Populistische Kräfte von innen und autoritäre von außen fordern die Demokratie heraus, drohen das Erreichte zu zerstören. Diese allenthalben hörbaren Klagen treffen bei Lars Behrisch auf Unverständnis. Er spricht nicht von der einen Idee der Demokratie, noch vertraut er auf eine ideelle Reformulierung, um ihr Erbe zu fassen und zu schützen. Aus seiner Sicht haben wir es mit einer Vielzahl unterschiedlicher Demokratien zu tun, die auf je eigene Weise zwei Stränge politischen Denkens und politischer Praxis verknüpfen, nämlich Partizipation und Gleichheit. Den Vorgang der Vermittlung der konträren Logiken dieser beiden Stränge will Behrisch im Bild der Doppelhelix einfangen.
Die modernen Demokratien sind nicht aus dem Nichts entsprungen und die Stunde ihrer Geburt war auch nicht die Atlantische Revolution, also die Revolutionen in Amerika und Frankreich am Ende des 18. Jahrhunderts. Sie war es schon deshalb nicht, weil die Revolutionäre gar nicht motiviert waren von dem Wunsch, die Idee der Demokratie zu verwirklichen. Auch haben Amerika und Frankreich auf sehr unterschiedliche Weise Partizipation und Gleichheit miteinander verbunden, wobei die Verbindungen auch nicht mit den Verfassungen von 1787 oder 1791 an ihr Ende kamen.
Praktische Notwendigkeiten führten zur Demokratisierung
Behrisch will zeigen, dass die Dynamik der Demokratisierung bereits lange vor dem 18. Jahrhundert einsetzte. Nicht die unaufhaltsame Überzeugungskraft der Idee der Demokratie lenkte die Akteure und verhalf der Demokratie zum Durchbruch gegen feudale Widerstände; es waren vielmehr praktische Notwendigkeiten, welche zur Umsetzung von grenzüberschreitenden Ideen in konkrete Praktiken führten.

Der Autor geht dazu bis in die Frühe Neuzeit zurück. Schweden, Litauen, Spanien, die Niederlande, die Schweizer Föderation, England und Frankreich, aber auch Russland und das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, ferner das koloniale Amerika des 17. und 18. Jahrhunderts dienen dem Behrisch dazu, Prozesse des politischen Wandelns als Ergebnis gegenseitigen Lernens aufzufassen. Der Motor dieser Demokratisierung war der Wettbewerb einer nie aussetzenden Anpassung an Kontextbedingungen und von anhaltenden Neujustierungen des Verhältnisses von Partizipation und Gleichheit. Diese beiden Stränge bedürfen einer ständigen Justierung, weil sie in einem spannungsgeladenen Verhältnis zueinander stehen.
Der machtpolitische Wettbewerb innerhalb der vielgestaltigen Welt politischer Ordnungen des alten Europas führte zur Ergänzung der feudalen Machtzentren um repräsentative Institutionen wie, allen voran, Parlamenten. Machtpolitische Ambitionen, nicht abstrakte Gleichheitsforderungen, initiierten die entstehenden Repräsentationsorgane. Sie waren Elitenprojekte und folgten der Logik der Effizienz ihrer Beteiligung an der Macht. In gewisser Hinsicht spiegelten diese Versammlungen auch die – in traditionalen Gesellschaften relativ fest verankerten – Ungleichheiten in der Bevölkerung.
Gleichheit gegen Partizipation
Die gleichzeitig entstehenden Ideen individueller Gleichheit forderten diese Praktiken heraus, damals wie heute, sie haben aber nie Ungleichheiten zum Verschwinden gebracht, sondern diese nur gewandelt. Gerade die radikale Idee individueller Gleichheit tendiert aus Behrischs Sicht sogar dazu, Eliten die Möglichkeit zu geben, fortschreitende Partizipationsbedürfnisse zu unterlaufen. Denn individuelle Gleichheit kann zwar feudale Ungleichheiten überspielen, aber oft nur mithilfe von kollektivistischen Konstruktionen wie der Nation oder dem Volk. Dann sind aber alle Individuen außerhalb der Nation oder des Volkes ungleich. Aus der Deutung dieser Kollektive können Eliten freilich schließen, was zu tun ist, und bedürfen hierzu keiner breiten Partizipation, sondern nur nachholender Zustimmung.
Politische Partizipation führt also unweigerlich zur Ungleichheit oder spiegelt sie, radikale Vorstellungen von Gleichheit machen politische Partizipation am Ende überflüssig. Hier kann es aus Behrischs Sicht keine einseitige Lösung zugunsten des einen oder anderen Stranges geben. Die Lösung besteht allein im permanenten Ausgleich.
Daher kam die Demokratie nicht am Ende des 18. Jahrhunderts zum finalen Durchbruch, sondern löste eine heftigere Dynamik fortschreitender Demokratisierung aus. Die Demokratie ist aus Sicht des Autors ohnehin nie zu einem Ende gekommen, und man muss daher auch heute nicht beklagen, dass ihr Erbe bedroht ist. Wie Behrisch abschließend hervorhebt, hält der Wettbewerb vielmehr weiter an. Die Demokratien müssen sehen, ob sie die Probleme, welche die Plausibilität populistischer und autoritärer Alternativen hervorgerufen haben, besser bewältigen können oder nicht.
Krise der Demokratie?
Der Blick in die protodemokratischen Praktiken des alten Europas ermuntert dabei, diesen Prozess nicht allein anhand abstrakter Ideen zu bewerten, sondern als anhaltende Anpassungsprozesse. So gesehen war die Annahme, wir hätten es je schon mit einem einheitlichen Modell westlicher Demokratie zu tun, ein Fehlschluss. Nicht die Unterschiede und Abweichungen sind erklärungsbedürftig, sondern die Gemeinsamkeiten.
Ob Behrisch sich einen Gefallen getan hat, sein Modell des Prozesses der Demokratisierung mithilfe des Modells der DNA und ihrer Doppel-Helix-Struktur zu veranschaulichen, ist fraglich, denn es taucht auch den Gedanken des Wettbewerbs, der ihm so wichtig ist, in ein neodarwinistisches Licht. Dabei geht es dem Autor weder um biologistische noch um essentialistische Muster, sondern um kontextgebundene Lernprozesse, die mit unterschiedlichsten, manchmal auch zufälligen Umständen zu kämpfen haben.
Es wäre dringend geboten, das von Behrisch vorgestellte Modell des Wettbewerbs über den von ihm untersuchten Zeitraum (von der Frühen Neuzeit bis in das beginnende 19. Jahrhundert) hinaus fortzusetzen. Dann erscheinen Vorkommnisse wie der Brexit oder die Wandlung alter Demokratien wie die USA zu einem „Rogue State“ (Robert Kagan) nicht als furchterregende Disruptionen, sondern als ertragreiche Chancen des Lernens. Immerhin kann Lernen auch bedeuten, etwas nicht nachzuahmen. Es werden vermutlich nicht alle heutigen Demokratien gleichzeitig undemokratisch werden, wogegen heute nichtdemokratische Länder sich demokratisieren können, dies aber vielleicht auf Weisen, die so manchem Beobachter fremdartig erscheinen mögen.
Lars Behrisch: „Democracy’s Double Helix“. Participation, Equality and Revolution in Early Modern Europe. Cambridge University Press, Cambridge 2025. 346 S., geb., 42,38 €.
