Karlheinz ist Kult. Aber in erster Linie ist Karlheinz an diesem Morgen nicht da. Und das, obwohl der weiße Schwan sonst wie selbstverständlich seine Runden über den Kasteler Strand dreht. Dort wartet er auf die ersten Besucher, die sich in den Liegestühlen niederlassen. Den Kopf legt er dann schief. Es ist sein Brezel-bettel-Gesicht, das er über all die Jahre perfektioniert hat und das seine Wirkung nie verfehlt.
Karheinz lebt von Laugenteig und Bewunderung. Und er mag es nicht, wenn ihm die Show gestohlen wird. Wenn das Fernsehen auftaucht, ist er normalerweise nicht weit. Dann zieht er seine Bahnen, angestrengt gegen die Strömung anpaddelnd und trotzdem um Anmut bemüht. Wenn er aber ahnt, dass die Aufmerksamkeit nicht ihm gelten wird, straft er all jene, die auf eine schöne Aufnahme hoffen, mit Abwesenheit.
Was für eine Fehleinschätzung, was die Aufmerksamkeitsverteilung angeht. Denn der, auf den alle hier warten und auf den die Kamera gerichtet ist, schafft etwas, was nicht vielen Moderatoren gelingt. Er überlässt das Rampenlicht denen, die er trifft. Und auch einen eitlen Schwan hätte er strahlen lassen, wäre er denn vorbeigekommen. hr-Moderator Tobias Kämmerer ist wieder unterwegs, um hessische Städte neu zu entdecken und Menschen und manchmal auch Tiere vorzustellen, die ihre Heimat prägen. Karlheinz hätte das wissen können, wäre er nicht mit Brezel-Suchen und Schau-Schwimmen beschäftigt.
Die, die sich seit 25 Jahren für den Schwan verantwortlich fühlt, kennt das Format „Tobis Städtetrip“ gut. Und sie nutzt die Chance, die sich durch die Sendezeit ergibt, mit einem sich hartnäckig haltenden Gerücht aufzuräumen. „Wiesbaden und Mainz sind unheimlich zusammengewachsen“, sagt Andrea Kau.
Die Mainzer Gastronomin betreibt gemeinsam mit ihrem Mann auf der Wiesbadener Seite die Bastion Schönborn, ein Restaurant mit angrenzendem Strand direkt am Rhein. Jeden Morgen spaziert sie von der einen Landeshauptstadt, Mainz, über die Brücke in die andere, um den Strand, das Restaurant und den dazugehörigen Ausschank zu öffnen. Ein bisschen sei es hier wie im Urlaub – und doch harte Arbeit, sagt sie. Der Strand will hergerichtet, die Gäste wollen bewirtet, Schwan Karlheinz und seine Eitelkeiten gepflegt werden. Sogar einen eigenen Wein haben sie dem eitlen Federvieh gewidmet.
Tipps müssen Neues bieten, ohne zu abseitig zu sein
Kau, die lange das Schloss Biebrich, eine beliebte Kulisse für Hochzeiten, mit ihrem Mann geleitet und nach eigener Aussage irgendwann eine „Braut-Allergie“ entwickelt hat, mag das Unkomplizierte hier am Strand, an dem sich, wenn die Sonne richtig steht, ein bisschen Südsee-Stimmung verbreitet. Sie habe das Ufer um einen schwimmenden Ponton erweitern wollen. Aber das, sagt sie, sei eine andere Geschichte. Mit ihrem Plan ist Kau gescheitert, denn Genehmigungen für schwimmende Pontons zu erhalten, scheint komplizierter zu sein, als einen wilden Schwan zu zähmen.
Das alles erzählt sie Moderator Tobias Kämmerer bei einem Glas Wein, den Blick auf die Mainzer Uferseite gerichtet. Kämmerer hört zu. Das kann er gut. Und er zeigt ehrliches Interesse. „Ich leide unter multipler Neugier“, sagt der Moderator später und sieht dabei ganz und gar nicht leidend aus. Drei Drehtage hat er, um den Fernsehzuschauern in dem Format „Tobis Städtetrip“ eine einzelne Stadt oder eine ganze Region in einer Folge näherzubringen. Drei Tage ist er dafür diesmal in Mainz-Amöneburg, Kostheim und Kastel unterwegs.

Das Besondere an dem Format: Selbst Kämmerer weiß nicht, auf wen er treffen oder was er erleben wird. Den Drehplan haben andere für ihn gemacht. Ein Team aus Redakteuren hat meist schon Wochen vor Aufzeichnungsbeginn vor Ort nach interessanten Gesprächspartnern und Geschichten gesucht. „Man darf mit den Themen und Tipps nicht zu abseitig werden“, sagt Redakteurin Christine Siepe. Gleichzeitig müsse man aber darauf achten, den Zuschauern immer wieder etwas Neues zu bieten. Die Balance zu finden, sei eine der vielen Herausforderungen in der Planung. „Die ersten sieben Google-Treffer versuche ich immer zu ignorieren“, sagt Siepe.
