Am 16. Oktober 2025, abends um 22.17 Uhr, ging vor dem Haus des bekannten Fernsehjournalisten Sigfrido Ranucci südlich von Rom eine Bombe mit einem Kilogramm Sprengstoff hoch. Die Autos von Ranucci und von dessen Tochter Michela, die wenige Minuten vor der Detonation nach Hause gekommen war, wurden zerstört. Dass Michela Ranucci bei dem Attentat nicht zu Schaden oder gar ums Leben kam, hatte sie ihrem Schutzengel zu verdanken.
Am Montagnachmittag wurde der 60 Jahre alte Journalist, Verleger und Geschäftsmann Valter Lavitola festgenommen. Nach Überzeugung der Strafverfolger hat er den Anschlag auf Ranuccis Haus in Auftrag gegeben. Damit hat der Kasus Ranucci, der die polit-mediale Szene Italiens seit knapp zehn Monaten aufwühlt, eine spektakuläre Wendung genommen.
„Zwischen uns herrscht große Zuneigung“
Denn Ranucci und Lavitola sind seit vielen Jahren eng befreundet. Es gibt zahlreiche Zeugnisse in Bild und Schrift von herzlichen Begegnungen der beiden. Zudem äußerte sich Ranucci selbst im „Corriere della Sera“ wenige Tage vor der Festnahme Lavitolas wie folgt über ihn: „Er ist ein wahrer Freund, zwischen uns herrscht große Zuneigung. Wir gehen oft zusammen essen, mindestens alle zwei Wochen.“ Die Freundschaft sei entstanden, nachdem er und sein Team des investigativen Fernsehmagazins „Report“ 2019 über Lavitola und dessen erstaunliche Karriere zwischen Medien, Politik und Delinquenz berichtet hatten, so Ranucci im Gespräch mit dem „Corriere“ weiter.

Warum also sollte Lavitola einen (bis heute flüchtigen) portugiesischen Mittelsmann, den er im Gefängnis beim Absitzen seiner Freiheitsstrafe von 2012 bis 2016 wegen allerlei Finanzdelikten kennengelernt hatte, Mitte September 2025 mit dem konspirativen Vorbereiten und schließlich Verüben eines Bombenanschlags auf Ranucci beauftragt haben? Und wie konnte Ranucci – sollte sich der Verdacht gegen Lavitola erhärten – sich so in seinem „wahren Freund“ täuschen? Der plante offenbar einen potentiell tödlichen Anschlag, während die beiden bei Pizza und Wein eine gute Zeit miteinander hatten. Die Sache ist verworren und hat Züge eines Politkrimis, dessen Plot ans (Größen-)Wahnsinnige grenzt.
Ranucci, der in wenigen Tagen 65 Jahre alt wird, ist so etwas wie das Gesicht und Aushängeschild des investigativen Geschäfts im italienischen Journalismus. Seit 1989 arbeitet er für den öffentlich-rechtlichen Sender RAI. Er war zunächst als Redakteur für Nachrichtensendungen tätig, später als Auslandskorrespondent auf dem Balkan und in den USA. 2006 kam Ranucci zum Wochenmagazin „Report“ auf RAI 3, seit 2017 leitet er die Sendung. „Report“ gibt es seit 1994. Das Magazin ist eine Melange aus investigativer Reportage und kalkuliertem Radau. Unter Ranuccis Führung rückte immer öfter das Erzeugen polit-medialen Boheis gegenüber dem Enthüllen polit-krimineller Machenschaften in den Vordergrund.
Ranuccis Magazin ging dem Journalisten Adriano C. auf den Leim
Es ist vielleicht kein Zufall, dass Ranucci mittelbar auch in den jüngsten Skandal im italienischen Journalismus verwickelt ist. Dem 21 Jahre alten Lokaljournalisten Adriano C. aus Enego in der Region Venetien, der Drohbriefe und einen Brandanschlag der Mafia gegen seine Wohnung fingierte, um sich als Kämpfer gegen das organisierte Verbrechen zu gerieren, war Anfang 2025 auch „Report“ auf den Leim gegangen: Das Magazin produzierte nach einem Tipp von C. an die Redaktion eine Reportage in Enego über einen Finanzskandal im Rathaus, der offenkundig keiner war.
