Was heute auf den ersten Blick wie eine bunte Party wirkt und in ganz Deutschland Millionen Menschen anzieht, begann mit Barrikaden, fliegenden Steinen und Polizeiknüppeln. Razzien in Schwulen- und Lesbenbars sind in den USA der Sechzigerjahre alles andere als selten. Doch in der Nacht zum 28. Juni 1969 setzen sich Besucher der bekannten Schwulenbar „Stonewall Inn“ an der New Yorker Christopher Street gegen die Schikanen der Staatsgewalt zur Wehr. Vor der Bar kommt es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Über mehrere Tage schließen sich immer mehr Menschen den Protesten an, die als die Geburtsstunde der queeren Bewegung in die Geschichte eingehen sollten.
In der Schwulen- und Lesbenszene markieren sie einen Wendepunkt: Bisher haben viele ihr Leben aus Angst vor Repressionen vornehmlich hinter verschlossenen Türen geführt, nun sucht die neue Bewegung erstmals öffentliche Sichtbarkeit. Vereine und politische Organisationen werden ins Leben gerufen. In Erinnerung an die Proteste finden in den USA seither Jahr für Jahr Demonstrationen und Gay-Pride-Festivals statt.
Im deutschsprachigen Raum etabliert sich dafür der in den Vereinigten Staaten wenig bekannte Begriff Christopher Street Day (CSD). Mittlerweile wird er in nahezu allen großen deutschen Städten gefeiert. Mehr als eine Million Menschen besuchen die Pride-Festivals in Berlin und Köln, Hunderttausende jenes in München. Laut den Organisatoren kamen Mitte Juli etwa 150.000 Menschen zu den Veranstaltungen des Frankfurter CSD, dem größten im Rhein-Main-Gebiet.
Schon beim ersten CSD lief Popmusik
Doch bis der CSD nach den Stonewall-Protesten in Deutschland ankam, sollte es noch ein ganzes Jahrzehnt dauern. Im Juni 1979 formierten sich unter anderem in Berlin und Bremen Gruppen, die aus Anlass des zehnten Jahrestages mit einer eigenen Demonstration an die Proteste in den USA erinnern wollen. Der Mainzer Bürgerrechtler Joachim Schulte lebte zu diesem Zeitpunkt in Bremen und war einer der Organisatoren. Heute ist der Zweiundsiebzigjährige Sprecher des queeren Netzwerks „QueerNet Rheinland-Pfalz“. Musik und tanzende Menschen, wie man sie heute mit dem CSD verbinde, seien schon damals Teil des Demokonzepts gewesen, sagt Schulte. Zum ersten Mal sei man auf die Idee gekommen, einen Lautsprecherwagen mit Musik an die Spitze des Demonstrationszugs zu stellen.
„Das war überhaupt nicht das Bild, das man damals von Demonstrationen hatte“, sagt Schulte. Für gewöhnlich sei man in geordneten Reihen gelaufen und habe Banner getragen. „Demonstrieren war eine sehr ernste Angelegenheit.“ Transparente und ein ernstes Anliegen gab es laut Schulte beim ersten CSD in Bremen auch. Aber eben auch Menschen, die zu Popmusik der späten Siebzigerjahre tanzten. „Und dadurch kam Bewegung in den Zug.“
Die Umstehenden seien verwundert gewesen. „Die haben gemerkt, da demonstrieren Leute, aber die machen das ganz anders.“ Der eine oder andere habe sogar im Takt der Musik mit dem Bein gewippt, erinnert sich Schulte. In diesem Zusammenspiel aus Feier und Protest sieht er einen wichtigen Erfolgsfaktor der Bewegung: „Im Kern geht es um politische Forderungen nach gleichen Rechten“, sagt Schulte. „Gleichzeitig signalisieren wir durch die Art und Weise, dass wir Freude haben, zu gestalten.“ Eine Tradition, die sich bis heute gehalten habe und mittlerweile gigantische Ausmaße annehme.
Das Anliegen der Demonstranten war auch damals durchaus ernst. Zu dieser Zeit protestierten Homosexuelle vor allem gegen den Paragraphen 175. Erst im Jahr 1994 beschloss der Bundestag die Abschaffung des Gesetzes, das sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe stellte. Bis zum Ende der Sechzigerjahre galt der Paragraph sogar noch in seiner verschärften Variante aus der Zeit des Nationalsozialismus, wie Schulte hervorhebt.

„Wir haben nach dieser Demonstration in Bremen entschieden, im Sommer einen großen Kongress zu veranstalten.“ Im Juli 1979 fand in Frankfurt das erste internationale Homosexuellentreffen statt. Unter dem Titel „Homolulu: Die Geburt eines Vulkans, oder die Versuchung eine Utopie konkret zu machen“ wollte man Ende Juli 1979 in den Räumen der Universität einen gesellschaftlichen Aufbruch signalisieren.
Vom „Straßenfest“ zum Massenevent
Zum Abschluss des einwöchigen Kongresses fand nach dem Vorbild Berlins und Bremens auch eine Pride-Demonstration durch die Frankfurter Innenstadt statt. Wieder mit Lautsprecherwagen. Mehr als tausend Teilnehmer marschierten vom Friedberger Platz durch die Innenstadt zur Universität, wie damals in der F.A.Z. zu lesen war. Die Teilnehmer des Kongresses seien damals aber überwiegend Männer gewesen. Zwar hätten auch Frauen teilgenommen, ihr Großteil fühlte sich damals jedoch noch eher der Frauenbewegung zugehörig. Das Wort „queer“, unter dem heute Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transpersonen gemeinsam für ihre Rechte streiten, entwickelte sich erst später als Überbegriff für eine gemeinsame Bewegung. „Homolulu“ sei ein „Multiplikator gewesen“, sagt Schulte. Nach dem internationalen Kongress hätten sich viele Initiativen und selbstorganisierte Orte gebildet.

