Als das Team der USA am 1. August
1936 ins Berliner Olympiastadion einmarschierte, gab es deutlich vernehmbare
Buhrufe bei der Eröffnungsfeier. Eine breite Bewegung hatte sich in den USA für
einen Boykott der XI. Olympischen Spiele im Land der Nazis ausgesprochen.
Letztlich scheiterte dieser Vorstoß in der entscheidenden Sitzung der Amateur
Athletic Union Anfang Dezember 1935 knapp.
Vor allem für den Sprinter und
Weitspringer Jesse Owens war das ein großes Glück. Er gewann in Berlin vier
Goldmedaillen und wurde zum erfolgreichsten Teilnehmer der Spiele. Der 22 Jahre
alte James Cleveland, genannt Jesse, Owens, zehntes und jüngstes Kind der
Farmer Emma und Henry Owens, wurde von hunderttausend Zuschauern bei seinen
Auftritten im ausverkauften Olympiastadion umjubelt, gefeiert für seine Eleganz
und bewundert für seine Wettkampfhärte. Für die Nazis aber war die Siegesserie des
Afroamerikaners Owens ein Graus. Denn die Berliner Spiele waren für Reichskanzler
Adolf Hitler eine Art öffentliche Versuchsanordnung: Die laut der NS-Ideologie überlegene
weiße Rasse sollte alles dominieren. Dann kam Owens.
In seiner 1978 erschienenen Autobiografie Jesse: The man who outran Hitler (Der Mann, der Hitler davonlief) schreibt
Owens über seine Reise nach Deutschland: »Ich bestieg ein Schiff, um Adolf
Hitler zu besiegen.« Es gelang ihm gleich viermal.
Owens war schon vor seinen
Auftritten im Olympiastadion ein Star. Am 25. Mai 1935 stellte er in Ann Arbor innerhalb
von 45 Minuten gleich sechs Weltrekorde auf. Anlass war der größte
Uni-Leichtathletik-Wettkampf des Mittleren Westens, die Big Ten Conference. Owens
stellte zunächst die globale Bestmarke über 100 Yards (91,44 Meter) ein: 9,4
Sekunden. Im Weitsprung erreichte er 8,13 Meter, überboten wurde diese Leistung
erst 1960. Die 220 Yards (201 Meter) sprintete er in 20,3 Sekunden. Diese Zeit
wurde zudem als Weltrekord über 200 Meter anerkannt. Über 220 Yards Hürden
jagte Owens in 22,6 Sekunden. Diese Marke wurde auch noch als Topwert über 200
Meter Hürden anerkannt. Sechs Weltrekorde in weniger als einer Stunde: Jesse Owens erhielt daraufhin viele Spitznamen, einer lautete: »Pistolenkugel von
Ohio«.
Owens, geboren am 12. September
1913 in Oakville, Alabama, siedelte mit seinen Eltern neun Jahre später nach Cleveland in
Ohio um. Der Vater erhoffte sich eine Verbesserung seines Einkommens, doch die
Familie lebte weiter in ärmlichen Verhältnissen. Owens schrieb sich im Alter
von 20 Jahren an der Ohio State University für Jura ein. Diese Hochschule
genoss einen hervorragenden Ruf als Leichtathletikschmiede. Jura jedoch wurde
bald zur Nebensache, für Owens stand Laufen und Springen im Mittelpunkt.
In Berlin brillierte Owens vor 90
Jahren zunächst an drei Augusttagen hintereinander, am 3., 4. und 5. August gewann
er jeweils Gold. »Owens war daraufhin der berühmteste Athlet der Welt«, sagte
der Historiker William J. Baker in einer TV-Dokumentation über den Rekordmann
aus Ohio.
Am 3. August 1936 siegte er auf
der linken Innenbahn mit seinen typischen Stakkato-Schritten und geradem
Oberkörper in 10,3 Sekunden über 100 Meter. Am 4. August holte Owens Gold im
Weitsprung: 8,06 Meter. Owens bezwang dabei den Deutschen Luz Long nach einem
spannenden Wettkampf. Long gewann mit 7,87 Metern Silber. In der Qualifikation
hatte Owens zunächst einen Fehlversuch, der zweite Sprung war zu kurz. Long gab
Owens daraufhin den Tipp, seinen Absprung vorzuverlegen. Zur Orientierung legte
Long seinem Konkurrenten sein Handtuch neben den Absprungbalken. Es ging auf.
Owens schaffte es ins Finale.
Mit Bildern belegt ist diese
Aktion jedoch nicht, womöglich ist sie eine Mär. Owens sagte dazu einmal: »Das sind
Geschichten, die die Leute hören wollen.«
Unter den Zuschauern war bei
Owens Siegen jeweils auch Adolf Hitler. Eine Szene dürfte für Aufruhr in der
Nazi-Ehrenloge gesorgt haben. Auf Filmaufnahmen ist zu sehen, wie der deutsche
Long und der US-Amerikaner Owens nach der Siegerehrung Arm in Arm und intensiv
miteinander plaudernd auf dem Rasen des Stadions umhergingen. Owens sagte dazu
später: »Es kostete ihn viel Mut, sich vor den Augen Hitlers mit mir
anzufreunden. Man könnte alle Medaillen und Pokale, die ich habe, einschmelzen,
und sie würden nicht für eine Schicht über die 24-Karat-Freundschaft, die ich
in diesem Moment für Luz Long empfand, reichen. Hitler muss wahnsinnig geworden
sein, als er sah, wie wir uns umarmten.«
Longs Mutter Johanna bemerkte
dazu in ihrem Tagebuch, dass ihr Sohn von Rudolf Heß, Hitlers Stellvertreter
innerhalb der NSDAP, eine Ermahnung erhielt: Er solle nie wieder einen Schwarzen
umarmen.
