Sonntag Vormittag im Kinopolis in Hanau, in Saal 7 ist so gut wie jeder Platz besetzt. Erst begrüßen die Filmemacherinnen das Publikum, dann spricht der Redakteur vom Hessischen Rundfunk, der den Dreh betreut hat. In der dritten Reihe sitzen fünf junge Männer, Piter, Rob, David, Moritz und Chris, die darauf warten, dass es endlich losgeht. Die drei Folgen einer ARD-Serie, die gleich gezeigt werden, erzählen aus ihren Leben, vom großen Traum, als Kampfsportler Karriere zu machen.
„Fight House“ ist der Titel der Miniserie, die von diesem Dienstag an in der ARD-Mediathek läuft. Gut sechs Monate hat die Frankfurter Filmproduktion YNT mit den Kampfsportlern gedreht, nun sehen die jungen Männer die fertige Dokumentation zum ersten Mal. Es ist ein Film mit viel Tempo, Rapmusik und starken Bildern, nah dran an den Protagonisten. Er nähert sich einer Szene, die gerade Jugendliche derzeit enorm fasziniert: Mixed Martial Arts, kurz: MMA, gilt als der brutalste und gefährlichste Kampfsport.
Er verbindet Boxen, Kickboxen, Karate, Ringen, Judo, Brazilian Jiu-Jitsu und Muay Thai, erlaubt ist beim Kampf in einem Käfig so gut wie alles. MMA-Kämpfer füllen mit ihren Auftritten Arenen und Stadien, die Social-Media-Plattformen helfen ihnen dabei, zu globalen Stars aufzusteigen. Von einer Karriere als durchtrainierter Kämpfer träumen viele. Nur ganz wenige können davon wirklich gut leben.
Sechs Freunde von Minnemann wurden in Hanau getötet
Im Zentrum des Films steht der 25 Jahre alte Piter Minnemann aus Hanau. Er ist noch neu in der Szene, bereitet sich auf seinen ersten Amateurkampf vor. Man sieht ihn im Studio in Stockstadt, wo er trainiert, die Kamera folgt ihm, wie er durch die Straßen von Hanau zieht. Seine Brüder Rob und David trainieren schon länger im MMA-Gym, sie werden bald ihre ersten Profikämpfe haben. Anders als Piter stehen sie fest im Leben. Sie haben feste Jobs, David ist vor Kurzem zum ersten Mal Vater geworden.

Piter Minnemann dagegen strauchelt durchs Leben. Immer wieder hat er Ärger mit der Justiz, mit der Polizei. Das hat viel mit dem rassistischen Anschlag vom 19. Februar 2020 in Hanau zu tun. Ein Rechtsextremist erschoss an dem Tag an zwei Tatorten in Hanau neun junge Menschen mit Migrationshintergrund, bevor er seine Mutter und sich selbst tötete. Ein weiteres Opfer starb in diesem Januar an den Spätfolgen des Attentats.
„Die Welt war schön, jetzt ist sie hässlich“
Piter Minnemann war in der Arena Bar in Hanau-Kesselstadt, als der Täter dort das Feuer auf die jungen Menschen eröffnete. Dass er von den Schüssen nicht getroffen wurde und überlebte, war reiner Zufall. „Ich habe sechs meiner besten Freunde verloren“, beschreibt Minnemann in der Dokumentation, was in dieser Nacht passierte. „Die Welt war schön, jetzt ist die Welt hässlich.“ Der Anschlag hat ihn mächtig aus der Bahn geworfen.

Nach der Tat sprach Minnemann mit vielen Medien wie dem „Spiegel“ oder der „Zeit“, kritisierte die Ermittlungen und den Umgang mit den Opferfamilien. Interviews gab er aber auch islamistischen Influencern. Der Überlebende wurde zu einem bekannten Gesicht. Und hatte sich oft nicht unter Kontrolle. Als er einen Instagram-Post zum Gazakrieg weiterverbreitete, in dem Israelis mit Nazis verglichen werden, nahm die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen ihn auf. Den Vorwurf, er habe Judenhass propagiert, nennt Minnemann in der ARD-Doku „absoluten Schwachsinn“. Ihm sei es darum gegangen, auf das Leid der Menschen in Gaza hinzuweisen, verteidigt er sich.
Sehr offen spricht er auch über eine Schlägerei, bei der er einen Mann brutal angegriffen hat. „Da ist mir der Faden durchgerissen“, sagt Minnemann und nennt das Ganze eine „Kurzschlussreaktion“. Dem Fünfundzwanzigjährigen droht deshalb eine Haftstrafe, noch ist keine endgültige Entscheidung gefallen.
Minnemann will mit seiner Vergangenheit abschließen, einen Neuanfang schaffen: Das macht die Dokumentation über ihn und die anderen MMA-Kämpfer deutlich. Im Kampfsport sehen die Männer einen Ausweg, erhoffen sie sich einen Weg nach oben. „Das ist das Ziel, das Geld, ein besseres Leben, ein schönes Leben, ein schönes Haus, schönes Leben, schöne Familie, Unbeschwertheit“, sagt Minnemann in der Serie.
Die MMA-Kämpfer bekommen viel Raum für ihre Geschichten
Dass die MMA-Kämpfer sich gegenüber dem Filmteam geöffnet haben, dass sie so ungeschminkt und ehrlich über ihre Wünsche, Ängste und auch über Rückschläge berichten, ist die große Stärke von „Fight House“. Die Autorinnen Kathi Liesenfeld und Andrea Schäfer werten oder deuten dabei nicht, sondern geben den Protagonisten Raum, sie lassen die O-Töne für sich sprechen. Und sie zeigen eine Szene, deren Rituale oft irritieren: die Faszination für die Gewalt, das Martialische, der raue Ton der Männer. Kann dieser Kampfsport einen wie Piter Minnemann wirklich retten? Diese Frage stellt man sich, während die Dokumentation im Hanauer Kino läuft.
Der Applaus nach der Vorführung ist laut und ausdauernd. Verwandte, Freunde und Bekannte fallen den MMA-Kämpfern um den Hals, im Foyer des Kinos stehen später viele noch lange beisammen. Die Männer, die in der Serie porträtiert werden, sind zufrieden. „Sehr, sehr krass“, nennt sie Chris Lo, der Trainer aus dem Gym in Stockstadt die Dokumentation. „Meine Erwartungen wurden wirklich übertroffen.“
Und was sagt Piter Minnemann? Ist es ihm schwergefallen, wieder über den Anschlag zu sprechen, dem sechs seiner Freunde zum Opfer gefallen sind? „Er ist ein Teil meiner Geschichte, der nicht ausradiert werden kann, das gehört dazu, das muss erzählt werden“, antwortet er. Jetzt aber will er erreichen, dass man ihn als Sportler wahrnimmt. „Ich gehe weiter, ich gucke nach vorne, das Leben hört nicht mit einem tragischen Ereignis auf“, sagt Minnemann. „Man muss immer Vollgas geben und an sich glauben.“
„Fight House“ wird am 11. August in der ARD-Mediathek veröffentlicht. Im HR-Fernsehen läuft die Miniserie am 24. August, 22 Uhr.