Bis es in Frankfurt zur ersten Veranstaltung unter dem offiziellen Titel Cchristopher Street Day kam, sollten allerdings noch ein weiteres Mal mehr als zehn Jahre vergehen. „Das ging ganz simpel und klein los“, sagt Christian Setzepfandt, Vorstandssprecher der Frankfurter Aidshilfe. Der Neunundsechzigjährige moderiert seit Jahren den Polit-Talk des Frankfurter CSD, außerdem hat er als Stadthistoriker mehrere Bücher verfasst. Auch im Zuge der Solidaritätsbewegung für HIV-Positive sei Anfang der Neunziger in Frankfurt die Idee entstanden, einen CSD zu veranstalten.
Vor dem Lesbisch-Schwulen Kulturhaus an der Klingerstraße habe man einen Ghettoblaster und Bierbänke aufgestellt. Setzepfandt spricht von etwa 300 bis 400 Besuchern. „Es war eher wie ein Straßenfest.“ Zum Massenevent einwickelte sich der CSD laut Setzepfandt erst in den 2000er-Jahren. „Wir wollten als Gruppe diese große Sichtbarkeit“, sagt er. „Und die Stadt hat es nicht nur toleriert, sondern auch unterstützt.“ Unter einer als liberal geltenden CDU-Oberbürgermeisterin Petra Roth und der Grünen-Bürgermeisterin Jutta Ebeling seien viele Wege geebnet worden, die heute selbstverständlich seien.
Das Beeindruckende am CSD sei, dass er sich komplett über das Ehrenamt entwickelt habe, sagt Setzepfandt. Bis auf professionelle Strukturen, um den gewachsenen Sicherheitsanforderungen gerecht zu werden, sei dies auch nach wie vor so.
Auch Schulte hebt den enormen ehrenamtlichen Aufwand in der Organisation der CSD hervor und nennt ihn als Grund, weshalb es lange dauerte, bis der CSD aus den USA in die Rhein-Main-Region kam. Es brauchte schlichtweg Menschen, die ihn organisierten, sagt er. An manchen Stellen habe dies länger gedauert. Der Weg dorthin sei nicht einfach gewesen. „Die Leute haben die Flugblätter, aus eigener Tasche bezahlt. Es gab keine Förderung.“ Veranstaltungen seien durch Partys querfinanziert worden.
„Eine der erfolgreichsten Bewegungen der Bundesrepublik“
Organisiert von einer Gruppe von Studenten wurde 1993 zum ersten Mal die „Mainzer Sommerschwüle“ veranstaltet. Aus dem politischen Sommerfest, das damals noch in der alten Ziegelei Bretzenheim stattfand und später in die Innenstadt umzog, hat sich der Mainzer CSD entwickelt. Seit 2014 findet auch ein Protestumzug statt. Für Schulte ein wichtiges Kriterium. CSD bedeute immer Demonstration, sagt er. „Es ist ein Unterschied, ob ich mich an einem idyllischen Ort treffe und politische Forderungen formuliere, oder eine Demonstration mitten durch die Stadt veranstalte, vorbei an Gebäuden, in denen auch Entscheidungsträger sitzen.“
Mittlerweile gibt es nicht nur in den großen Städten des Rhein-Main-Gebiets wie Frankfurt, Wiesbaden, Offenbach, Hanau und Mainz regelmäßig CSDs. Auch immer mehr kleinere Städte ziehen nach. Wie die knapp 17.000 Einwohner zählende Kleinstadt Schlüchtern, in der Anfang August etwa 300 Menschen für die Rechte queerer Menschen auf die Straße gingen. Auch in Groß-Gerau wird demonstriert. In Michelstadt im Odenwaldkreis soll am 5. September zum ersten Mal der Christopher Street Day gefeiert werden.
Für Schulte zählt der CSD zu den „erfolgreichsten sozialen Bewegungen der Bundesrepublik“. Es sei gelungen, auf viele Teile der Gesellschaft einzuwirken, auf Politik, Wirtschaft und auch die Kirchen. „Wenn irgendetwas Erfolg gebracht hat, dann ist es Sichtbarkeit“, sagt er. Genau diese Sichtbarkeit, sei es, die Feinde queerer Menschen angreifen wollten.
Auch vor diesem Hintergrund sei der Anschlag auf den CSD in Berlin, bei dem am Abend des 25. Juli eine Frau getötet wurde, so fatal, sagt Christian Setzepfandt. „Ein Angriff auf den größten CSD ist ein Angriff auf die ganze Szene. Es trifft bewusst alle. Er soll allen Angst machen, er soll alle einschüchtern.“ Setzepfandt verweist allgemein auf die steigenden Zahlen queerfeindlicher Angriffe, auch Diskriminierung auf Schulhöfen sei ein wachsendes Problem. Vor Anfeindung einzuknicken sei jedoch keine Option. „Der Demozug muss auch weiter groß und offen durch die Welt ziehen.“
