Diethard Vorberg hat es sich gerade mit dem E-Reader bequem gemacht. Er ist 85 Jahre alt, wohnt seit 50 Jahren in Liederbach, hat bei der Hoechst AG gearbeitet und singt im lokalen Gesangverein. Als es seiner Frau immer schlechter ging, entschied sich das Paar, ihr Haus zu verkaufen und in eine barrierefreie Wohnung zu ziehen. Die Gattin starb, nun wohnt Vorberg alleine mit Hündin Mona hier. „Das war anders geplant“, sagt Vorberg, aber der Umzug sei dennoch die richtige Entscheidung gewesen. Die Penthousewohnung hat einen großen umlaufenden Balkon, auf dem Blumenkübel stehen. Ein bisschen gegärtnert wird noch immer: „Das brauche ich“, sagt Vorberg.
Auf seine Initiative geht auch das gemeinsame Spargelkochen zurück. Hausleiterin Niramol Ringert kaufte Töpfe und Gemüse, dann wurde die Gemeinschaftsküche im Erdgeschoss eröffnet. Anlässe, sich zu treffen, gibt es im Haus Hynsperg viele. Auf drei Häuser verteilen sich die 42 Wohnungen mit bis zu drei Zimmern. Im Erdgeschoss gibt es einen Gemeinschaftsraum, dort steht schon alles bereit für das Stuhlyoga am nächsten Morgen, und einen kleineren Clubraum. Die Terrasse zum Park wird für Nachmittagskaffee, aber auch für Konzerte genutzt. Einen Stromanschluss für den Park hatte sich die Stadt gewünscht, damit dort wieder gefeiert werden kann. Bald soll ein integrativer Spielplatz entstehen.

Angesprochen als Mieter sind nicht nur ältere Menschen, auch jüngere Mieter mit Beeinträchtigungen oder chronischen Krankheiten mit Pflegebedarf sind ausdrücklich willkommen. Getragen wird das Haus Hynsperg von der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung, die bislang mit Wohn- und Pflegehäusern in Frankfurt vertreten ist. Mit dem Bauprojekt in Holz-Hybridbauweise wagt sie sich das erste Mal über die Stadtgrenze hinaus.
Dass es Liederbach geworden ist, ist ein glücklicher Zufall. Ursprünglich hatte sich auf dem Gelände am Siesmayer-Park ein Lehrlingswohnheim der Hoechst AG befunden, später waren dort Flüchtlinge untergebracht. Nachdem es im Gebäude gebrannt hatte, war es unbenutzbar geworden.
Bisher sind vorwiegend Liederbacher eingezogen, die den Bau mit Interesse verfolgt hatten, oder Eltern von Liederbachern, die in der Nähe ihrer Kinder wohnen wollten. Für Haus Hynsperg beginnt gerade erst die Vermarktung, zwölf Wohnungen sind belegt, am 12. September ist ein Tag der offenen Tür geplant.
„Wir sind die Gründungsmitglieder“, sagt die 80 Jahre alte Edith Lo. Gemeinsam mit ihrem acht Jahre älteren Mann hat sie sich in einer Drei-Zimmer-Wohnung eingemietet. Früher hatte das Paar das chinesische Restaurant in der B-Ebene des Flughafens betrieben, deshalb spielte auch die Einrichtung der Küche eine nicht unwesentliche Rolle. Ein Wok-Kochfeld war obligatorisch, und Lo schwärmt vom zweitürigen Kühlschrank. „Ich habe zum ersten Mal im Leben eine so schöne Küche“, sagt Lo. „Es war uns wichtig, wohin zu ziehen, wo wir uns selbst versorgen können.“

Die Wäsche macht Lo selbst, für das Putzen nutzt sie den Service des Hauses. Sollten sie oder ihr Mann einmal mehr Hilfe benötigen, so kann diese flexibel hinzugebucht werden. Unten im Haus haben die Johanniter ein Büro, die mittels Hausnotruf jederzeit zur Stelle sind.
Neben der Miete, die zwischen 1250 Euro für zwei Zimmer und knapp 2000 Euro für ein Penthouse liegt, zahlen die Mieter die üblichen Nebenkosten, aber auch ein Komfortpaket, in dem Concierge, Hausnotruf, viele Kurse und Veranstaltungen inbegriffen sind. Es sei ein Wohnen mit Sicherheitsnetz, sagt Ringert, es soll aber auch eine Gemeinschaft entstehen. Bislang klappe das gut: „Die Mieter helfen sich schon gegenseitig bei Computerproblemen.“
