
Die Reise nach Washington ist für jeden neuen britischen Außenminister die vornehmste Pflicht. Das gilt erst recht, seitdem das Vereinigte Königreich vor fünf Jahren die Europäische Union verlassen hat, und es gilt auch dann, wenn der neue Ressortchef im Foreign Office den amerikanischen Präsidenten einst als „rassistischen, frauenfeindlichen, bekennenden Grapscher“ bezeichnet hat. Diese frühere Einschätzung hat Edward Miliband bei seinem ersten Treffen mit dem amerikanischen Außenminister Marco Rubio weggelächelt – es blieben ohnedies noch genügend ernste bilaterale Themen jenseits der „special relationship“, des besonderen Bandes zwischen beiden Nationen.
Miliband ist vom neuen britischen Premierminister Andrew Burnham mit einer wichtigen Rolle, aber nicht mit dem wichtigsten Ressort betraut worden. Das wäre das Schatzamt, also das Finanzministerium gewesen, wo der zum Flügel der „weichen Linken“ seiner Partei zählende einstige Labour-Chef Miliband womöglich Phantasie entwickelt hätte, um den Rahmen der ohnehin hohen britischen Staatsverschuldung noch ein bisschen weiter zu ziehen.
Londoner Labour-Aristokratie
Stattdessen findet sich der jüngere der beiden Milibands nun ausgerechnet in jenem Ressort wieder, das vor knapp zwei Jahrzehnten sein Bruder David innehatte, der als Außenminister im Kabinett Gordon Browns diente und der, nach Browns Niederlage und Rückzug vom Labour-Parteivorsitz, als der favorisierte Kandidat für dessen Nachfolge galt, bis ihm Edward erfolgreich diese Aussicht zunichtemachte.
Die Milibands zählen zur Aristokratie des Londoner sozialistischen Labour-Milieus. Ihr Vater Ralph war ein marxistischer Theoretiker, beide Eltern stammten aus dem polnischen Judentum. Auch Edward gehörte zum Kabinett Brown; er kümmerte sich damals dort um Energie und die Folgen des Klimawandels. Nach seiner Zeit als Parteichef, seiner Wahlniederlage gegen David Cameron bei der Unterhauswahl 2015 und dem Rücktritt als Labour-Vorsitzender verbrachte er lange Jahre auf den Hinterbänken der Opposition und kehrte 2024 in sein altes Ressort zurück. Sein Widerstand gegen neue Öl- und Gasbohrungen in der Nordsee und gegen Fracking auf britischem Boden machten ihn alsbald in Amerika zur Zielscheibe der fossilen MAGA-Lobby.
Deren Misstrauen hat er mit seinem ersten offiziellen Besuch in Amerika nicht ganz beseitigen können, auch wenn Miliband sich um Gesten des guten Willens bemühte. Es sei „eine warme, produktive Begegnung“ gewesen, sagte er über sein Gespräch mit Rubio. Offen ist, ob er bei seinem Besuch auf der amerikanischen Seite des Atlantiks auch die Gelegenheit wahrnahm, seinen Bruder zu treffen, der von New York aus die humanitäre Hilfsorganisation International Rescue Committee leitet und in vielfältigen Rollen außenpolitische Beratung anbietet.
