
Ein schwülwarmer Sommerabend in Tel Aviv, ein Akademikerpaar hat zum Aperitif eingeladen. In wenigen Tagen fliegen sie nach Griechenland. Nicht weil es dort kühler wäre – sie wollen einer ihrer Töchter eine Universität in Athen zeigen. Die Familie denkt darüber nach, auszuwandern. In Israel sei es seit dem 7. Oktober 2023 kaum noch auszuhalten, sagt sie, eine bekennende Linke. Die militante Rhetorik, der Gazakrieg, im Grunde der Zionismus selbst.
Sie sei schon Mitglied in einer Whatsapp-Gruppe von Israelis in Athen, erzählt sie. Dort würden Tipps über „nicht antisemitische“ Restaurants ausgetauscht – was in diesem Fall heißt, dass man dort nichts gegen israelische Gäste habe. Ihr wäre es durchaus recht, auch in solche Restaurants zu gehen, die nicht auf dieser Liste stehen, fügt sie sarkastisch hinzu, dort treffe sie wenigstens keine anderen Israelis. Er wirft vorsichtig ein, womöglich würden die Betreiber nicht erkennen, dass sie beide regierungskritische Israelis seien.
Ähnliche Gespräche hört man immer öfter. Nicht nur in der linksliberalen „Blase“ von Tel Aviv, landesweit ist Auswanderung ein Thema. In einer Ende 2025 veröffentlichten Erhebung des Israelischen Demokratieinstituts (IDI) sagten mehr als ein Viertel der jüdischen Israelis, sie erwögen, das Land zu verlassen. Unter palästinensischen Bürgern waren es sogar 30 Prozent. Eine Umfrage vom Frühjahr 2026 ergab nur 15 Prozent Auswanderungswillige. Dabei können methodische Fragen eine Rolle spielen – etwa ob es um vorübergehende oder dauerhafte Umsiedlung geht. Jenseits genauer Zahlen lässt sich aber auch anekdotisch festhalten, dass das Thema in der Luft liegt.
Vor allem junge, säkulare und gutverdienende Israelis wollen gehen
Vor allem jüngere, säkulare und gutverdienende Israelis äußern laut der IDI-Studie den Wunsch zu gehen. Viele nennen die hohen Lebenshaltungskosten als Grund. Auch die Politik von Benjamin Netanjahus rechter Regierung, die zunehmende Religiosität und die Kriege seit 2023 spielen eine Rolle.
Bisweilen ist aber auch eine generelle Entfremdung zu spüren: Wie das Paar aus Tel Aviv kritisieren manche, was sie als den moralischen Verfall Israels bezeichnen. Das spiegelt sich in dem Satz, man wolle seine Kinder nicht in solch einem Land aufwachsen lassen. Manche Intellektuelle werfen angesichts der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen in Israel inzwischen sogar die Frage auf, ob das zionistische Projekt eines „jüdischen Staates“ im Grunde gescheitert und das Leben in der „Diaspora“ vielleicht doch besser sei.
Solche Überlegungen führen oft nicht tatsächlich zur Auswanderung, vermutlich sogar in den meisten Fällen nicht. Es handelt sich schließlich um eine tiefgreifende Entscheidung. Spötter sagen auch, linke Israelis kündigten vor jeder Wahl an, auszuwandern, sollte wieder eine rechte Regierung gewählt werden – und täten es dann doch nicht.
Die Zahl der Auswanderer ist um die Hälfte gestiegen
Allerdings legen neuere Zahlen nahe, dass tatsächlich immer mehr Menschen gehen. 2025 etwa verließen rund 90.000 Israelis das Land für mindestens drei aufeinanderfolgende Monate. Solche Daten haben ihre Tücken. So unternehmen viele junge Israelis nach dem mehrjährigen Kriegsdienst eine Weltreise, deren Dauer oft drei Monate übersteigt. Aber auch die langfristige Ausreise – für mindestens zwölf Monate – hat zugenommen.
Wissenschaftler der Universität Tel Aviv sprechen von einem Trend, der 2023 begonnen habe. Seither sei die Zahl der jährlichen Auswanderer im Vergleich mit der Durchschnittszahl vor einem Jahrzehnt um etwa 50 Prozent gestiegen, geht aus einer Analyse von Anfang August hervor.
Einer der Forscher nannte die Entwicklung „sehr beunruhigend“. Die zunehmende Auswanderung könnte „die zukünftige Sicherheit und Wirtschaft des Landes gefährden“. Denn erschwerend kommt hinzu, dass seit einigen Jahren wirklich vor allem gut ausgebildete Israelis auswandern, unter anderem Ärzte, Ingenieure und Angestellte der Hightech-Industrie. Viele gehen zudem offenbar in einem Alter, in dem man nicht davon ausgehen kann, dass sie Israel nur vorübergehend zur Aus- oder Weiterbildung verlassen.
Den Auswanderern standen 2025 nur rund 22.500 Einwanderer gegenüber. Wie 2024 gingen somit mehr Israelis, als zurückkehrten und neu kamen. Aufgrund der Geburtenrate nimmt die Bevölkerungszahl des Landes dennoch zu, 2026 betrug sie erstmals mehr als zehn Millionen. Gleichwohl zeigt auch die Politik sich alarmiert. Im Juni gab es in der Knesset eine Diskussion über das Einwanderungsdefizit. Ein Abgeordneter sprach von einer „Epidemie“, eine andere warnte: Wenn das so weitergehe, drohe „die Zerstörung des Zionismus“.
Für viele Holocaustüberlebende waren die USA das Wunschziel
Demographie ist in Israel seit jeher ein wichtiges Thema. Das Land gründet auf Einwanderung (Aliya). Rund um die Staatsgründung 1948 kamen Hunderttausende Juden aus Europa; in den 1990er-Jahren wanderten knapp eine Million aus dem ehemaligen Ostblock ein. Der russische Überfall auf die Ukraine 2022 stieß eine weitere Welle aus beiden Ländern an.
Regierungen fördern die Aliya: Das „Rückkehrrecht“ jeder Person mit mindestens einem jüdischen Großelternteil ist gesetzlich verankert. Auf Auswanderer hat man lange Zeit abschätzig geblickt. Heute bekommen linke Israelis dagegen manchmal zu hören: „Geh doch nach Berlin!“
Übersehen wird dabei oft, dass stets auch viele das Land wieder verließen – etwa 20 Prozent der Einwanderer in den ersten Jahrzehnten nach 1948. Für viele Holocaustüberlebende war nicht Israel das Wunschziel, sondern Amerika. Auch heute gehen viele in die USA, aber auch Europa ist attraktiv.
Getrübt wird das Bild allerdings durch den Antisemitismus, der sich weltweit immer offener und aggressiver äußert. So fragen regierungskritische Israelis sich bisweilen, wo sie sich überhaupt noch sicher und zu Hause fühlen können. Unerwünscht zu sein: Das ist ein altes jüdisches Lebensgefühl. Inzwischen macht es sich auch in Israel deutlicher bemerkbar.
