Die Revolutionäre kommen barfuß und strahlen vollkommene Gelassenheit aus. David Åhman und Jonatan Hellvig, beide 24 Jahre alt, wirken wie Beachboys auf Dauerurlaub. Doch nicht Entschleunigung, sondern Risikofreude und Leistungswille bestimmen ihr Leben. Mit ihrer ebenso rasanten wie mutigen Spielweise haben sie ihre Sportart auf eine neue Ebene gehoben.
Zu den Beachvolleyball-Europameisterschaften 2022 in München tauchten die jungen Schweden, damals 20 Jahre alt, zum ersten Mal bei einem internationalen Großereignis auf. Und unmittelbar war es um die Szene geschehen. Die Field-Moderatorin erklärte sich für „schockverliebt“ und traf damit den Nerv des Publikums am Königsplatz. Die Konkurrenz war eher geschockt als verliebt.
Vier Jahre später treten der blonde, wild verwuschelte David Åhman und der etwas zurückhaltender wirkende Jonatan Hellvig als Olympiasieger von Paris 2024 und Weltmeister von Adelaide 2025 bei der Europameisterschaft vom 12. August an in Stare Jablonki (Polen) als Favoriten an. Sie gelten noch immer als Maßstab im Männer-Beachvolleyball – auch wenn sie von ihren noch jüngeren Landsleuten Jacob Hölting Nilsson, 20, und Elmer Andersson, 21, derzeit in der Weltrangliste auf Rang zwei verdrängt wurden.
Die Ersten, die durchgehend so gespielt haben
„Wir hatten einen anderen Spielstil“, erklärt Jonatan Hellvig vier Jahre nach der „Münchner Revolution“ im Gespräch mit der F.A.Z. Hellvig erinnert sich gerne an das Turnier im Rahmen der European Championships, das die Jünglinge als Europameister beendeten. „Die Leute hatten so etwas vorher noch nicht gesehen – und wir waren die Ersten, die wirklich durchgehend so gespielt haben.“
Nicht der klassische Volleyball-Dreiklang aus Annahme, Zuspiel und Angriff, oft von den Zuschauern mit den typischen Zurufen – „eins, zwei, bumm“ – begleitet, charakterisierte ihre Spielweise. Stattdessen agieren sie schon aus der Annahme heraus angriffslustig. Der erste Kontakt fungiert zugleich als Zuspiel. Danach entscheidet der fliegende Mann am Netz, ob er unmittelbar angreift oder mit dem „Jump Set“ zurückpasst – was für Verwirrung auf der gegnerischen Abwehrseite sorgt, da der Blocker nicht wissen kann, wen er am Angriff hindern muss.
Diese Spielweise erfordert neben exzellenter Fitness, explosiver Sprungkraft, außergewöhnlicher Reaktionsschnelligkeit und perfekter Technik auch ein hohes Maß an Risikobereitschaft und ein nahezu blindes Spielverständnis untereinander. „Wenn wir unser bestes Spiel zeigen, ist es wirklich schwer zu verteidigen – es funktioniert also nach wie vor sehr gut“, sagt Åhman.
Und es hat sich durchgesetzt: „Jetzt sieht man das immer öfter – man könnte also durchaus von einer Revolution für den Sport sprechen“, sagt Hellvig.
Als Väter des „Swedish Jump Sets“ gelten die Trainer Rasmus Jonsson und Anders Kristiansson, die das System mit Åhman/Hellvig einzustudieren begannen, als die beiden 17 Jahre alt waren. Der Anfang war nicht ganz einfach. Åhman erinnert sich an Phasen, in denen sie sich „überwinden“ mussten. „Manchmal haben wir uns nicht getraut, den ersten Kontakt mutig zu gestalten und unseren Stil durchzuziehen, und deshalb haben wir einige Spiele verloren.“
Diese Vorsicht haben sie abgelegt: „Man muss ein gewisses Risiko eingehen, um damit gut zu spielen.“ Höhepunkt ihrer Schaffenskraft war bisher das ikonische Olympiafinale unter dem Eiffelturm, als sie den beiden eher klassisch agierenden Deutschen Nils Ehlers und Clemens Wickler mit 21:10, 21:13 keine Chance ließen.
Mittlerweile haben Åhman/Hellvig schon Konkurrenz im eigenen Lager bekommen. Jacob Hölting Nilsson und Elmer Andersson vertrauen denselben Trainern und agieren im gleichen Stil. „Ich glaube, sie haben viel von uns gelernt“, sagt Hellvig: „Wir haben immer richtig gutes Training und versuchen, uns gegenseitig noch weiterzubringen.“

Vor der schwedischen Epoche galten die Norweger Anders Mol und Christian Sørum als Goldstandard auf der World Tour. Die „Spiking Vikings“, Olympiasieger von Tokio, Weltmeister 2022 und fünfmalige Europameister, bauten ihre Dominanz auf außergewöhnlichen Defensivleistungen und mentaler Stärke auf. „Wenn es auf einen entscheidenden Punkt ankommt, gewinnen sie fast immer“, sagt Åhman. Natürlich könne man sich auch bei ihnen etwas abschauen, erklärt Hellvig. „Aber es sind eben andere Spieler, die nicht so spielen wie wir; daher ist es schwer, sie einfach zu kopieren.“
Als entscheidenden Faktor für ihre eigene Stärke sehen sie ihr exzellentes Verständnis füreinander an. „Wir haben auf dem Spielfeld so gewisse Zeichen und Signale“, sagt Åhman, ohne zu verraten, welche dies sind. „Ich glaube, es ist viel besser, wenn man schon eine ganze Weile zusammenspielt. Man weiß wirklich, wo der andere auf dem Feld steht; ich weiß, wie Jonatan seine Zuspiele haben will, und er weiß, wie ich meine mag – und ja, man bekommt einfach ein besseres Gefühl füreinander.“
Auch außerhalb verstehen sich die beiden gut genug, um ihr „Leben am Strand“ noch immer zu genießen. „Wir spielen seit 2018 zusammen und reisen um die Welt, teilen uns das Hotelzimmer und alles Mögliche; wir kennen uns also so gut, dass es nie ein Problem ist“, sagt Åhman: „Wenn wir uns mal übereinander ärgern, dauert das nur ein paar Stunden, und dann sind wir wieder Freunde.“