Eine andere Herausforderung ist es, mit der Ungewissheit zu leben, wie sich eine Sendung entwickelt. Denn Moderator Tobias Kämmerer stolpert vor laufender Kamera in die Situationen hinein, die für ihn zwar vorbereitet werden, auf die er selbst sich aber nicht vorbereiten kann. Seine Reaktionen auf Menschen und Situationen sind „roh“, es gibt kein Skript, keinen Interviewleitfaden. Kämmerer improvisiert, lässt sich von seinen eigenen Fragen, seiner Neugier und manchmal auch seinem Spieltrieb leiten. Ein bisschen ist es, als würde man einem Kind beim Entdecken der Welt zusehen. Dass dieser Eindruck entstehen kann, ist auch Kameramann Lukas Lowack zu verdanken.

Denn der hat ein Talent, in den richtigen Momenten präsent zu sein und doch unsichtbar zu bleiben, nah dran zu stehen – ohne Moderator und Gesprächspartner zu dicht aufzurücken. Möglich macht das auch die spezielle Kameratechnik, die bei der Aufzeichnung verwendet wird. Was aussieht wie ein Smartphone auf einem Selfie-Stick, ist in Wirklichkeit eine hochauflösende, ultraleichte Kamera, eine Osmo-Pocket der dritten Generation, mit der Lowack dem Moderator wie ein Schatten folgt.
„Ich kenne auch andere Kameras, das war dann die Zwölf-Kilo-Variante“, sagt Lowack. Da die Aufregung bei Menschen, die den Medienrummel nicht gewohnt sind, in Abhängigkeit zur Größe der Kamera aber steige, sei er dankbar um die Möglichkeiten, die sich durch die kleine Kamera ergeben. Die Menschen agierten natürlicher, wie Lowack sagt. „Es hat Mut gebraucht, diese Technik zu nutzen. Man muss dem Ding vertrauen, dass es das leistet, was es soll“, sagt der erfahrene Kameramann, der nicht bereut, das Experiment vor inzwischen 64 Folgen erstmals eingegangen zu sein. Ihm hat es eine neue Art zu filmen nähergebracht. Eine, bei der er versucht, die Situationen aus den Augen des Moderators zu sehen, ohne den Zuschauer zu vergessen. Eine, die zwar mit weniger Gewicht auskommt, deswegen aber nicht automatisch leichter ist.
Das Format lebt von Unplanbarkeit
Kämmerer mag den unauffälligen Auftritt, den das Team nicht zuletzt durch die spartanische Filmtechnik hinlegen kann. Fast gehen die Dreharbeiten im normalen Wochenendbetrieb rund um die Reduit-Kaserne am Rheinufer unter. Und genau das ist es, was der Sender mit dem Format „Tobis Städtetrip“ erreichen will. So viel Normalität wie möglich zeigen, um dann den Blick auf die manchmal verborgenen Besonderheiten zu lenken.
Um sich unauffällig in das Treiben einzufügen, wird bei der Produktion auf so ziemlich alles verzichtet, was sonst bei Fernsehaufnahmen aufgefahren wird. Moderator und Protagonisten gehen nicht in die Maske, alles ist so natürlich wie möglich. „Wir pudern hier nicht rum. Das, was wir machen, ist echt. Da braucht es keine Schminke“, sagt Kämmerer, der für die drei Drehtage immer wieder in demselben Outfit auflaufen muss. „Zur Not gibt es Rei in der Tube.“
An diesem Morgen ist das Shirt noch fleckenfrei, als Kämmerer von seinem Team zum nächsten Treffpunkt gelotst wird. Kameramann Lukas Lowack immer dicht auf den Fersen, tritt er in den Innenhof der Reduit-Kaserne ein. Pauken- und Trompetenklänge schlagen ihm entgegen, Kämmerer trifft dort auf die Jocus Musik- und Showband. Dem Moderator ist die Begeisterung anzusehen. Musik funktioniert für ihn immer. Mitmachen auch.
Noch vor dem ersten Handschlag, vor der ersten Vorstellungsrunde, dirigiert er die Formation, übernimmt später eine der Trommeln, marschiert noch etwas orientierungslos, aber taktsicher mit. Es bleibt eben ein Format, in dem Entdecken erlaubt ist und Neugier gelebt wird. Die Begegnung mit den Musikern, die auch außerhalb der Fastnachtszeit hier proben, wird nur eine von vielen Stationen sein, die Kämmerer auf seiner Reise durchläuft, auf der er ganz nebenbei erfährt, wieso Mainz-Kastel doch zu Wiesbaden gehört, auf der er Salsa tanzen, Fisch essen, Wein trinken und auf den Spuren der New Yorker Freiheitsstatue wandeln wird.
Eines vorweg: Schwan Karlheinz wird er nicht treffen. Der hat sich erst wieder blicken lassen, als die Kamera schon längst eingepackt und der Moderator abgezogen war. Der Strand in Mainz-Kastel verträgt eben nur einen Showmaster.
Staffelauftakt für „Tobis Städtetrip“ im hr, Dienstag, 11. August, 20.15 Uhr aus Mainz-Amöneburg, Kostheim und Kastel. Weitere Folgen am 18. August (Nordhessen) und 25. August (Marburg), jeweils 20.15 Uhr.
