Corinna Harfouch hat im Lauf ihrer langen Kinokarriere schon viele Mütter gespielt. In Matthias Glasners „Sterben“ war sie eine alte kranke gefühlskalte Frau, die ihrem Sohn erklärt, dass sie ihn nie geliebt hat; in Jan Ole Gersters „Lara“ eine frustrierte Konzertpianistin, die ihrem Musikerkind die Karriere nicht gönnt; in Hans-Christian Schmids „Was bleibt“ eine depressive Patriarchin, die ihre Medikamente absetzt und dann spurlos im Wald verschwindet; schließlich, in Oliver Hirschbiegels „Untergang“, die Ehefrau von Joseph Goebbels, Magda, die ihre sechs Kinder eigenhändig vergiftet, damit sie nicht den alliierten Siegern in die Hände fallen. In Jutta Brückners Film „Im Spiegel meiner Mutter“ spielt Corinna Harfouch nun eine neue, ungewohnte Rolle: die einer Tochter.
Ursula Scheuner ist Archäologin und Professorin in Darmstadt. Gerade hat sie einen Fund gemacht, der ihrem unterfinanzierten und zur Dauerbaustelle verkommenen Institut aus der Klemme helfen könnte: eine Moorleiche mit abgetrenntem Kopf und durchbohrtem Oberkörper, eine Tote aus der Vergangenheit, die jetzt im Licht der Gegenwart strahlt. Aber Ursula Scheuner hat auch ein Problem mit ihrer eigenen Vergangenheit, und auch dort geht es um eine tote Frau. Ursulas Mutter ist gestorben, und mit ihrem Tod drängen Erinnerungen, glückliche und unglückliche, aus dem Schlamm des Unterbewussten an die Oberfläche. Dabei sind die Momente des Unglücks deutlich in der Überzahl: Sie bohren sich in den Alltag der Archäologin wie der Pfahl, der in der Brust der Moorleiche steckt.
Der Film stellt seine Hauptfigur, die Corinna Harfouch mit der gewohnten Mischung aus Härte, Kühle und Verletzlichkeit, aber mit einem klaren Akzent auf den dunkleren Gefühlsnuancen verkörpert, zwischen zwei andere Frauen, eine alte und eine junge. Da ist nicht nur die Mutter, sondern auch Melanie Splitter (Carla Juri), die plötzlich im Kellerlabor der Archäologin auftaucht und sich als Ursulas neue Assistentin vorstellt. Assistenzdienste wird Melanie tatsächlich leisten, aber eher im therapeutischen als im wissenschaftlichen Sinn. Denn während die Rückblende enthüllen, wie Ursula Scheuner von ihrer vereinsamten und vom Vater verlassenen Mutter allmählich zu einer ebenso einsamen, nur auch noch kinder- und ehelosen Frau geformt wurde, fungiert die lebensfrohe Melanie in der Gegenwart der Erzählung als Stimme der praktischen Vernunft. Was sie ihrer Chefin predigt, darf man getrost als Appell des Films an seine Heldin verstehen: Hör endlich auf, nur Tochter zu sein! Wirf Licht ins finstere Moor deiner Kindheit! Zerbrich den Spiegel, aus dem dir das Bild der Mutter entgegenblickt!
Eine Geschichte im landläufigen Sinn gibt es nicht
„Im Spiegel meiner Mutter“ ist der Abschluss einer autobiographischen Trilogie, die Jutta Brückner mit „Tue recht und scheue niemand“ und „Hungerjahre“ begonnen hat. Allerdings, und das ist der Clou des Films, entstanden die beiden ersten Teile 1975 und 1980, also vor mehr als vierzig Jahren. Anschließend war Brückner zwei Jahrzehnte lang Professorin an der Berliner Hochschule der Künste und arbeitete nur noch selten fürs Kino. Ihr letzter Film, „Hitlerkantate“, entstand 2006, im Jahr ihrer Emeritierung. Das neue Werk, sagt Jutta Brückner, habe sie erst nach dem Tod ihrer eigenen Mutter schreiben und drehen können. Inzwischen ist sie selbst 85 Jahre alt.
Dieser zeitliche Abstand prägt ihren Film entscheidend – weniger in dem, was man sieht, als in der Art, wie es gezeigt wird. „Im Spiegel meiner Mutter“ ist unverkennbar von der Ästhetik des Frauenfilms der Siebzigerjahre inspiriert, einer Bewegung, die sich nicht nur gegen patriarchale Frauenbilder, sondern auch gegen kulturindustrielle Konventionen des Erzählens richtete. Eine Geschichte im landläufigen Sinn gibt es hier nicht, nur Assoziationen, Zeitsprünge, filmische Mosaiksteine, die sich zum Porträt einer von ungelebtem Leben innerlich vergifteten Frauenfigur zusammenfügen. Die Kunstwerke, die Ursula Scheuner mit ihren Studenten betrachtet – Botticellis „Venus“ und die steinzeitliche Venus von Willendorf, Courbets „Ursprung der Welt“ und die „Maria lactans“ von Jean Fouquet –, erscheinen wie Inbilder dessen, was der Archäologin verwehrt geblieben ist: Liebe, Sexualität, Mutterschaft. Selbst die Moorleiche ging ja mit einem Säugling in den Tod. Jetzt liegt er neben ihr auf dem Seziertisch.
Jutta Brückners Film wirkt selbst wie ein Fundstück in der planierten Landschaft des deutschen Gegenwartskinos. Man kann sich über seine sperrige Erzählweise ärgern, aber in den entscheidenden Momenten lässt er niemanden kalt. Dafür sorgt neben Corinna Harfouch vor allem die Theaterlegende Hildegard Schmahl in der Rolle von Ursulas Mutter. In den szenischen Duellen der beiden treffen nicht nur zwei Generationen von Schauspielerinnen aufeinander, sondern auch zwei verschiedene Formen filmischer Präsenz: eine, die ihre Wirkung aus dem Sprechen, und eine andere, die sie aus dem Schweigen zieht. Was ihre Haltung zum Thema des Films angeht, nimmt Harfouch allerdings kein Blatt vor den Mund: „Dieses Beschäftigtsein mit sich selbst und mit den Mutterproblemen bis ins hohe Alter“, erklärt sie im Presseheft, „ist mir fremd.“ Davon sieht man vor der Kamera zum Glück nichts.