Andererseits stehen die Verdienste von Ranucci und „Report“ um die Aufdeckung der Verquickung von Politik, Wirtschaft und organisierter Kriminalität, vor allem in der Hauptstadtregion Latium, außer Frage. Nicht umsonst gehört er zu den etwa zwei Dutzend Journalisten in Italien, die wegen Drohungen der Mafia unter ständigem Polizeischutz stehen.

Nach dem Anschlag vom Oktober 2025 richteten sich die Spekulationen der Medien und wohl auch die Ermittlungen der Strafverfolger zunächst auf albanische Banden. Die sind in dem Küstenstreifen vom Römer Badeort Ostia über Campo Ascolano, wo Ranucci wohnt, bis Torvaianica aktiv. Ende Juni wurden dann aber vier Italiener im Alter zwischen 22 und 53 Jahren festgenommen, die alle aus der Nähe von Neapel stammen und wegen verschiedener Delikte polizeibekannt waren. Dass die „Berufskriminellen“ nicht aus eigenem Antrieb, sondern im Auftrag von Hintermännern den Sprengsatz gebaut und gezündet hatten, war schnell klar. Als diese Hintermänner ermittelten die Strafverfolger Valter Lavitola und dessen (inzwischen in ein afrikanisches Land geflüchteten) portugiesischen Komplizen. Dessen Aufgabe soll die Rekrutierung der Bombenbauer im kriminellen Milieu nahe Neapel sowie deren Entlohnung „mit einigen Tausend Euro“ gewesen sein, wie es in den Ermittlungsakten heißt. Nach Medienberichten gibt es Aufnahmen von Überwachungskameras, die Lavitola und seinen flüchtigen Komplizen bei einer Ortsbegehung vor Ranuccis Haus Mitte September 2025 zeigen.
„In zwei Jahren wirst du Ministerpräsident sein“
Die Staatsanwaltschaft ist überzeugt, dass Lavitola den Anschlag verüben ließ, um dem Opfer Ranucci zusätzliche Publizität zu verschaffen. Dies sollte dem Journalisten dank des Mitgefühleffekts den Weg in die Politik öffnen: als drittem Kandidaten zwischen der rechten Ministerpräsidentin Giorgia Meloni und deren linker Herausforderin Elly Schlein bei den Parlamentswahlen 2027. In einem Chat soll Lavitola seinem Freund Ranucci geraten haben, den Sender RAI zu verlassen und eine politische Laufbahn einzuschlagen. „In zwei Jahren wirst du Ministerpräsident sein“, prophezeit Lavitola in einer Mitteilung Ranucci. Bei Demoskopen gab Lavitola Umfragen in Auftrag, um die Siegchancen für einen unabhängigen Kandidaten „aus der Zivilgesellschaft“ bei den Wahlen im kommenden Jahr auszuloten, freilich ohne den Namen eines solchen Kandidaten zu nennen. Für sich selbst erhoffte sich Lavitola nach dem Aufstieg seines Freundes Ranucci ins höchste Regierungsamt einen einflussreichen und lukrativen Beraterposten.
Blanker Größenwahn eines mehrfach gescheiterten Unternehmers und verurteilten Konkursbetrügers war das nicht. In jungen Jahren hatte Lavitola als eine Art Faktotum von Ministerpräsident Silvio Berlusconi für diesen dubiose bis illegale politische Geldgeschäfte erledigt, ehe er dann seinen einstigen Gönner zu erpressen versuchte.
Ranucci selbst hat nach eigenen Beteuerungen und auch nach Ansicht der Ermittler von dem absurden Plan Lavitolas nichts gewusst. Ranuccis Anwalt teilte am Mittwoch mit, sein Mandant sei ein „dreifaches Opfer“: zuerst eines Bombenattentats, dann des Verrats durch einen Freund und schließlich der politischen Instrumentalisierung des Falls. So fordern Politiker der Mitte-rechts-Koalition, allen voran Vizeministerpräsident Matteo Salvini, Ranucci solle bis zur Klärung der Angelegenheit die Leitung von „Report“ ruhen lassen. Die linken Oppositionsparteien argwöhnen, Ranucci solle unter einem Vorwand wegen seiner seit jeher kritischen Haltung gegenüber der Regierung unter Ministerpräsidentin Giorgia Meloni von seinem Posten bei der RAI entfernt werden.
