Mondwinde und Melonengurke sprießen besonders eifrig in die Höhe, aber auch die rote Feuerbohne ist schnell unterwegs nach oben. Knapp zwei Meter haben die fast 20 unterschiedlichen Kletterpflanzen am Begrünungsobjekt „Carlo“ inzwischen erreicht. Doch bis das Dach des 3,50 Meter hohen Gerüstbaus auf dem Carlo-Schmid-Platz vor dem Bockenheimer Depot vollständig begrünt ist, wird es nach Einschätzung von Produktdesignerin Nicola Stattmann wohl noch zwei Wochen dauern.
Dennoch suchen Passanten bei „Carlo“ gern nach ein bisschen Schatten und Entspannung in den heißen Augusttagen. „Eine schöne Idee“, sagt die 37 Jahre alte Bockenheimerin Katja Klein, die am Nachmittag zusammen mit ihrer Freundin Kezia Wick in der Hängematte von „Carlo“ mit Blick auf die Bockenheimer Warte chillt. „Aber das hätte schon früher kommen müssen“, fügt sie hinzu.
Probleme bei der Genehmigung von „Carlo“
Schade finden die beiden vor allem, dass das Konstrukt noch nicht genug Schatten wirft, weil auf dem Dach die Begrünung fehlt. Ein Umstand, den auch Stattmann sehr bedauert. Aber wegen Verzögerungen bei der Genehmigung des Projekts konnte sie im Frühjahr erst verspätet mit der Bepflanzung beginnen.
Der Schatten ist in diesem Rekordsommer zu einem höchst begehrten Gut geworden. Der nach dem SPD-Politiker Carlo Schmid, einem der Väter des Grundgesetzes, benannte Platz vor dem Bockenheimer Depot, etwa ein halbes Fußballfeld groß, ist eine urbane Hitzeinsel par excellence. Er gilt als einer der heißesten Plätze der Stadt, der sich an Hitzetagen mühelos auf Backofentemperaturen aufheizen kann. Dazu tragen vor allem die dunklen Betonplatten bei, mit denen der Platz durchgehend gepflastert wurde. Der Hain aus fünf kleinen Kastanienbäumen am Rand des Platzes hilft nur wenig, die Temperaturen zu dämpfen.

„Carlo“ soll jetzt nicht nur für Schatten sorgen, sondern auch zu einem Begegnungsort für Menschen werden, die ansonsten wegen der Hitze möglichst schnell dem Platz den Rücken kehren. Zugleich sollen die Kletterpflanzen Raum für Insekten bieten, um „Carlo“ zu einem kleinen Biotop zu machen.
Das Frankfurter Architekturbüro Just hat „Carlo“ – schon wegen des Zeitdrucks – ganz einfach konstruiert. Über ein aus Modulen bestehendes Baugerüst aus verzinktem Stahl sind textile Netze gespannt, an denen die Pflanzen sich hochranken. Auf den Podesten und in den Hängematten bieten sich Sitzplätze. Die Pflanzen wachsen in Gefäßen auf Substrat und Wollvlies. Darunter sind mit Wasser gefüllte schwarze Boxen, aus denen nichts versickern kann. Die Pflanzen können jedoch daraus ihr Wasser ziehen. Die Gefäße hat die Frankfurter Straßenreinigung, die FES, gerade zum zweiten Mal per Wassertankwagen gefüllt, 400 Liter reichen für einen Monat.

Es wird also wenig Wasser benötigt, besonders pfiffig an „Carlo“ ist jedoch das Kreislaufkonzept. „Hier geht nichts verloren“, sagt Projektentwicklerin Stattmann. Jeder Tropfen Wasser wird von den Pflanzen aufgesogen und dann wieder per Verdunstung zur Abkühlung an die Umwelt zurückgegeben. Im Herbst werden die zum Teil auch essbaren einjährigen Kletterpflanzen geerntet, und das Gerüst ist auch schnell wieder abgebaut. Das Grünflächenamt muss niemanden zum Rückschnitt oder zum Laubfegen schicken.
