
Die späten Messen Joseph Haydns werden nie die Popularität seiner Oratorien „Die Jahreszeiten“ und „Die Schöpfung“ erreichen, doch die Aufnahme der „Harmoniemesse“ mit William Christie und „Les Arts Florrisants“ (harmonia mundi) zeigt, dass es diese Großwerke ohne die vorangegangenen Kirchenstücke kaum so gegeben hätte. Da sind farbenreich opalisierende Bläsersätze, verstörende Akzentverschiebungen und chromatische Durchgänge, die das harmonische Gefüge annagen oder rauchig verhängen. Gleichzeitig betont Christie durch flotte Tempi und schwingende Phrasierungen frische Mobilität: Glaubensfröhlichkeit mit weichen Schattenwürfen, manchmal auf Kosten des Szenisch-Dramatischen. Als pikante Ergänzung erscheint die ältere Kleine Orgelmesse – acht Choristen, vier Streicher nebst Orgel und das mit einer knappen Minute wohl kürzeste „Gloria“ der Musikgeschichte, erzielt durch simultan übereinandergelegte Textschichten: Originelles auf engstem Raum. Gfel
Die Braunschweiger Sängerin Britta Rex und ihr Madame Pele Project – es handelt sich nicht um den Fußballer, sondern um die hawaiianische Göttin der Blitze, des Feuers, des Windes und der Vulkane – bringt auf dem an nur einem Wochenende aufgenommenen Album „She Who Shapes the Land“ (Cattitude/Galileo) große Ansprüche mit einem fast ausschließlich weiblichen Ensemble an den Start. Drei Background-Sängerinnen, eine Gitarristin, eine Bassistin und als einziger Mann der Schlagzeuger Eddie Filipp sind dabei, wenn Rex mit elementarer Wucht ihre Songs erklingen lässt. Das klingt manchmal (ein bisschen zu?) gediegen und poppig wie in „Open Your Senses“ und erinnert im Intro zu „Dress Up“ gar an die berühmte Gong-Wisperstimme von Gilly Smith. „She Who Shapes the Land“ ist eine schöne Platte. Der emanzipatorische Anspruch – Frauen sollen Raum einnehmen, was im Widerspruch zum gleichzeitig postulierten „Was zerbricht, schafft Raum“ steht – erscheint dagegen etwas überbordend. roth
Dem ersten der drei Nocturnes op. 34 hat Louis Vierne (1870 bis 1937) die Gedichtzeile „Die Nacht hatte das Kirchenschiff umhüllt“ vorangestellt. Das Stück ist eines der großen Glockengedichte für Klavier vom Anfang des 20. Jahrhunderts neben jenen von Rachmaninow und Ravel, neuneinhalb Minuten lang, herber und bedrückender als „La cathédrale engloutie“ von Debussy, dem es ebenfalls nahesteht. Michael Schöch hat es in die erste CD einer Gesamteinspielung der Klavierwerke Viernes – Piano Works Vol. 1 (Musikproduktion Dabringhaus und Grimm) – aufgenommen, zusammen mit der herrlich rustikalen Suite bourguignonne op. 17 oder den zart verhuscht skizzierten Silhouettes d’enfants op. 43. Wie Vierne auch ist Schöch Pianist und Organist. Konturierte Artikulation und scharfe Lautstärkekontraste zählen zu den Stärken seines Spiels und Sinn für eine Poesie des Derben wie des Flüchtigen. jbm.
Unter dem Titel „You’re Not a Ghost Anymore“ (Megaforce/H’Art) bringt der amerikanische Singer/Songwriter Joseph Arthur gleich drei Alben auf den Markt. Gleich der erste Song „I Wanna Know You“ auf dem Album „Faith“ zählt zu den besten Liedern dieses spektakulären Konglomerats. Arthurs fesselnde tiefe Stimme zieht einen sofort in ihren Bann. Der künstlerische Geist liebt die Gefahr“, lässt Arthur lakonisch mitteilen – und so ist man sofort bereit, dem Musiker, der übrigens auch bildender Künstler ist, weiter zu folgen. Arthur, der vor knapp dreißig Jahren von Peter Gabriel entdeckt wurde, bringt auch auf dem zweiten Album „Heart“ und dem dritten Album „Fight“ ein Dutzend neue Songs, darunter das majestätische „Endurance“ oder die wunderschöne Ballade „Signs of Age“. Den Titel „You’re Not a Ghost Anymore“ versteht Joseph Arthur dabei als Metapher für eine Wiedergeburt: „Was du auch durchgemacht hast“, schreibt Arthur in den Liner Notes zu „Fight“, „jetzt bist du wieder unter den Lebenden, und dein Name und deine Stimme sind intakt geblieben.“ roth
