An Mark Zuckerberg ist ein Prediger verloren gegangen. Er ist der größte Verkünder des Silicon-Valley-Kapitalismus, dessen Vertreter von Gemeinwohl und der Rettung der Menschheit reden, wenn es um ihr Geschäft geht. Mit seinem aktuellen Sermon greift Zuckerberg ins höchste Regal. Er lautet auf: „Die Zukunft ist für alle da.“
So ist das „Manifest“ überschrieben, das der Meta-Chef gerade veröffentlicht hat und mit dem er sich gegen die Konkurrenz auf dem Markt der Künstlichen Intelligenz wendet. Die rosige Zukunft will Zuckerberg jedem von uns durch das offene KI-Modell „Muse Glimmer“ bringen. Das kann sich jeder auf seinen Computer herunterladen, damit arbeiten (und hoffen, dass die Maschine unter der erforderlichen Rechenleistung nicht in die Knie geht). Wie bei der Gemma-KI von Google sollen die „Gewichte“ von „Muse Glimmer“ frei verfügbar sein, über die KI-Kollaborationsplattform Hugging Face (die kürzlich von der KI von Open AI angegriffen wurde). Die „Gewichte“ sind die trainierten Parameter, anhand derer eine KI ihr „Wissen“ produziert.
Eine „Superintelligenz“ für jeden
Nach der Vorstellung von Mark Zuckerberg soll sich so jeder seine eigene „Superintelligenz“ basteln können. Die Macht dürfe nicht in den Händen weniger, sondern müsse bei allen liegen, alles andere sei undemokratisch. Mit der KI von Meta bekomme jeder kostenlos seinen individuellen persönlichen Agenten fürs Leben: Metas „Muse“-Agent versteht uns und unsere Ziele und sorgt sich um nichts anderes als unser Wohlergehen. Er liest uns alle Wünsche von den Lippen beziehungsweise den Prompts ab und verhilft uns zu einem glücklichen Leben.
Die „Schwarzmalerei“ mit Blick auf KI verstehe er nicht, und er könne auch nicht begreifen, schreibt Zuckerberg, warum man Künstliche Intelligenz entwickelt, wenn man sie für Teufelszeug hält. Damit spielt er auf seine Konkurrenten Open AI und Anthropic an, die zuletzt wieder vor den Gefahren der KI gewarnt und eine strenge staatliche Kontrolle gefordert haben. Von Risiken der KI ist bei Zuckerberg keine Rede, nach seinem Dafürhalten gibt es sie offenbar nicht. Alle Menschen erhielten unbegrenzte Möglichkeiten, ihre Ideen auszudrücken; schon seine acht Jahre alte Tochter sei in der Lage, ihre Ideen „zu codieren“ und an einem Abend Videos zu produzieren, die ihn früher Monate gekostet hätten oder unmöglich gewesen wären. Den Fortschritt in Wissenschaft und Wirtschaft bekomme jeder Einzelne mit seiner KI in die Hand, verspricht Zuckerberg – alles wird gut.
Worum es wirklich geht, schreibt Zuckerberg nicht
Worum es tatsächlich geht, davon schreibt der Meta-Chef in seinem „Manifest“ selbstverständlich nicht. Sein Konzern ist bei der KI-Entwicklung trotz Milliardeninvestitionen hintendran, zurzeit machen – noch – Open AI und Anthropic das Rennen, aus China drängen DeepSeek, Moonshot und Alibaba mit offenen KI-Modellen auf den Markt, auf dem Meta nur Land gewinnt, wenn geschieht, was Zuckerberg als Segen für die Menschheit ausgibt: dass sämtliche staatliche Kontrolle und Regulierung von KI entfällt, die US-Anbieter insbesondere gegenüber der Konkurrenz aus China benachteilige. Als Köder für die Öffentlichkeit legt Meta noch einen Fonds von einer Milliarde Dollar auf, um Gemeinden zu unterstützen, in denen die Rechenzentren des Konzerns laufen. Damit gedenkt Zuckerberg offenbar, den wachsenden Unmut über die klimaschädigenden Energiefresser zu besänftigen. Er hat an alles gedacht.
Doch während er uns dergestalt die schöne neue Welt der Zukunft ausmalt, hat Richter Bryan Biedscheid in New Mexico in der vergangenen Woche ein Urteil über die nicht ganz so schöne Gegenwart des Digitaluniversums von Meta gefällt. Wegen fehlenden Kinder- und Jugendschutzes auf seinen Plattformen muss Meta 567 Millionen Dollar Strafe zahlen. Facebook und Instagram dürfen laut Gerichtsbeschluss Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren zwischen 22 Uhr abends und sieben Uhr morgens keine automatischen Nachrichten mehr schicken, in der Schulzeit auch zwischen acht und 15 Uhr nicht. Bei 90 Stunden Nutzung pro Monat ist Schluss, „Likes“ werden nicht mehr angezeigt.
Das Design der Social-Media-Dienste von Meta sei bewusst schädigend angelegt, sie trügen erheblich zu psychischen Krisen junger Menschen bei, Facebook, Instagram und Whatsapp seien für eine „Störung der öffentlichen Ordnung“ verantwortlich und belasteten die Gesellschaft, so Richter Biedscheid. Das Strafgeld soll in einen Fonds fließen, der die psychische Gesundheit von Kindern unterstützt. Gegen den Beschluss hat Meta selbstverständlich Berufung angekündigt. Muss man noch beschreiben, wie die von der KI dieses Konzerns gemachte Zukunft aussieht?
