„Die iga war kein politischer Ort“: der Satz klingt harmlos. Im Erfurter Deutschen Gartenbaumuseum hat er in der Zwischenzeit einen bedrohlichen Unterton bekommen. Ein in der thüringischen Landeshauptstadt gut vernetzter Politiker ließ gegenüber der Kuratorin der neuen Ausstellung „iga*61 – Die DDR durch die Blume“ keinen Zweifel daran, was er von ihrem Vorhaben hält: Die Geschichte der Internationalen Gartenbauausstellung politisch zu erzählen, sei verfehlt; die Erinnerungen der Zeitgenossen würden verfälscht. Sie möge auch bedenken, über welche Kontakte er verfüge: „Ich brauche nur jemanden anzurufen.“ Namen müssen hier keine genannt werden. Interessanter als die Person ist ohnehin der Vorgang. 35 Jahre nach dem Ende der DDR wird in Erfurt wieder darüber gestritten, wie ein Teil der Geschichte des deutschen Arbeiter-und-Bauern-Staates zu erzählen und zu bewerten ist.
Im Westen war der Gartenbau genauso politisch
Dabei klingt die Behauptung, die iga, die Internationale Gartenbauausstellung, sei „kein politischer Ort“ gewesen, zunächst durchaus plausibel. Millionen Menschen haben sie genau so erlebt. Man fuhr auf die iga, um sich an Blumen zu erfreuen, ein Konzert zu besuchen oder den Kindern einen schönen Tag zu bereiten. Solche Erinnerungen sind wahr. Nur sind sie nicht die ganze Wahrheit.
Als am 28. April 1961 die Erste Internationale Gartenbauausstellung der sozialistischen Länder eröffnet wurde, sollte sie die größte Gartenbauveranstaltung des Ostblocks werden. Die DDR wollte zeigen, was sie konnte: bei Pflanzenzüchtung und Gemüsebau, Floristik und Gewächshaustechnik. Die iga war Fachausstellung und Volkspark, Bildungsstätte und Freizeitort – und eben auch ein politisches Schaufenster des Sozialismus. Ein damaliger Verantwortlicher formulierte den Auftrag unmissverständlich: Die Überlegenheit des sozialistischen Gartenbaus über den kapitalistischen sollte sichtbar werden. Dass am selben Tag in Stuttgart die Bundesgartenschau öffnete, gibt der Sache ihre Pointe. Denn auch westlich des Eisernen Vorhangs war Gartenbau politisch. Dort wurde der Wohlstand der Sozialen Marktwirtschaft, die moderne Stadtplanung und die neue Freizeitgesellschaft inszeniert – hier die Leistungsfähigkeit einer planmäßig organisierten sozialistischen Gesellschaft.
Walter Ulbricht sollte nicht vor dem Misthaufen stehen
1961 war ein besonderes Jahr. Dreieinhalb Monate nach Eröffnung der iga, genau: am 13. August, ließ die Führung der DDR die Berliner Mauer errichten. Der Wettbewerb der Systeme ging auch in Erfurt weiter. Noch bis 1971 beteiligten sich Aussteller aus Westeuropa, darunter aus der Bundesrepublik und den Niederlanden; später waren nur noch sozialistische und blockfreie Staaten willkommen. Die iga sollte Internationalität demonstrieren und war doch Teil eines Staates, der seine eigenen Bürger nicht mehr ausreisen ließ.
Die iga war von Anfang an politisch. Arbeiter und Bauern halfen beim Aufbau, das Personal sprach Russisch und lernte ein paar Brocken Chinesisch, internationale Delegationen wurden empfangen. Gefeiert wurde ebenfalls politisch: Arbeiterfestspiele fanden auf dem Gelände statt, 1974 entstand zum 25. Jahrestag der DDR ein neuer Spielplatz. Und selbstverständlich wurde auch darauf geachtet, welches Bild von der Staatsführung verbreitet wurde. Ein Foto Walter Ulbrichts vor einem Misthaufen fiel der Zensur zum Opfer.

Das alles macht die iga zu einer realsozialistischen Heterotopie: Sie war politisches Schaufenster und individueller Rückzugsraum, staatlich inszenierte Leistungsschau und Ort privater Aneignung zugleich. Der Gärtner konnte stolz auf seine Züchtung sein, die Floristin auf ihr Arrangement, eine Familie einen wunderbaren Sonntagnachmittag verbringen. Hier zeigen sich indes die Grenzen einer aus Zeitzeugenberichten konstruierten Geschichte. Wer sich an einen unpolitischen Sonntag auf der iga erinnert, berichtet zutreffend über sein sonntägliches Erlebnis – aber noch nicht über die iga.
