronomischen Phänomenen, die der französische Astronom und Naturforscher Étienne Lépold Trouvelot in den Siebziger- und Achtzigerjahren des neunzehnten Jahrhunderts anfertigte und in großen Auflagen verbreitete, markiert sie einen Paradigmenwechsel: Was sich so realistisch zur Anschauung bringen ließ, musste nicht länger als gänzlich unerreichbar gelten. Mit dem Siegeszug der Naturwissenschaften hat sich der Sternenhimmel dem künstlerischen Vorstellungs- und Gestaltungsvermögen einen Spalt weit geöffnet.
Doch die neuen Erkenntnisse erschüttern alte Gewissheiten. Wenn die Erde bebt, träumt der Mensch von den Sternen. In Krisenzeiten haben Untergangsphantasien ebenso Konjunktur wie sternenstürmende Utopien. Jakob van Hoddis besingt 1911 mit heiterem Grimm das nahende „Weltende“, nachdem im Jahr zuvor die Blicke der Menschen ängstlich gen Himmel gerichtet waren, wo sie das Erscheinen des Halley’schen Kometen erwarteten, wie Claudia Liebrand im ausgezeichneten Katalog beschreibt. Auf allen Dächern haben sich „Sternedeuter“ positioniert, wie es in Georg Heyms Gedicht „Die Menschen stehen vorwärts in den Straßen“ heißt, und „stecken große Röhren“, also Teleskope, in den Himmel. Dass die Perspektive des Erdengewürms, das einen Blick auf die Ewigkeit erhaschen will, auch etwas unfreiwillig Komisches an sich hat, zeigt Carl Spitzwegs Ölgemälde „Der Astronom“ (1860/64), auf dem der sternengläubige Feldherr Wallenstein zum schafsgesichtigen Opfer eines Scharlatans wird.

„Weltraum und Weltflucht seit der Moderne“ lautet der Untertitel der Ausstellung, für die Museumsdirektorin Julia Wallner und ihre Kollegin Helene von Saldern etwa 100 Kunstwerke verschiedenster Genres im Arp-Museum versammelt haben. In Richard Meiers zeitlos schönem Bau, der selbst wie ein Ufo über dem Rhein gelandet ist, präsentieren sie Preziosen, Überraschungen, Meilensteine. Sie stammen von „Mondfahrern und Mondträumern“, wie Hans Arp sich selbst bezeichnete, von sendungsbewussten Konstrukteuren des neuen Menschen wie Alexander Rodtschenko und El Lissitzky, die mit Rodtschenkos kinetischen Skulpturen und Lissitzkys Farblithographien zu dem revolutionären Bühnenstück „Sieg über die Sonne“ aus dem Jahr 1913 vertreten sind, oder von ironischen Fortschrittsskeptikern wie dem Künstlerduo John Wood & Paul Harrison. Mit ihrem zwanzigminütigen Ein-Kanal-Video „Bored Astronauts on the Moon“ untermauern sie gut vier Jahrzehnte nach der ersten Mondlandung die Vermutung, dass schwerfälliges Herumgehopse in klobigen Raumanzügen inmitten völliger Ödnis auf die Dauer doch eine ziemlich eintönige Sache sein könnte.
Immer wieder setzen die Kuratorinnen derartige Ironiesignale, die weder die Blüten- und Sehnsuchtsträume der kosmischen Utopisten noch die Untergangsphantasien der Apokalyptiker ganz ernst nehmen können. In sechs konzisen Kapiteln gliedern sie ihr ausuferndes Thema, ohne ihm allzu enge Grenzen zu stecken. So macht den Ausstellungsauftakt der „Outer Space Transmitter“ der 1992 geborenen Mona Schulzek, ein funktionsfähiges Funkgerät zur Kontaktaufnahme mit außerirdischen Lebensformen, gefolgt von Sylvie Fleurys „First Spaceship on Venus (17 C)“ von 1999: ein silbern glänzender Sitzsack in Form einer abgeschlafften anthropomorphen Rakete mit knallrotem Narrenkäppchen. Der Treibstoff verbraucht, der kosmische Funke erloschen, die Eroberung des Weltraums – vorerst – gescheitert. Aber neue phallische Flugobjekte sind bereits in Sicht.

Neben Fleuries schlaffer Rakete beschwört eine Arbeit Katharina Sieverdings Schönheit und Zerstörungskraft der Sonne, Hans Salentins aus Holz, Aluminium und Gussstücken zusammengesetzte Skulptur „Astronaut“, 1967/68 entstanden, also kurz vor der ersten Mondlandung, sieht aus wie das naive Werk eines entfesselten Heimwerkers und korrespondiert fröhlich mit Max Ernsts „Aus dem Tagebuch eines 1000-jährigen Astronauten“, einem kleinen Spätwerk von hinreißender Genialität, für das Ernst eine Kreis- oder Abrundungsschablone auf einen himmelblau bemalten Hintergrund genagelt hat.
Mit Arbeiten von Lothar Schreyer, den expressionistischen Tanzmasken von Lavinia Schulz und Walter Holdt und Mariko Moris egozentrischer Selbstinszenierung als Cosplay-Göttin („Genesis (Soap Bubbles)“, 1996) wird der Kosmos queer, und mit „Cosmirama“, einer für die Ausstellung erarbeiteten Rauminstallation von Dominique Gonzalez-Foerster, wird im sechsten und letzten Kapitel gefragt, was wohl wäre, „wenn Außerirdische in uns verliebt wären“.
Eine solche Amour fou setzte allerdings Liebenswürdigkeit voraus, scheint also wenig wahrscheinlich – der Mensch ist auch dem Weltall ein Wolf. Hans Arp, der 1962 eine „Milchstraßenträne“ in Bronze goss, befürchtete früh, die vom Menschen erschaffenen und von ihm angebeteten Maschinen würden „das Weltall und die Ewigkeit demnächst auffressen“. Und Hannah Höch, die mit den beiden Spätwerken „Mondfische“ (1956) und „Loch im Himmel“ (1965) vertreten ist, schrieb bereits 1929: „am liebsten würde ich der welt heute demonstrieren, wie eine biene, und morgen, wie der Mond sie sieht“.
Wer unseren Planeten und sich selbst aus einer fremden Perspektive wahrnehmen möchte, sollte es mit einem Satz des böhmischen Malers und Grafikers Wenzel Hablik halten, dessen farbgewaltige Himmelspanoramen zu den frühesten Kosmosdarstellungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts zählen: „Muß ich schon an der Erde kleben – dann wenigstens nicht mit dem Hirn.“
Zu den Sternen! Weltraum und Weltflucht seit der Moderne. Arp-Museum Bahnhof Rolandseck, bis zum 10. Januar 2027. Der ausgezeichnete Katalog kostet 36 Euro.
