„Ich habe einen gefrorenen Onkel.“ Eines Tages beim Frühstück in Paris lässt Minkyung, die aus Südkorea stammende Freundin des Autors, diesen Satz und damit ihn aus allen Wolken fallen. Und sie fährt in schillernder Sprache fort: „Er ist um 1970 in Toronto gestorben. Man hat ihn irgendwann nachts gefunden, eingefreezed, vom Frost gedeaded.“
Das „Cold Case“ betitelte Buch des 1974 geborenen Franzosen Alexandre Labruffe ist eine tragikomische Spurensuche von drei Generationen koreanischer Auswanderer vor der Folie der Leidensgeschichte ihrer Heimat im zwanzigsten Jahrhundert – zwischen japanischer Kolonialzeit, Armut und Diktatur nach dem Koreakrieg und Schattenseiten des Wirtschaftswunders. Der Roman ist teils Detektiv-, teils Liebesgeschichte, Autofiktion und Geschichtsbuch, ein Mix aus Prosa und Gedichten, Post-its und Zeitungsartikeln.

Zu Labruffes Einflüssen zählen neben Marguerite Duras und Alain Robbe-Grillet die Japaner Ryū Murakami und Haruki Murakami. Oft gegen den Willen von Minkyungs Familie begibt sich sein Erzähler auf die Spur des Onkels, der ein blinder Fleck der Familie ist. „Wozu mit dem Messer in der Wunde bohren?“, fragt Minkyungs Mutter den Erzähler, und der konstatiert: „Das Messer ist meine Feder. Die Wunde euer Schweigen. Der Schmerz: ein starkes Schlafmittel.“
Der Großvater, eine patriarchalische Figur, ist 1938 wie etwa 1,4 Millionen Koreaner auf der Flucht vor Armut und Enteignung und trügerischer Glückssuche ausgewandert: in den japanischen Marionettenstaat Mandschukuo (heute in Nordostchina) und danach bis 1945 nach Japan selbst. Anfang der Siebzigerjahre schickte er seine drei in Korea geborenen Söhne los, um seinen unerfüllten Traum zu leben, auf Stellvertreterkarrieren nach Kanada. Die waren wiederum Teil einer Welle von mehr als 18.000 Koreanern, die zwischen 1970 und 1980 dorthin emigrierten. Ein Großteil begab sich nach der Ankunft „unter den Schutz einer Glaubensgemeinschaft, nicht selten die Vereinigte Kirche von Kanada“. Der Roman entspinnt sich um den ominösen Tod des mittleren Sohnes, Minkyungs Onkel Sang-young, der erst Wochen nach seiner Flucht aus einer Psychiatrie erfroren aufgefunden wurde. Der Großvater hatte daraufhin die Rückkehr der verbliebenen beiden Söhne nach Korea angeordnet.
Koreanische Mechanik der Schwermut
Leitmotive des Autors sind wie bei Duras oder auch in Han Kangs „Die Vegetarierin“ die Verrücktheit und das Schweigen. Sie umfingen Minkyungs Vater bald nach dem tragischen Tod des Bruders in Toronto und der Rückkehr nach Korea, wo er noch eine Zeit lang in der Ölbranche arbeitete. Auch er findet sich in einer psychiatrischen Anstalt wieder und ist damit Teil einer Welle: „Von 1985 bis 1995 stiegen die Kapazitäten der südkoreanischen Psychiatrien um 4156 Betten auf 22786 Betten … Der Selbstmordrate entsprechend begleiteten die Einweisungen das wirtschaftliche Wachstum mit Riesenschritten.“
Das Buch ist zugleich Roman noir und absurde Komödie in drei Akten. Der erste Teil baut auf das Gedächtnis familiärer Erzählungen, der zweite auf Fakten der Recherche in Torontos Zeitungsarchiven und der dritte auf spirituelle Suche unter Konsultation einer Schamanin. Zwischen den Zeilen gibt das Werk Einblicke in koreanische Phänomene wie Megachurches, Heiratsdruck, Trinkkultur oder das Konzept des „Han“ als Wehmut und Koreas „Mechanik der Schwermut“. Labruffe ergeht sich in Gedanken über Exil und Asyl als Begleiterscheinung der koreanischen Moderne: so über den Schmerz, für den es „kein Exil“ gebe, über „Verrückte“ als Entfernte und Exilierte im eigenen Land, Träume und Projektionen in die Neue Welt, die Traumata, Teilungen und Schizophrenien der familiären und kollektiven Geschichte.
Die Auswandererbiographien (Minkyung steht dabei für die dritte Generation) repräsentieren im hochkompetitiven Korea auch eine „Metaphysik des Scheiterns“. Herzzerreißend ist die Szene, in der Labruffe die letzten Augenblicke des in einem Lüftungsschacht aufgefundenen Onkels imaginiert: „Er wusste, dass er auf dieser fremden Erde sterben würde, fern seiner Wurzeln, seines Stammbaums.“
Und doch handelt es sich bei dieser bezaubernden interkulturellen Liebesgeschichte um ein kreatives Wandeln über Abgründe des Seins („Das Entscheidende an dieser Geschichte ist der Einsturz. Der erlittene Einbruch. Die erkannten, noch brennenden oder versteinerten, Ruinen … Aber wir, Minkyung, wir stehen noch!“) und um eine heilende Psychogenealogie Koreas: „Das Entscheidende daran ist die Verwandlung, glaube ich. Was man wohl Aurora nennt, Morgenröte, Erwachen.“ Lyrisch, kreativ und mit tragikomischem existentialistischem Drive ist Labruffes „Cold Case“ ein ebenso morbider wie liebenswürdiger Roadtrip zwischen Kulturen und Kontinenten.
Alexandre Labruffe: „Cold Case“. Roman. Aus dem Französischen von Frank Sievers. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2026. 192 S., geb., 24,– €.