Mit dem Prototyp „Carlo“ hoffen die Initiatoren auf den Durchbruch
Stattmann hat mit ihrem Frankfurter Start-up „Office for Micro Climate Cultivation“, kurz OMC°C, fast fünf Jahre lang zu Begrünungsstrategien in den durch den Klimawandel aufgeheizten Städten geforscht. Die Firma arbeitet dabei unter anderem mit dem Senckenberg-Institut und auch mit Hochschulen zusammen. Für ein großes Frankfurter Rechenzentrum hat man eine Fassadenbegrünung entwickelt. Mit dem Prototyp „Carlo“ hofft man jetzt auf den Durchbruch bei den Kommunen, denen die Rekordtemperaturen der vergangenen Wochen mit neuer Dringlichkeit den Hitzeschutz verdeutlicht haben.
Städte wie Paris und London haben zur Begrünung unter anderem mit dem Anpflanzen von dichten Mini- und Stadtwäldern große Pläne entwickelt. In Wien und Amsterdam werden Gehwege aufgerissen, um Beete anzulegen. An Absichtserklärungen mangelt es auch in Frankfurt nicht. Doch das vor drei Jahren von der Stadt groß angekündigte Projekt, 10.000 Stadtbäume bis 2030 zu pflanzen, scheitert oft an den Realitäten. Viele Straßen kämen wegen Schächten, Kabeln, Leitungen oder Trassen für das Pflanzen neuer Bäume nicht infrage, sagte Frankfurts grüne Umweltdezernentin Tina Zapf-Rodríguez der F.A.Z. im Juli.
Frankfurter Straßen fehlt es an Grün
Anders als etwa in Berlin oder Hamburg haben aber in Frankfurt – wie zum Beispiel auch in Bockenheim – die meisten Straßenzüge keinen einzigen Baum. Umso wichtiger scheinen daher andere Formen der Begrünung und Bepflanzung, auch wenn sie nur temporär und wie ein Tropfen auf den heißen Stein sind. Die Stadt hat in diesem Jahr wieder „mobile grüne Zimmer“ – 23 an der Zahl – auf Plätzen aufgestellt.
„Carlo“ geht mit 140 Quadratmetern von der Größe und vom Anspruch deutlich darüber hinaus. 50.000 Euro hat das Objekt gekostet – die Arbeit der Organisatoren nicht mitgerechnet. Das Geld kommt vom Projekt World Design Capital (WDC), das derzeit unter finanzieller Mithilfe der Stadt und des Landes Hessen in Frankfurt organisiert wird.
Zwei seiner Begrünungsobjekte – aus Holz gebaut – hat OMC°C schon in zwei Kindergärten in Baden-Württemberg installiert. Nordrhein-Westfalen hat dieses Jahr sein Programm „Coole Schulhöfe“ massiv ausgeweitet, 1000 Schulhöfe sollen in den nächsten fünf Jahren entsiegelt und verschattet werden. Gern hätte Stattmann das auch in Frankfurt gemacht. Doch die Behörden machten nicht mit. Dass „Carlo“ dann wegen bürokratischer Formalitäten erst nach den Eisheiligen loslegen konnte, hat die Bepflanzung letztlich fünf bis sechs Wochen zurückgeworfen, sagt Stattmann. „Einige Behörden waren sehr unterstützend, andere haben lange Amtswege“, meint die Produktdesignerin diplomatisch zum Gang der Dinge.
Der Ortsbeirat hofft, dass das Begrünungsprojekt bleiben kann
Jetzt kommt „Carlo“ für Bockenheim ziemlich spät – für die Stadt könnte das Projekt aber dennoch für die Zukunft ein Zeichen setzen. Positiv vermerkt „Carlo“-Architekt Malte Just, dass es bei „Carlo“ keine Probleme wegen der Bauordnung gab. „Wir haben mit der Stadt Frankfurt ein Agreement, dass wir das antragsfrei stellen können“, sagt er. Die zuständigen Dezernate der Stadt – so die Einschätzung von Just und Stattmann – seien gegenüber dem Projekt sehr aufgeschlossen. Der Ortsbeirat ohnehin: Der möchte fraktionsübergreifend, dass das Projekt im nächsten Jahr fortgesetzt wird. Das ist aber noch nicht entschieden.
Für OMC°C ist ein Erfolg von „Carlo“ auch von großer ökonomischer Bedeutung. Inzwischen ist beim Start-up die Firma Optigrün aus Baden-Württemberg – der Marktführer für Dachbegrünungen – eingestiegen. Mit dem Know-how von Optigrün sollen kleine Projekte wie „Carlo“ von Oktober an serienreif produziert werden.