Es bedarf eines Korrektivs: Erst die – von der Kuratorin zum Teil wiederentdeckten – Akten, Entwürfe und Modelle erschließen jene politische und institutionelle Ebene, die sich der individuellen Memoria entzieht und Planung und Kontrolle, ideologischen Auftrag und sozialistische Propaganda dokumentiert. Gerade aus der Verbindung beider Überlieferungen gewinnt die Ausstellung ihre besondere Qualität. Die Zeitzeugen erzählen, wie die iga persönlich erlebt wurde; die Archive zeigen, wie sie politisch instrumentalisiert wurde.
Die ikonische Zentralgaststätte wurde abgerissen
Doch der heutige Streit handelt keineswegs nur davon, wie man sich an die DDR erinnern soll. Er handelt ebenso davon, was nach der DDR geschah. Denn das Gelände überlebte die Wiedervereinigung nicht unbeschadet. Das einstige Areal umfasste 104 Hektar. Ein 1994 beschlossenes Nutzungskonzept teilte es auf; lediglich 36 Hektar mit dem historischen Kern der iga von 1961 blieben als Park erhalten, unterm Namen „egapark“. Auf den anderen Flächen entstanden etwa die Messe Erfurt und Gebäude des Mitteldeutschen Rundfunks sowie des Kinderkanals von ARD und ZDF. Ausstellungshallen verschwanden, und 1996 wurde die ikonische Zentralgaststätte abgerissen.
Gegen den Ausverkauf des einzigartigen Zeugnisses deutscher Gartenbauarchitektur regte sich Widerstand. Unterschriften wurden gesammelt. Aber retten konnte der Bürgerprotest längst nicht alles. Die Ausstellung erzählt auch diese Verlustgeschichte. Wer heute fordert, den egapark von seiner politischen Vergangenheit möglichst „unbelastet“ zu lassen, verteidigt nicht einfach eine schöne Erinnerung an die DDR. Er verteidigt zugleich ein bestimmtes Bild der Nachwendezeit: Man habe unter den Zwängen der Transformation gerettet, was zu retten war, und aus der iga erfolgreich einen modernen Freizeitpark gemacht. Vielleicht liegt hier der wunde Punkt: Nach 1990 wollte man nur nach vorn schauen. Aus der iga wurde erst die ega (Erfurter Garten- und Ausstellungs GmbH) und dann der egapark. Der politische Ballast schien entsorgt, für das Gelände eine zukunftsfähige Struktur gefunden.

Der Blick richtete sich demonstrativ nach vorn: Die Bundesgartenschau 2021 und die schließlich gescheiterte Idee, nach dem überraschenden Rückzug Rostocks bereits fünf Jahre später abermals Gastgeber zu werden, zeugen vom Ehrgeiz Erfurts, seine traditionsreiche Stellung als internationale Gartenbaustadt neu zu begründen. Umso auffälliger ist, dass gleichzeitig darüber gestritten wird, wie viel von der politischen Vergangenheit jenes Geländes sichtbar bleiben soll, auf dem diese Tradition wesentlich beruht. Aber Geschichte verschwindet nicht dadurch, dass man Gebäude niederlegt oder Namen ändert.
Deshalb lohnt sich in den nächsten Monaten der Weg ins Deutsche Gartenbaumuseum. Die Ausstellung „iga*61 – Die DDR durch die Blume“, die am 15. August ihre Pforten öffnet und bis zum 13. Juni 2027 zu sehen ist, stellt weder die DDR an den Pranger, noch erzählt sie das ostalgische Märchen vom verlorenen Blumenparadies. Sie verfolgt die Geschichte des Geländes von 1961 über die Zäsur von 1989 hinaus. Dass dies Widerspruch hervorruft, ist kein Einwand gegen, sondern ein Argument für die Ausstellung. Denn sie zeigt eindrücklich die Ambivalenz der iga: Sie war politisches Projekt und persönlicher Erinnerungsraum zugleich. Und auch der Umgang mit ihrem Erbe nach 1989 war und ist politisch. Wer heute verlangt, der egapark solle von dieser Geschichte unbelastet bleiben, verlangt deshalb etwas Unmögliches: einen öffentlichen Ort ohne Vergangenheit.
