
Von allen wichtigen Volkswirtschaften ist keine in den vergangenen knapp zehn Jahren so langsam gewachsen wie die deutsche. Sogar Europa schneidet im Vergleich besser ab als Deutschland, obgleich sich auch Europa im globalen Vergleich nicht als dynamische Wachstumsregion zeigt.
Die Schwächen sind seit Langem bekannt: Der Rückstand in der Digitalisierung hemmt das Produktivitätswachstum, die politische Polarisierung erschwert notwendige Reformen, und Uneinigkeit in Europa erschwert notwendige Reaktionen auf das schwierige geopolitische Umfeld.
Zweifel am Mittleren Osten seit dem Kriegsausbruch
Und doch erreichen die Aktienkurse auch in Europa und in Deutschland historische Höchststände, wobei viele andere Börsen noch besser abschneiden als die deutsche. Die Hausse mag abwegig erscheinen, ist es aber nicht.
Viele internationale Großanleger, die einen erheblichen Teil ihrer Mittel in den Vereinigten Staaten angelegt haben, suchen angesichts der sehr hohen Bewertung amerikanischer Technologieaktien und der irrlichternden Politik Donald Trumps nach Möglichkeiten, einen Teil ihrer Mittel in andere Regionen umzuschichten.
Sehr viele attraktive Anlageziele existieren nicht. Bis zum Frühjahr wurde häufig der Mittlere Osten als vielversprechend bezeichnet, aber seit dem Kriegsausbruch gilt diese Einschätzung nicht mehr.
Ausländisches Geld fließt nach Deutschland
Schon seit Monaten erzählen international erfahrene Bankiers, Deutschland werde im Ausland nicht so kritisch gesehen wie von den Deutschen. Die Schwierigkeiten traditionell wichtiger Industrien wie des Fahrzeugbaus und seiner Zulieferer oder der Chemieindustrie bleiben natürlich auch internationalen Anlegern nicht verborgen.
Aber neben diesen für die deutsche Wirtschaft insgesamt immer noch sehr bedeutenden Wirtschaftszweigen arbeiten viele schon erfolgreiche oder für die Zukunft erfolgversprechende Unternehmen.
Manche sind an der Börse notiert, andere befinden sich noch nicht in diesem Stadium. Immer wieder wird Helsing als ein Beispiel für ein die internationalen Kapitalgeber anziehendes Start-up genannt, aber das Münchener Unternehmen ist längst kein Einzelfall.
Sehr gut ausgebildete Mitarbeiter, unternehmerischer Wagemut und ein Wirtschaftsstandort, der neben Schwächen immer noch Stärken besitzt, gehören ebenso zu einem Deutschland, das mehr zu bieten hat als leidende Traditionsunternehmen.
