
Im Abwehrkampf gegen Russland hat die Ukraine bislang viele militärische Probleme mithilfe von Drohnen gelöst. In Ermangelung einer eigenen Flotte vertreiben die Ukrainer Russland mit (schwimmenden) Drohnen aus dem Schwarzen Meer. Weil weitreichende Waffen fehlen, greifen sie Raffinerien und Waffenfabriken im russischen Hinterland mit (weitreichenden) Drohnen an. Da die Stellungen in der Todeszone immer schwerer zu erreichen sind, versorgen sie auch ihre Soldaten mithilfe von Drohnen. Ganz aktuell sieht sich das Land aber Herausforderungen ausgesetzt, für die es eine andere Lösung braucht.
Die ukrainische Luftverteidigung kann den anfliegenden Raketen gerade kaum etwas entgegensetzen. Dem Land fehlen Flugabwehrraketen für Patriot-Systeme, vor allem jene des Typs PAC-3, die für die Abwehr ballistischer Raketen geeignet sind.
Dieses Defizit hat schwerwiegende Folgen: Bei nächtlichen Angriffen in den vergangenen Tagen konnten die Ukrainer keine einzige ballistische Rakete abwehren. Die neue Gefahr aus der Luft verändert das Leben im ganzen Land. Wegen der großen Reichweite und Zielgenauigkeit richtet Russland ballistische Raketen besonders auf strategische Ziele fernab der Front.
In der vergangenen Woche gingen zahlreiche Lagerhäuser im Kiewer Umland in Flammen auf. Seit Dienstag geben die Luftstreitkräfte die Anzahl der von Russland abgefeuerten Raketen in ihren morgendlichen Lageberichten nicht mehr an. Ein Abgleich mit den erfolgreichen Abschüssen ist nun nicht mehr möglich.
Selenskyj bittet die Partner um schnelle Hilfe
Die Flugabwehrraketen, die Kiew zur Verteidigung bräuchte, kommen aus Amerika. Doch die USA haben im Irankrieg selbst viele davon verschossen. Aktuell sind sie daher darum bemüht, ihre eigenen Bestände aufzufüllen. Auch andere Länder im Nahen Osten wollen ihre Luftverteidigung stärken und ihre Bestände auffüllen. Sie sind im Zweifel auch bereit, einen Aufpreis zu zahlen. Kurz sah es so aus, als würde US-Präsident Donald Trump den Ukrainern daher eine Produktion von PAC-3-Raketen auf ukrainischem Boden ermöglichen. Doch Trump ruderte schnell zurück. Offenbar hatten die Hersteller auch Sorgen vor ukrainischen Weiterentwicklungen.
Präsident Wolodymyr Selenskyj bleibt aktuell nichts anderes übrig, als seine Partner verzweifelt um Hilfe zu bitten. Er adressiert dabei nicht nur die Amerikaner. In Kiew hofft man auch auf europäische Länder, die ihre Abfangraketen so schnell wohl nicht selbst brauchen werden. In den letzten Tagen rief Selenskyj sogar Südkorea mehrfach dazu auf, die Ukraine bei der Flugabwehr zu unterstützen. Jedoch bislang ohne Ergebnis.
Mittelfristig hofft Kiew auf verbesserte französisch-italienische SAMP-T-Systeme. Mehrere Batterien könnten noch in diesem Jahr geliefert werden. Die Ukraine arbeitet darüber hinaus auch mit europäischen Partnern an einem eigenen Luftverteidigungssystem. Das Projekt läuft unter dem Namen Freyja. Derzeit rechnet man mit einem Prototyp erst Mitte kommenden Jahres. Manche Fachleute halten diesen Zeitplan für ausgesprochen optimistisch. Eine kurzfristige Lösung gibt es also nicht.
Aus Sicht des ukrainischen Militäranalysten Olexij Melnyk sind Abfangraketen ohnehin eher „Schmerzmittel als Therapie“. Selbst mit hervorragenden Luftverteidigungssystemen seien ballistische Raketen unter realen Gefechtsbedingungen nicht immer abzufangen. Die ukrainische Armee müsse daher in die Lage versetzt werden, die Raketen vor ihrem Start zu treffen. Dafür müsse man die Produktion der Raketen in Russland stören, außerdem die Startgeräte aufspüren. Wichtig seien auch Sanktionen, da russische Waffen in der Regel nicht ohne westliche Komponenten auskommen.
Neue Waffen erinnern an Marschflugkörper, sind aber billiger
Noch läuft die Raketenproduktion für Russland nach Plan. Der stellvertretende Chef des ukrainischen Militärgeheimdiensts HUR, Vadim Skibitzkyj, äußerte am Dienstag in einem Interview mit RBK-Ukraina, Russland übererfülle derzeit seine Produktionsziele. Melnyk gibt aber zu bedenken, dass man nicht wisse, wie viele weitere Raketen Russland ohne ukrainische Angriffe auf Rüstungsfabriken hätte herstellen können.
Russland erhält darüber hinaus auch Unterstützung aus Nordkorea. Kiew warnt vor der Entsendung einer nordkoreanischen Raketeneinheit ins westrussische Woronesch. Geheimdienstinformationen zufolge ist diese mit sechs Startgeräten und rund 120 Raketen ausgerüstet.
Neben ballistischen Raketen sieht sich Kiew im Luftkrieg auch weiteren Herausforderungen gegenüber. Russland stellt gerade seine Drohnenproduktion um. Anstelle von Propellerantrieben verfügen die neuen Geran-Modelle über einen Strahlantrieb. Das macht sie deutlich schneller, zum Abfangen bleibt also weniger Zeit.
Hinzu kommen weitere neue Geschosse, die den Namen Banderol tragen. Sie haben eine geringere Reichweite, treffen deshalb vor allem Städte im Süden und Osten des Landes, Odessa und Charkiw etwa. Melnyk zufolge erinnern die Flugeigenschaften der neuen Waffen an Marschflugkörper. Mit den Mitteln, die gegen Marschflugkörper helfen, kann man auch sie abwehren. Das Problem: Die neuen Waffen sind viel billiger, die Kosten der Abwehr können die Kosten des Angriffs schnell übersteigen.
